Geburtstagsfeier


Dieter Rietz     ( 1994 )


“Kinnings, Kinnings endlich hab´ ich euch alle wieder an einem Tisch. Zum 75. hatte ich schon darauf gehofft Aber da stand noch die Mauer. Wegen dem Sozialismus. Vor dem hatte euer Kanzler eine Heidenangst. Mein Gott. Warum bloß? Warum ließ er Heinz und Erika nie herfahren?”

“Tja, Mutter. Warum wohl?” entgegnet Heinz und meint, sicherlich sollten die Westdeutschen nicht neidisch und unzufrieden werden beim Anblick der vollen Ostläden, denn dann hätte niemand mehr an den prophezeiten Untergang des Sozialismus geglaubt. Dass es im Westen von Jahr zu Jahr weiter bergab ging, merkten alle, und wenn Erichs Milliardenkredit nicht gewesen wäre, hätten vielleicht sogar die Politiker im Grunewald am Hungertuch nagen müssen.

Das sei nur eine Seite der Medaille, erklärt Erika und fährt fort, sie seien eingesperrt gewesen, damit keiner abhauen konnte. Nur deshalb ließ der Kanzler die senkrechte Autobahn bauen. Was die und die Minenfelder gekostet hatten! Aber der Frieden, den er damit angeblich schützen wollte, konnte nicht teuer genug erkauft werden. Wenn es nach dem Kanzler gegangen wäre, stünde die Mauer 100 Jahre oder länger. Irgendwann hätte er auch gefaselt: “Den Kapitalismus in seinem Lauf . . .”

Die Mutter fällt ihr ins Wort: “Ach, Kinnings, warum seid ihr nicht früher auf die Straße gegangen? Sicherlich lebten bei euch zu viele nach dem längst überholten Motto: Sup di satt un frät di dick un holl dat Mul von Pulletik`. Bei uns im Osten durfte und darf jeder mitregieren und frei seine Meinung äußern. Aber bei euch lag der BND sogar im Bett mit drin.”

Im Westen gehe es jetzt allen besser, sie können ungehindert reisen, haben endlich das harte Ostgeld, und trotzdem jammern viele, berichtet Heinz und fragt Wolfgang, ob es daran liege, dass sie erst lernen müssten, wie der Bleistift zu spitzen sei, damit eine gute Planerfüllung nach oben gemeldet werden könne.

Sicherlich treffe das zu, behauptet Wolfgang und sagt, sie könnten sich freuen, nun endlich aller 4 bis 5 Jahre demokratische Wahlen genießen zu können, bei denen die Kandidaten immer 101 und mehr Prozent der Stimmen bekommen. Aber noch wichtiger sei, dass sie nun das Recht hätten, als Obdachlose unter einer Brücke zu schlafen. Zur Arbeit würden sie nun auch nicht mehr gezwungen. Das Arbeitslosengeld sei in der sozialistischen Marktwirtschaft so reichlich, dass die Empfänger es unmöglich auf Mallorca oder an der Riviera verprassen können.

Ungläubig sehen ihn Erika und Heinz an, und schmunzelnd sagt die Mutter: Kinnings, Märchen sind immer schön. Hauptsache ihr glaubt sie.”

(c) Dieter Rietz / Pirna


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