In Westberlin


Dieter Rietz     ( 2006 )


Im Mai 1961 fuhren Walter und Manfred nach Berlin. Sie wollten eine Tante besuchen. Irgendwann in der Kriegszeit hatte Manfred sie mal gesehen. Dabei bekam er den Eindruck, sie sei eine vornehme Dame und hörte, sie wohne in Berlin-Neukölln in der Hermannstraße im 1. Gartenhaus, parterre. Das ist bestimmt so etwas wie eine Villa, stellte sich Manfred vor. Bei dieser Ansicht blieb er, bis er ihr Domizil erreichte. Er durchschritt den Torweg des Vorderhauses, sah eine 10qm große Rasenfläche mit einer kümmerlich gewachsenen Birke und einen dreistöckigen Altbau. Vorder- und Hinterhaus standen so nahe beieinander, dass die Sonne kaum den Erdboden erreichen konnte. Walter und Manfred hatten ihren Besuch nicht angekündigt. So kam es, dass sie vergeblich läuteten. Was nun? Für die Rückreise war es noch zu früh. Die beiden jungen Männer gingen zurück auf die Straße. Sie sahen ein Plakat: “Der neueste Horrorfilm aus den USA. Heute in unserem Programm.” Manfred sagte zu Walter: “Horrorfilm? Was ist das? Den müssen wir uns ansehen.” Erwartungsvoll nahmen beide im Kino Platz. Das Geschehen auf der Leinwand fesselte sie. Das angstverzerrte Gesicht eines Lastwagenfahrers, der einem Ungeheuer nicht entkommen konnte, prägte sich Manfred tief ein.

Weil sie noch etwas Westgeld besaßen, beschlossen Walter und Manfred einen Kaffee zu trinken. In einer Imbissstube wurde eine silberglänzende Tasse mit einem Kännchen darauf vor sie auf den Tresen gestellt. Sie hoben das Kännchen hoch und blickten in eine leere Tasse. Ein neben ihnen stehender Mann sagte, sie müssten warten, bis der Kaffee durch den Filter gelaufen sei. Von zu Hause kannten sie keinen gefilterten Kaffee. Manfred und Walter wurden hochrot im Gesicht. Sie spürten, der Mann bemerkte, dass sie aus der Provinz kamen. Sie tranken so schnell sie konnten, sich fast die Zunge verbrennend die Tasse leer und verließen fluchtartig den Raum.

Im Freien suchten sie sich eine Bank und rauchten mehr als ihnen lieb war. Die “Ernte 23” mussten alle werden. Nichts durfte darauf hinweisen, dass sie in Westberlin waren. Manfred und Walter sprachen ab, was sie bei einer eventuellen Kontrolle aussagen wollten. Nichts sollte dem Zufall überlassen werden, denn es war nicht sicher, ob sie wieder soviel Glück wie in den Vormittagsstunden haben würden. Zu tief saß in ihnen der Schock, den sie bei der Einreise nach Berlin erlitten.

Erfreut hatte Manfred Walters Angebot einer Fahrt nach Berlin angenommen. Was sich dabei ereignen würde, ahnten sie nicht. Im Trabbi sei noch ein Platz frei. Ein Ehepaar käme auch mit. So hatte Walter gesagt. In Nauen wollte er, weil er erst wenig Fahrpraxis besaß, das Fahrzeug abstellen. Von dort könnten sie bequem mit der S-Bahn nach Berlin weiterreisen. In Falkensee blieb die Bahn längere Zeit stehen. In jeden Wagen kamen Grenzposten der DDR. “Die Ausweise bitte.” Manfred gab seinen hin und bekam ihn sofort zurück. Walters Ausweis behielt der Kontrolleur in der Hand, auch die Aueweise des Ehepaares und forderte dann Manfred auf, seinen nochmals zu übergeben. “Bitte steigen Sie aus. Alle vier”, wies er an.

Manfred wurde in einen Raum geführt, musste alle Taschen seiner Kleidung leeren und wurde befragt: “Was wollen Sie in Berlin?” “Den Tierpark besuchen und einen Bummel machen durch die Prachtstraße, die früher Stalinallee hieß.” “Ich weise Sie darauf hin, wir können Sie 24 Stunden festsetzen, wenn Sie uns nicht die Wahrheit sagen. Haben Sie Verwandte oder Bekannte in Westberlin? Wollen Sie die besuchen?” “Eine Tante in Neukölln. Aber die geht arbeiten, so viel ich weiß.” “Wer ist das Ehepaar? Was haben die vor?” “Das weiß ich nicht. Die sah ich heute das erste Mal.” “Warum haben Sie soviel Geld bei sich? Was wollen Sie damit?” “Ich habe Prämie bekommen und vergessen, es rauszulegen.” “Sie können Ihre Sachen wieder einstecken. Nehmen Sie draußen Platz.” Manfred saß kaum, als Walter aus einem anderen Raum kam, gefolgt von einem Grenzposten. Dieser winkte Manfred zu sich in sein Zimmer und es kamen die gleichen Fragen wie beim ersteren, aber auch die gleichen Antworten. Dann bekam Manfred seinen Ausweis zurück und durfte das Gebäude verlassen. Wenige Minuten danach erschien Walter. Auch er war von beiden Grenzern, die sich flüsternd kurz über die gemachten Angaben ausgetauscht hatten, befragt worden. Das Ehepaar war nicht zu sehen. Mit der nächsten S-Bahn setzten Walter und Manfred ihre Reise fort. Leise unterhielten sie sich über die Befragung und stellten erleichtert fest, zufällig gleich lautende Aussagen über ihre Besuchsziele gemacht zu haben.

(c) Dieter Rietz / Pirna


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