Geld


Dieter Rietz     ( 2004 )


Als seine Frau noch lebte, war ein Mittagsschläfchen im Armlehnstuhl für Erwin bereits eine angenehme Gewohnheit geworden und der blieb er treu. Er brauchte ihn jetzt, wo er die siebzig schon überschritten hatte, noch nötiger. Seine Haare büßte er inzwischen ein, aber ein prächtiger, schlohweißer Backenbart zierte sein Gesicht. Sein gelegentliches Schnarchen störte die Katze, die sich an das Bierbäuchlein schmiegte, nicht. Erwin war gerade erwacht, als sein Enkel Ralf, ein fünfzehnjähriger, hoch aufgeschossener, spindeldürrer, schwarzlockiger Junge, in der Wohnung erschien. “Opi, du hast doch ’ne Menge Mäuse. Jeb mich mal davon welche.”“Müs? Müs soll i hebb’n? Ne, min Jung. Müs heww i keene. De fritt mien Katt all wech.”“Opa Erwin, red mit mich richtjes Deutsch. Wisste mir nich vastehn? Knete oder Moos, Kröten oder Zaster, oder wat weeß ick, wie de dazu sachst. Moneten will ick von dich.”Verdutzt schaute der alte Herr. Geld? Geld wollte der Enkel? Und in diesem Ton? So kannte er den Jungen bisher nicht. Er war immer nett, lieb und hilfsbereit. Und nun so was! , Was ist bloß in den Bengel gefahren?’ überlegte der Großvater. Er stand vor einem Rätsel und dachte an seine Jugendzeit und seine Eltern. Sie hatten immer ärmlich gelebt, aber stets an einen Notgroschen gedacht, denn sie wussten, einen Goldesel oder einen Dukatenscheißer gibt es nur im Märchen. Aber im Kaiserreich ließen sie sich hereinlegen, glaubten an den Sieg der Deutschen im Weltkrieg und gaben Gold für Eisen. Wenige Jahre später büßten sie ihr kärgliches Spargeld ein, denn das Inflationsgeld verlor von Tag zu Tag an Wert. Aber diese Ereignisse und Notgeld kannte Erwin nur aus den Erzählungen der Eltern.

Im Laufe seines Lebens lernte er die verschiedensten Währungsbezeichnungen kennen. RM für Reichsmark, DM für Deutsche Mark, wobei im Aussehen und Wert des Geldes ein Unterschied zwischen Ost- und Westdeutschland bestand. Es folgten in Ostdeutschland MDM für Mark der Deutschen Notenbank und M für Mark der DDR. Boshafterweise sprachen einige von Honeckers Spielgeld und von Alu-Chips. , Ja, ja. Durch den Geldumtausch bei der Währungsunion bekam auch ich die westdeutsche harte D-Mark, büßte aber fast die Hälfte meines Ersparten ein. Genau genommen bin ich dabei aber nicht schlechter gefahren. Und nun gibt es nicht nur in Deutschland den Euro, besser gesagt den Teuro, und als Hartgeld habe ich Euro-Cent statt Pfennigmünzen. Aber für mich gilt weiterhin, wer den Pfennig nicht ehrt, ist den Taler nicht wert."

“Fällt bei dich der Jroschen imma so langsam?” riss ihn Ralf aus den Gedanken. “Ich will Jeld.” “Hör mal, deine Eltern geben dir doch reichlich Taschengeld. Warum forderst du von mir was? Darum zu bitten, hast du anscheinend vergessen. Wofür brauchst du es?” “Det kann ick dich nich saren.” “Dann brauchst du auch keins.” “Doch. Abba det sollen meine Alten nich wissen. Deshalb kam ick zu dich.” “Wie redest du denn von deinen Eltern?” “Is doch klar. Die meckern imma mit mich rum. Jibst du mich bitte Jeld, lieba Opa?” “Das hört sich schon besser an. Ich wird’s mir überlegen. Aber du musst mir schon sagen, wofür du es brauchst.” “Nee.” “Dann eben nicht. Du bist selbst Schuld, wenn du nichts bekommst. Aber es ist gut, dass du hier bist, Ralf. Fülle mir bitte den Antrag für Wohngeld aus. Ob ich welches bekommen werde, ist nicht sicher. Aber Mietzins und Wassergeld sind gestiegen. Nur das Altersruhegeld nicht. Auch so ein neumodischer Begriff. Aber für mich reicht es. Ich brauche doch nicht mehr viel. Andere müssen mit weniger auskommen.”

Das letztere brubbelte Erwin vor sich hin. Dann murmelte er, dass man beim Krankengeld und den Pflegeleistungen sparen und das Blindengeld sogar streichen wolle. Das Sterbegeld wird auch abgeschafft. Andererseits versuche man aber, noch mehr Steuergelder einzutreiben. Aber daran seien die Politiker schuld. Einige nehmen Schmier- und Bestechungsgeld, denn Geld stinkt nicht. Sie würden für Geld ihre eigene Großmutter verkaufen und den Teufel für Geld tanzen lassen.

