Gesucht

(Fortsetzung zu "Die Trauminsel")


Dieter Rietz     ( 2008 )


Auch heute, wie an vielen Tagen zuvor, saß Hedwig am Strand. Gedankenversunken blickte sie auf das Meer. Wann käme die Rettung? Wann würde sie aus ihrer Einsamkeit erlöst? ,Vor einem halben Jahr sandte ich mit einer Flaschenpost einen Hilferuf ', denkt sie. Würde der gefunden? Wann und von wem? Sie war fast verzweifelt, weil bis jetzt nichts geschah. Doch sie wollte die Hoffnung nicht aufgeben. Irgendwann müsste ihr das Glück hold sein. Deshalb saß sie Tag für Tag am Ufer. Auf einmal entdeckte sie am Horizont einen winzigen Punkt. Er war weit, sehr weit entfernt, näherte sich jedoch langsam, wurde größer und größer. Ein Floß erreichte die Insel. Ein Freudentaumel ergriff Hedwig. Sie erstarrte fast vor Überraschung, als sie die angekommene Person erblickte. Ein nicht anziehend wirkender Mann. Er bemerkte ihre Angst und sprach leise: "Sei unbesorgt. Ich bin Hartmut. Viele Jahre lebte ich einsam auf einer Trauminsel. Es war mein sehnlicher Wunsch gewesen, doch im Laufe der Zeit wurde mir die Einsamkeit zuwider. Dann fand ich die Flaschenpost mit deinem Foto, deinem Namen und der Erklärung, wo du zu finden seiest. Schau, hier ist das Bild. Da gab es für mich kein halten mehr. Ich wollte dich suchen und finden. Gewiss erschreckte dich mein Anblick. Mit meinen langen zu einem Zopf geflochtenen Haaren und dem Rauschebart sehe ich nicht gerade anziehend aus. Leider besitze ich weder Rasierzeug noch Schere. Doch du kannst mir helfen, dass ich wieder ein hübscher Mann werde." Er schwieg und setzte sich neben sie. Strahlend sah sie ihn an und sagte: "Das will ich gern. Ich bin so glücklich, dass du gekommen bist. Nun bin ich nicht mehr allein auf dieser einsamen Insel und muss mich nachts nicht mehr vor wilden Tieren fürchten. Erzähle mir bitte von dir." Ausführlich berichtete er über sein Leben und fragte dann: "Warum lebst du hier einsam und verlassen?" Sie erwiderte: "Mein Mann fand eine andere Frau, die ihm besser gefällt. Er will von mir nichts mehr hören und sehen und ließ mich deshalb auf diesem eintönigem unbewohntem Eiland aussetzen, ein Haus für mich bauen, und mit gediegenen Möbeln einrichten. Sogar Fernseher und Kühlschrank und ein Notstromaggregat ließ er herbringen. Mit der Beleuchtung bin ich sparsam. Aller zwei Wochen kommt ein Schiffchen mit Brot, frischem Gemüse, Lebensmittel, Öl und manchmal Kleidung für mich. Geld spielt für meinen Mann keine Rolle. Er erklärte, er würde für mich sorgen lassen, solange ich hier bleibe. Aber wenn ich die Insel verlasse, käme er für nichts mehr auf. Dann seien wir geschiedene Leute, sagte er mir." "Ein sonderbarer Mensch, dein Ehemann. Ist er mit der anderen glücklich?" "Ich weiß es nicht. Interessiert mich auch nicht. Ich wäre froh, wenn wir beide hier wie Kameraden miteinander leben. Wärest du dazu bereit, Hartmut?" "Ja, Hedwig. Wenn wir uns richtig kennen lernen und uns gut verstehen, könnten wir in einem anderen Land ein neues Leben als Mann und Frau anfangen. Warten wir ab, wie sich alles entwickelt." Sie erhoben sich und gingen nach dem Haus. "Willkommen, Hartmut. Jetzt werde ich dir die Haare schneiden, den Bart stutzen und dich in einen schönen Mann verwandeln." Geschickt hatte sie ihr Werk vollbracht und er war überrascht, als er sich im Spiegel betrachtete. Dann tranken sie ein Glas Wein und gaben sich einen Bruderkuss.

(c) Dieter Rietz / Pirna


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