Golfi


Dieter Rietz     ( 2006 )


Missmutig hockte Golfi, der alt gewordene, aber immer noch rüstige Zwerg, vor der Hütte. Bedächtig strich er mit seinem goldenen Finger, dem er auch seinen Namen verdankte, durch den schlohweißen Bart. Er haderte mit dem Schicksal. Warum musste es ihm, gerade ihm, zustoßen? Im Bergwerk hatte sich unerwartet ein Felsbrocken gelöst und ihm den Fuß zerschmettert. Nun durfte er nicht mehr einfahren. Seine Kameraden hatten es ihm verboten. Er murmelte vor sich hin: “Hätte das nicht zwei Monate vorher passieren können, wenn es schon passieren musste? Damals war Schneewittchen noch hier und ich hätte verhindert, dass sie den vergifteten Apfel isst. Ich kenne ihre Stiefmutter und hätte deren Absicht sofort erkannt. Warum hat Schneewitchens Vater dem Treiben seiner zweiten Frau tatenlos zugesehen? War ihm alles egal oder hatte er Angst vor ihr? Liebte er seine Tochter nicht? Wenn ich das wüsste. Doch nun ist alles zu spät. Hat der Königssohn ein prächtiges Grabmal für die schöne Tote errichten lassen? Ich hoffe es. Wir müssen ihm mal schreiben. Wird er unsere Zwergenschrift entziffern können? Ich glaube es kaum. Wir müssen also eine andere Möglichkeit finden. Es gibt jetzt doch schon so moderne Geräte, mit denen man Emils oder wie das heißt, versenden kann und der Empfänger kann alles mühelos lesen. Von so etwas träumte ich. Ich werde mit den Kameraden darüber sprechen und dann beschaffen wir uns so ein Ding. Edelsteine zum Bezahlen haben wir genug. Für die böse Alte könnten wir einen Edelstein verzaubern, so dass er sich in sie einbrennt bis ihr eisiges Herz schmilzt und sie ihre Seele aushaucht. Sie hat die Strafe verdient.” Bei diesem Gedanken wurde er fröhlich. Sogar das Holzbein, das ihm die Wichtelmänner geschnitzt hatten, begann zu tanzen.

Überrascht hielt er inne, denn der Postbote brachte einen großen, dicken Brief mit einer winzigen Krone als Siegel. Was mag darin stehen? Die Neugier wuchs von Minute zu Minute. Er blickte auf die Uhr. Noch zwei Stunden müsste er warten, bis seine Kameraden von der Arbeit kämen. Das war zu lange. Er öffnete den Umschlag und las. Dann jubelte er. Das war ein Grund zum Feiern. Schnell tauschte er die silbernen Becher, die sie täglich benutzten, gegen goldene aus und stellte eine besonders große Karaffe mit Kristallwasser in den Kühlschrank.

Nachdem sich alle Wichtelmänner, laut durcheinander schwatzend, an den Tisch gesetzt hatten, gebot Golfi Ruhe: “Hört, was uns der Königssohn, dem wir das tot geglaubte Schneewittchen überließen, schreibt.”

“Ihr lieben Zwerge. Mit großer Freude teile ich euch mit, dass Schneewittchen durch ein Wunder den vergifteten Apfel erbrach. Sie ist seitdem vollkommen gesund und wird immer schöner. In sechs Wochen feiern wir Hochzeit und laden euch dazu herzlichst ein. Die böse Stiefmutter lasse ich zu dem Fest holen. Sie soll auf dem Schlosshof in glühenden Stiefeln tanzen, bis sie tot umfällt.”

Die Zwerge erhoben ihre Becher und riefen im Chor: “Hoch lebe das Paar!” Dann berieten sie, was sie als Hochzeitsgeschenk überreichen wollten. Sie entschieden, für die Braut ein Herz und für den Bräutigam ein Zepter zu schmieden. Beide Gaben würden aus purem Gold gefertigt und mit einem wundertätigen Edelstein geschmückt, der ein langes Leben ohne Krankheit beschert. Einer der Zwerge äußerte, sie müssten den Königssohn überzeugen, dass es besser sei, wenn das Mädchen ihre Stiefmutter nie wieder sehe. Die böse Alte dürfe auch nicht so leicht davonkommen. Man müsse ein Mittel finden, welches sie lange peinlich quält.

“Diese Frau will doch die Schönste sein und liebt Spiegel. Schicken wir ihr einen Zauberspiegel, der sie an ihren Hof bindet und den sie nicht aus der Hand legen kann. Er soll ihr zeigen, wie sie von Monat zu Monat hässlicher wird. Eines Tages wird sie ihren Anblick nicht mehr ertragen können und einen vergifteten Apfel verzehren.” Die Wichtel stimmten dem Vorschlag zu, beschlossen aber, das Einverständnis des Königssohnes einzuholen.

Zum Hochzeitsfest erschienen die Zwerge in ihren schmucken Bergmanns-Paradeuniformen und wurden von allen Gästen bewundert. Die Braut musste die Zwerge lange inständig bitten, am Hofe zu bleiben. Sie willigten schließlich ein, weil ihnen erlaubt wurde, Leibwache für die Schneewittchen-Konigin zu sein.

Es war ein bezauberndes Fest, an dem ich teilnahm. Allen mundete das Kristallwasser der Wichtelmänner. Auch mir schenkten sie ein Fässchen. Leider ist nicht mehr viel drin, sonst hätte ich euch ein Gläschen spendiert.

(c) Dieter Rietz / Pirna


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