“Opi, sachtest du wat von Schmierjeld? Wat meenste damit?” “Einige wollen schnell zu Geld kommen. Die kriegen den Hals nicht voll genug und wollen auf großem Fuß leben. Deshalb lassen sie sich von Firmen heimlich Geld geben, die dann große Geschäfte machen. So war es zum Beispiel mit den Müllverbrennungsanlagen in Köln. Weißt du, Junge, in der Politik ist es auch nicht besser. Geld regiert die Welt und wer Geld in Hülle und Fülle hat, hat die Macht und kauft sich die Leute. Und wenn in einem anderen Land die Regierung nicht nach ihrer Pfeife tanzt, drehen die Geldhaie den Geldhahn zu. Das sind doch alles falsche Fuffziger, die keinen Sechser wert sind.” “Opa, wer in Jeld schwimmt, is der jlücklich?” “Ich weiß es nicht. Man sagt, es beruhigt. Aber Gesundheit kann man dafür nicht kaufen und wegen Geld gibt es in manchen Familien auch Zank und Streit, denn bei Geld hört die Freundschaft auf. Wahre, echte Freundschaft ist auch nicht mit Geld zu bezahlen.” “Opi, haste von die Jeldschrankknacker jehört? Die soll’n Fersenjeld jejeben ham als de Bullen ufftauchten. Neulich hab ick von Kopfjeld jelesen. Wat soll det denn sein?” “Wenn die Polizei eine Belohnung verspricht, damit man Verbrecher aufspüren kann, zum Beispiel Entführer, die Lösegeld fordern. Manchmal wird auch Gaunern Geld angeboten, damit sie ihre Kumpane verraten, denn Geld löst die Zunge. Die Finanzen dafür könnten von einem Schwarzgeldkonto stammen. Es gibt auch Schweigegeld und so genanntes Schutzgeld. Es wird durch Verbrecher bei einigen Geschäftsinhabern erpresst, um sie angeblich vor Ganoven zu schützen. Wir haben viel von Geld geredet, nur nicht, dass es auf der Straße liegt. Schalte bitte mal den Fernseher ein. Da kommen gleich Nachrichten.” “Wat willste denn hören?” “Hoffentlich nicht wieder von der Geldheirat des Schlagersternchens. Wie die heißt, weiß ich nicht mehr. Ist ja auch egal. Bei der Jaqueline Kennedy und Onassis ging es ihr doch auch ums Geld. Wo viel ist, muss noch was dazu kommen. Den Eindruck habe ich. Aber, wie die Sache mit dem Konzern ausging, der für “einen Appel und ein Ei”, besser gesagt, für ein Trinkgeld einen lukrativen Betrieb bei uns kaufen wollte oder schon kaufte. Das interessiert mich. Hoffentlich bringen sie etwas darüber.”

“Denkste an’ne Leuna-Werke und Minol?” “Ja, Ralf. Die Treuhand hat die doch regelrecht verschleudert. Das Zellstoffwerk in Pirna hat sie symbolisch für 1,-DM an einen Russen verkauft und mit Auflagen für den verbunden. Aber daraus wurde nichts. Der kriegte keine Rubel für Investitionen. Na ja, das war fast eine Bruchbude, um die es nicht schade ist. Aber einige hundert Arbeitsplätze gingen verloren. Doch für den Lohn, wie er in der DDR üblich war, ginge niemand mehr hin. Die Treuhand hat miserabel gearbeitet, und auch andere Behörden werfen das Geld förmlich aus dem Fenster.” “Ick vasteh dir nich. Wat soll det heißen?” “Na, in Dresden zum Beispiel. Da wurde eine überdimensionale Abwasser-Reinigungsanlage gebaut und um die besser auslasten zu können, wurden die Anlagen in Pirna und Heidenau stillgelegt. Noch genießen die Hausbesitzer hier im Kreis Vorzugsbedingungen für die Bezahlung. Aber wie lange noch? Irgendwann wird man den Leuten noch mehr Geld aus den Taschen ziehen. Aber jetzt wollen wir erst mal fernsehen.”

Großvater und Enkel saßen nun aufmerksam vor dem Apparat. Nachdem die Nachrichtensendung beendet war, erinnerte Ralf den Opa an das Geld. “Ja, ja, Junge. Aber ich muss wissen, wie viel und wofür du es brauchst.” Der Enkel druckste herum: “Muss det denn sein, Opa?” “Ja, sonst bekommst du nichts von mir.” “Na jut, Opi. Denn muss ick dir det saren. Ick muss Bußjeld oder wat weeß ick, wie die det nennen, bezahln. Fuffzig Euro. Weil ick keen Jeld für’n Bus hatte, abba mal rumkutschieren wollte, hab ick mich een fremdet Moped jenommen und dabei hat mir die Polente erwischt. Dusslijerweise war et nich det erste Mal. Und nu soll ick blechen.” “Heu, fünfzig Euro. Ein ganz schöner Denkzettel für dich. Hoffentlich hilft er. Ralf, ich borge dir was. Aber du musst es mir auf Heller und Pfennig zurückgeben.” “Is klar, Opi.” Der Großvater fuhr fort: “Meine Geldbörse ist momentan, von etwas Kleingeld abgesehen, leer. Du musst deshalb bis nächste Woche warten, denn das Geldinstitut hat bereits geschlossen.” “Mist. Kannste nix vom Jeldautomaten hol’n?” “Dahin gehe ich nie. Du weißt ja, dass meine Augen nicht mehr die besten sind. Deshalb nutze ich beim Einkauf auch nicht die Geldkarte. Ich hole mir lieber Bargeld vom Schalter. Da bekomme ich echtes und kein Falschgeld.”

“Na jut. Da müssen die eben warten.” Der Junge wirkte jetzt wie umgewandelt. Sein Problem war anscheinend vorerst gelöst und beruhigt ging er heim.

(c) Dieter Rietz / Pirna


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