Kurios


Dieter Rietz     ( 2003 )


Die deutsche Sprache enthält viele kuriose Worte und Wendungen. Sie sind unlogisch und trotzdem versteht jeder ihren Sinn.

Ich habe viele Beine. Jochbeine, Nasen-, Brust-, Steiß- und Schlüsselbein. Mit keinem davon kann ich mich fortbewegen und mit letzterem auch nichts auf- oder zuschließen. Glücklicherweise habe ich kein Holzbein und Elfenbein brauche ich nicht. Meine Lunge bleibt im Brustkorb eingesperrt und kann trotz ihrer Flügel nicht fortflattern. Auch meine Nase, ein Geruchsorgan, hat zwei Flügel und kann nicht fliegen. Sie läuft manchmal. Sie nimmt nicht gewahr, dass meine Socken qualmen, wenn ich meine Beine in die Hand nehme und mit einem Affenzahn unter einem Regenbogen hindurch über einen Sturzacker in eine Sackgasse renne, um ein Schlupfloch zu suchen. Dabei stolpere ich über einen Löwenzahn. Deshalb muss ich einen Augenblick warten, bis ich einen Lichtblick habe. Die Hühner könnten es mit ihren Augen. Aber mein Hühnerauge scheint blind zu sein. Ich besitze auch einen Blinddarm. Die Mediziner sprechen von Wurmfortsatz, obwohl er kein Wurm ist. Und ich bin kein Bücherwurm. Meine Standuhr geht, bewegt sich aber nicht vom Fleck. Sie schlägt alle vollen Stunden. Warum? Die tun ihr nichts. Im Kindergarten und im Tiergarten wird nichts angepflanzt. Ein Bildhauer prügelt kein Bild, denn er ist kein Haudegen. Er arbeitet an einem Standbild. Das sehe ich mit einem Fernglas, wenn ich es nahe vor meine Augen halte. Dann darf ich aber keine Tomaten auf den Augen haben. Ich habe eine Pechsträhne und werde vom Pech verfolgt. Manchmal halte ich ein Buch in der Hand, bin aber kein Buchhalter und erst recht nicht Schriftsteller. Auf einer Sandbank möchte ich mich ausruhen, obwohl sie nicht zu den Sitzmöbeln gehört, die sowieso nicht sitzen sondern stehen. Als Taucher sähe ich kein Luftschiff über mir. Es schwimmt nicht, es fliegt nicht, es fährt. Ein Backfisch könnte dort neben mir sitzen. Der zöge mich magnetisch in seinen Bann, vor allem, wenn bei ihm eine Laufmasche liefe. Jetzt sagt bestimmt jemand, der glaubt, mir haushoch überlegen zu sein, ich Flasche würde Maulaffen feilhalten und hätte Rosinen im Kopf. Ich würde nicht anziehend wirken, nur abstoßend. Dann säße ich fassungslos mit Maulsperre auf dem Trockenen und müsste Leine ziehen. Aber vielleicht ist dieses Schlitzohr auf dem Holzweg und ändert seine Meinung, wenn ich ihn in den Schwitzkasten nehme. Solche Rosskur bewirkt manchmal Wunder. Ich nehme den Telefonhörer und will den Arzt anrufen. Nur der Anrufbeantworter meldet sich, gibt mir aber keine Antwort. Ich schleppe mich zum Briefkasten. Die von mir sehnlichst erwartete Flaschenpost war nicht gekommen, nur eine Postwurfsendung von einer Ich-AG und die Bild-Zeitung, die ich Dummkopf abonnierte. Eine Zeitungsente springt mir ins Auge. Mir ist hundeelend. An das morgige Bergfest mag ich gar nicht denken. Mein Augapfel brennt und mein Kopf ist scheinbar geschwollen. Ich glaube, einen Wasserkopf zu bekommen. Schüttelfrost und Schweißausbruch wechseln einander ab und meine Ohren sausen. Aber nicht auf und davon. Zu allem Überfluss bekomme ich auch noch einen “flotten Otto”. Der Sargnagel schmeckt mir nicht. Ob ich die Löffel abgeben muss und ins Gras beiße? Beim nächsten Anruf beim Arzt meldet sich eine Schwester. Ich wusste gar nicht, dass der Doktor eine hat. Bisher hörte ich immer nur von seinen Brüdern. Ich klage der Dame mein Leid und sie fordert mich auf, den Stuhl mitzubringen. Ich überlege, ob ich einen Polsterstuhl oder einen anderen nehmen soll. Doch dann fällt der Groschen. Der Arzt will meinen Stuhlgang beurteilen.

Ich muss mich durch eine Blechlawine, in der einige Straßenkreuzer und vereinzelt eine Rostlaube rollen, hindurchschlängeln. Mir fällt ein, dass ich im Korridor das Licht nicht löschte. Nun brennt die Birne immer noch und ich möchte vor Wut kochen. Im Schneckentempo schleppe ich mich weiter und sehe einen Straßenmusikanten. Mitesser verunstalten sein Gesicht. Ob er am Hungertuch nagt? Ich glaube nicht, aber vielleicht leidet er an galoppierender Schwindsucht, denn man könnte ihm das Vaterunser durch die Rippen blasen. Vor ihm steht eine Untertasse. Eine Obertasse gibt es nicht. Warum? Auf dem Teller liegt eine Banknote. Die stammt garantiert nicht von einem Geizhals. Beim Weitergehen verliere ich den Mann aus den Augen und zerbreche mir den Kopf. Wo habe ich den schon mal gesehen?

Endlich erreiche ich die Arztpraxis und staune Bauklötzer. Der Doktor ließ eine Bruchbude in einen Schmuckkasten verwandeln. Er muss in Geld schwimmen, denke ich mir und trete ein. Eine Türglocke schrillt. Von Glockengeläut keine Spur. Meine Platzsuche ist vergeblich. Ich muss Schlangestehen. Ein Wandspruch fällt mir stumm ins Auge und aus einem Lautsprecher ertönt leise Musik. Endlich wird mein Name aufgerufen. Der “Medizinmann” hat einen Sack voll Fragen an mich. Dann gibt er mir ein Rezept und ordnet Bettruhe an.

Nun bin ich wieder daheim, liege im Bett und denke, wie kurios vieles ist.

(c) Dieter Rietz / Pirna


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