Gestern und heute


Dieter Rietz     ( 1994 )


Gemächlich kam Heinz, ein großer, schlanker Mann, aus dem Supermarkt geschlendert, strich sich mit der breiten Hand durch das lange, dichte Haar, zupfte am gepflegten Schnurrbart und überlegte, wohin er nun gehen wolle. Die zeitigen Vormittagsstunden nutzte er gern zum Bummel durch Kaufhäuser, Super- und Baumärkte. In Ruhe konnte er Angebot und Preise studieren und vergleichen. Kaufen wollte er selten etwas, nur schauen. Was es jetzt alles gab! In der DDR-Zeit hatte er in Intershops zwar supermoderne Geräte gesehen oder darüber reden gehört, wenn Kollegen Westbesuch hatten. Aber mit dem Heute war es nicht zu vergleichen. Bei seinen Bummelgängen fiel ihm auf, dass im Laufe der Zeit immer mehr Industriewaren- und Lebensmittelgeschäfte schlossen. Diese Tante-Emma-Läden waren der Konkurrenz sicherlich nicht gewachsen gewesen. Vor einem Bauzaun blieb Heinz stehen. Auf einer Tafel las er: ’Hier entsteht ein Autohaus’. Ungläubig schüttelte er den Kopf. Noch eines? Ob die überhaupt noch etwas verkaufen können? In der Vergangenheit hieß es, jahrelang warten, ehe man einen Trabbi, Wartburg oder ein Auto aus den östlichen Ländern kaufen konnte. An einen Westwagen war kaum zu denken. ’Vieles hat sich geändert. Aber leider nicht alles zum Guten. Schade, dass ich mit niemandem darüber quatschen kann’, sinnierte Heinz. Dass die Zellstoff-Fabrik, die heruntergewirtschaftete Stinkbude, abgerissen wurde, freute ihn. Ob die paar hundert Leute, die dort beschäftigt waren, auch so empfanden, wusste er nicht. Er dachte nur an seinen Druckmaschinen-Betrieb, einen der modernsten in Europa. Er wurde stillgelegt, weil der Absatz nicht garantiert sei. Aber wenige Monate später erfolgte in einem anderen ostdeutschen Bundesland durch ein Konkurrenzunternehmen die Grundsteinlegung für ein neues. Das blieb für Heinz unverständlich. In Gedanken sah er sich wieder an der Drehmaschine stehen, erinnerte sich an die Überstunden, die sie regelmäßig im Dezember leisten mussten, damit der Plan erfüllt werde, und dass sie dann im Januar, Februar häufig Däumchen drehten, weil Material fehlte. ’Warum klappte die Planwirtschaft nicht? Aber warum soll ich mir darüber den Kopf zerbrechen? Es ist ja alles aus und vorbei’ dachte Heinz oft. Er hielt Ausschau nach einem Imbiss-Stand, bei dem er für wenig Geld einen Happen essen könnte. Dann ging er zu seiner Parkbank. Vom Fußweg war sie nur durch einen schmalen Rasenstreifen, den einige Büsche zierten, getrennt. Von hier aus versuchte Heinz in den Mienen der Passanten zu lesen und freute sich, wenn er Satzfetzen auffangen konnte, denn die Einsamkeit bedrückte ihn noch mehr als alles andere. Manchmal dachte er auch an seine noch vor der Wende geschiedene Ehe. Vereinsamt saß er nun hier, fast täglich, stundenlang.

Ein grauhaariger, rotgesichtiger, breitschultriger, einen Bierbauch vor sich hertragender Mann trat an die Bank. “Gestattest du?” und ohne eine Antwort abzuwarten, setzte er sich ächzend. Nach den üblichen Äußerungen über das Wetter und Tagesereignisse erklärte er, dass er in den Vorruhestand geschickt wurde und seitdem oft im Park spazieren gehe, denn zu Hause fiele ihm die Decke auf den Kopf. Solange seine Frau noch lebte, sei es anders gewesen. Unvermittelt, wobei er betonte, nicht neugierig sein zu wollen, fragte er Heinz, ob der arbeitslos sei. Er sähe noch sehr jung aus und wäre trotzdem regelmäßig lange Zeit auf dieser Bank zu sehen. “Ich bin Erwin, damit du’s weißt”, schloss er seinen Redeschwall, in den häufig ein ’Mann-o-Mann’ einfloss.

Heinz zögerte mit der Antwort, denn der Mann war ihm unbekannt. Andererseits hätte er endlich jemanden, mit dem er sprechen könnte. Heinz erwiderte, meist in abgehackten Sätzen sprechend , zweiunddreißig wäre er, hätte immer hart gearbeitet, an den Händen könne man es noch erkennen, aber nun sei er Langzeitarbeitsloser. Seufzend fuhr er fort, er wisse noch nicht, wovon er zukünftig die Miete, die auch bald höher werde, bezahlen solle, weil er demnächst nur noch Arbeitslosenhilfe bekomme. Wohngeld habe er beantragt, aber, dabei klang seine Stimme sarkastisch, die Behörden würden im Schneckentempo arbeiten. Ehe die entschieden hätten, sitze er vielleicht als Obdachloser hier. Solche Sorgen hätte es in der DDR nicht gegeben, oder ob Erwin anderer Meinung sei und sagte beiläufig, er heiße Heinz. Er berichtete dann, dass er aus Langeweile viel durch die Stadt renne, sich seine Gedanken mache, wenn er die Liquidierung von Geschäften und Betrieben feststelle, aber auch über das rege Baugeschehen. Leider würden meist Bürobauten, jedoch keine bezahlbaren Wohnungen entstehen. Ob das etwa gut wäre, wollte er wissen und fügte im gleichen Atemzug hinzu, dass jetzt endlich viele Altbauten in Ordnung gebracht würden. Saniert sage man wohl dazu. Warum hätte in der DDR keiner daran gedacht?

