Gegensätze


Dieter Rietz     ( 1998 )


Auf einem 200 Jahre alten Grabstein entzifferte ich: “Wanderer, der du hier stehst, denke daran, einst war ich, was du jetzt bist, einst wirst du sein, was ich jetzt bin.” Für jeden kommt also einmal das Lebensende. Aber dessen Stunde ist ungewiss.

In meiner Kindheit und in meinen Jugendjahren erfuhr ich mehrfach vom Ableben Verwandter und Bekannter. Ich nahm es zur Kenntnis, ohne dass es mich sonderlich berührte. Schlagartig änderte sich das im Februar 1962. Ein Telegramm: “Vati schwer krank. Sofort kommen” ließ mir keine Ruhe. Was sollte das bedeuten? Was war geschehen? In den späten Abendstunden erfuhr ich von meiner Mutter, dass tags zuvor bei meinem Vater ein Lungenflügel zusammengefallen sei und der andere aufgrund vor langer Zeit überstandener Krankheit nur teilweise funktioniere, doch mein Vater hätte bei ihrem Besuch im Krankenhaus gescherzt, dass er bei zeitweiliger künstlicher Beatmung trotzdem noch gut leben könne, aber arbeiten dürfe er nicht mehr. Ich war beruhigt. Es war also doch nicht so schlimm, als ich mir bei der stundenlangen Heimreise vorgestellt hatte. Froh gestimmt schlief ich.

In früher Morgenstunde forderte mich eine Mitarbeiterin des Krankenhauses auf, mich schnellstens dorthin zu begeben. Unmittelbar nach meinem Eintreffen entschied der Arzt, die Sauerstoffzufuhr bei meinem Vater einzustellen. Erschüttert blickte ich auf seine bläulichen Hände und Wangen, das eingefallene Gesicht, das von Bartstoppeln bedeckt war. Mein Vater rang nach Luft wie ein Fisch auf dem Trockenen. Hilflos, stumm saß ich an seinem Bett und hoffte, dass er nicht mehr lange leiden müsse. Spürte er, dass ich bei ihm war? Erkannte er mich? Ich weiß es nicht und werde es nie erfahren. Die Sterbestunde meines Vaters war für mich die erste Begegnung mit dem Tode.

Einen Tag später sah ich in der Leichenhalle des Krankenhauses meinen Vater noch einmal. Er war rasiert, seine Zahnprothesen waren eingesetzt. Wachsbleich, wie schlafend lag er im Sarg. Ich durfte und musste von dem mir liebsten Menschen für ewig Abschied nehmen.

Am Nachmittag suchte ich den Friseur auf. Ich musste warten. Ich gedachte der schönen, aber auch der schweren Tage, die ich mit meinem Vater erlebte, und bedauerte, dass ich ihn in den vergangenen fünf Jahren nur selten sah. Durch das Studium und meinen dann gewählten Arbeitsort waren wir getrennt. Nur zu Feiertagen und im Urlaub kam ich heim. Konnte ich ahnen, dass mein Vater zwei Wochen nach seinem 59.Geburtstag sterben würde? Wie viele Reisen mit ihm hatte ich mir vorgenommen. Es sollte nicht nur bei einem Besuch Prags und dem Urlaub in Thüringen bleiben. So hatte ich es mir vorgestellt. Aber er trat alleine eine Reise ohne Rückkehr an. Warum musste das geschehen? Mein Vater hätte trotz seines Asthmas noch lange leben können. Warum war es ihm nicht vergönnt?

Das Radio dudelte den Modeschlager: “So ein Tag, so wunderschön wie heute, so ein Tag, der dürfte nie vergeh’n”. Leise sangen einige der Wartenden mit, andere summten die Melodie. Und ich? Ich unterdrückte meine Tränen.

(c) Dieter Rietz / Pirna


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