Hickhack-Demokratie


Dieter Rietz     ( 1993 )


Die alten Griechen prägten das Wort “Demokratie” und wollten damit ausdrücken, dass das Volk herrsche, wobei aber Frauen, Sklaven, Jugendliche und Männer über 60 ausgeschlossen blieben. Nur die freien Männer hatten über das Wohl und Wehe der Bewohner der Stadtstaaten zu entscheiden.

Im Laufe der vielen Jahrhunderte entwickelten sich aus dieser Volksherrschaft bürgerliche, parlamentarische und auch sozialistische Demokratie als Staatsform. Reichlich vierzig Jahre lebte ich in einem Land, das in seiner Staatsbezeichnung betonte, demokratisch zu sein. Das Volk wurde bei allen wichtigen Entscheidungen einbezogen. Es regierte mit. So verkündeten es die Medien. Wer wollte, durfte es auch glauben, denn die obersten Volksvertreter nahmen, von einer einzigen Ausnahme abgesehen, grundsätzlich alle Beschlüsse und Gesetze einstimmig an. dass sie damit nur den Wünschen und Forderungen einiger weniger entsprachen, stand nicht zur Diskussion, und da diese wenigen den Blick für die Realitäten verloren hatten, konnte das Fiasko nicht ausbleiben. Die sozialistische Demokratie schaufelte sich das eigene Grab.

Hilfreiche Hände brachten uns als Ausweg die wahre demokratische Demokratie. Erstmals nach mehr als vier Jahrzehnten durften wir uns entscheiden, und können es alle vier Jahre wieder, ob wir unsere Wünsche, Hoffnungen und Forderungen einem Kandidaten einer kleinen Partei anvertrauen oder lieber einem Christ-, einem Sozialdemokraten oder einem freien Demokraten. Alle versprachen und werden es immer wieder, unser Bestes zu wollen. Wenn einige Wähler enttäuscht sind oder sich gar betrogen fühlen, weil ihr Auserwählter gemachte Versprechungen vergaß, sind sie selber schuld, denn einerseits konnte niemand ahnen, wie sich alles entwickeln würde, und andererseits sind die Gewählten niemandem Rechenschaft schuldig, nur dem eigenen Gewissen. So ist das nun einmal in einer Demokratie. Und das Schöne an der wahren Demokratie ist, dass die führenden Parteipolitiker mit ihrer Meinung nicht zurückhalten. Wochen-, monatelang verteidigen sie ihren Standpunkt, kritisieren heftig die Vertreter der anderen Parteien, und schließlich sind sich doch alle einig. Sie finden einen Kompromiss. Notfalls rufen sie das Verfassungsgericht an, um eine getroffene Entscheidung doch noch zu Fall zu bringen.

Über Probleme, von denen der überwiegende Teil der Bevölkerung betroffen wird, zum Beispiel die Maastrichter Verträge, oder betroffen sein könnte, ich denke dabei an Kampfeinsätze deutscher Soldaten im Ausland, müsste das Volk direkt entscheiden. Aber Volksabstimmungen sieht das Grundgesetz nicht vor, und einige Politiker behaupten gar, sie trügen nicht zur Handlungsfähigkeit der Demokratie bei.

Wer kann mir erklären, wie in dieser Demokratie das Volk herrscht?

(c) Dieter Rietz / Pirna


zurück zur Seite Dieter Rietz
zurück zur Seite Vita und Werke
zurück zur Startseite

Hickhack-Demokratie

BLAutor - Arbeitskreis blinder und sehbehinderter Autoren - www.blautor.de