Bei dieser Äußerung widersprach Erwin energisch. Von seinen Eltern habe er ein Vierfamilienhaus geerbt und hätte sich stets geschämt, wenn er Passanten sagen hörte, das sei auch ein vergammeltes Gebäude. Die Fenster waren hin, und vom Putz nur noch spärliche Reste erkennbar. Dem Bauamt habe er förmlich die Bude eingerannt und sei jedes Mal vertröstet worden, dass es vielleicht im übernächsten Jahr eingeplant werden könne, aber bis dahin seien alle Reserven schon ausgeschöpft. Mit dem Dach hätte es besser geklappt, weil denen da oben die ’Aktion Dächer dicht’ eingefallen war. Erwin sagte: “Mann-o-Mann, wir sind von einem Extrem ins andere gefallen. Früher kriegtest du kein Material und kaum einen Handwerker oder nur Schwarzarbeiter und heutzutage wird man mit Angeboten überschüttet. Aber wenn man die veranschlagten Stundenlöhne erfahre, Mann-o-Mann, dann stehen einem die Haare zu Berge.” In dieser Hinsicht hätte er noch Glück gehabt, weil er kurz nach der Wende einen Kredit zu günstigen Bedingungen aufnehmen konnte, ergänzte er und schnaufte. Anscheinend bereitete ihm die Körperfülle Schwierigkeiten beim Atmen. Nach einem Weilchen fuhr er fort, dass auch er die Mieten anheben musste, weil sie zuvor kaum für die Begleichung der Abgaben an die Stadt reichten. In der DDR hätte die Miete doch nur symbolischen Wert gehabt, und trotzdem hätte eine Familie aus den besseren Kreisen oft monatelang nicht gezahlt. Die hätten stattdessen kostspielige Reisen gemacht und auf großem Fuße gelebt. Kündigen durfte er denen nicht, weil die DDR keine Obdachlosen wollte. Schmunzelnd fragte er Heinz, ob der sich vorstellen könne, dass die jetzt wie umgewandelt seien. Aber die wüssten genau, dass sie woanders nicht so billig wohnen können.

Klapp-klapp, klapp-klapp vernahmen Heinz und Erwin. Das Klapp-klapp kam näher, und dann sahen sie den weißen Stock in der Hand eines schlanken Mannes, der lauschend vor ihnen stehen blieb. Hier sei noch Platz, rief Heinz ihm zu. “Danke. Aber bitte nicht so laut. Ich bin nicht schwerhörig. Ich bin nur blind.” Bei diesen Worten setzte sich der Angesprochene. Heinz musterte ihn ungeniert und fragte dann, ob dem Kumpel eine Laus über die Leber gelaufen wäre, denn er sähe so verbittert aus. Sein Name sei Gerhard, teilte der Blinde mit, und Kumpel möchte er nicht noch einmal hören, denn das wären sie keinesfalls. Kaum hörbar antwortete er dann: “Verbittert sehe ich aus? Hätte ich nicht gedacht, aber Grund dazu habe ich.” Seit sein Betrieb Pleite ging, habe er bei jeder Bewerbung eine fadenscheinige Absage erhalten. Anscheinend sei er nutzlos und solle mit vierzig schon zum alten Eisen gehören. Das mache ihn so fertig. Heinz warf ein, dass ihn auch keiner wolle, obwohl er acht Jahre jünger sei und einen Facharbeiterabschluss habe. Gerhard dagegen sei doch sicherlich finanziell gut abgesichert, bekomme Rente und noch dazu Blindengeld. “Wollen wir tauschen?” fragte Gerhard und spürte die abwehrende Handbewegung, die Heinz machte. “Siehst du, das will keiner. Alle sehen nur das Geld, aber nicht, dass ich isoliert, ausgeschlossen bin. Verstehst du mich?” Darauf wollte oder konnte Heinz nichts erwidern.

Nach einigen Minuten unterbrach Erwin die eingetretene Gesprächspause und erklärte, er könne sich in Gerhards Lage versetzen, alle drei seien sie in einer ähnlichen Situation, sie hätten ihren Arbeitsplatz verloren und müssten nun zusehen, wie sie die ungewollte Freizeit verbrächten. Er fragte, ob sie sich auf dieser Bank zukünftig regelmäßig treffen wollen, um über das Gute und Schlechte von Gestern und Heute zu reden. Sicherlich habe jeder von ihnen unterschiedliche Erfahrungen gemacht, und die Meinungen würden nicht immer übereinstimmen. Außerdem könnten sie zu dritt durch die Stadt spazieren. Auf die Gespräche freue er sich, äußerte Gerhard, aber die Spaziergänge lehne er ab, denn es passiere viel zuviel, und er kenne seine neuen Partner noch zu wenig und könnte kaum feststellen, wohin sie ihn führen. Das stimme, entgegnete Heinz und wunderte sich zugleich, dass sich Gerhard trotzdem zu ihnen gesetzt habe. Darauf antwortete dieser, dass er den Park gut kenne und wisse, in der Nähe wären immer Leute, die er rufen könnte. Ob die helfen würden, bezweifelte Erwin.

Gerhard tastete seine Uhr ab und sagte, dass er nun seiner Frau, die bald Feierabend habe, entgegen gehen wolle. “Vielleicht bis morgen, hier zur gleichen Zeit”, verabschiedete er sich. Auch Heinz und Erwin gingen.

(c) Dieter Rietz / Pirna


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