Gartennachbarn


Dieter Rietz     ( 1993 )


“Morjen, Oskar, machste Pause beim Unkrautzupppen?” Mit diesen Worten setzte sich der Gartennachbar mit auf die Bank.
“Grüß dich, Franz. Ist dein Urlaub zu Ende?”
“Leider. Mallorca, vorijet Jahr Tunesien. Mensch, Oskar, det sind Urlaubsziele. Bei de Kommunisten durfste davon nich ma träumen. Die Rentner ham se ja fahr´n jelassen. Aber och bloß als Bettelleute. Jetzt ham wa endlich Freiheit und ick vadiene jut. Harte Mäuse, nich nur Alu-Chips. Na ja, ick höre dir schon wieder sagen, die Mieten, die Fahrpreise sind jewaltig jestiegen, det Brot is teurer jeworden und im Krankenhaus musste och blechen und meine Alte kriejt nich mehr lange Arbeitslosenjeld. Na und. Meinste, deswejen wünsche ick mir den sojenannten Sozialismus zurück? Von soziale Sicherheit hamse uns ja die Ohr´n so vollposaunt. War doch allet nur Quark in´ne DDR.
“So, so, Franz. Ich gebe dir Recht, wenn du ans Zettelfalten, die angeblichen Wahlen, an die miserabel gewordene Versorgung und so denkst. Aber es gab doch auch Gutes. Oder etwa nicht? Hast du vergessen, dass du den Garten bekamst? Erinnerst du dich nicht mehr daran, wie du immer die Wirtschaftspolitik der Regierung verteidigtest? Dir fiel es doch leicht bei deinen Beziehungen.”
“Hör uff, Oskar. Stimmt ja, dass ick früher so jesprochen hab. Aber nur, weil ick vablendet war. Wir wurden doch alle für dumm vakooft. Jetzt is et Jottseidank janz anders. Kleenen Aujenblick, Oskar. Da schnüffelt eener in meinen Jarten rum.”
Nach einer halben Stunde kommt Franz zurück. “Oskar, weeßte, wat der Kerl will? Mir meinen Jarten wechnehmen. Er sei der Enkel vom rechtmäßigen Eigentümer. Du weeßt doch, der vor 35 Jahren nach´m Westen abjehauen is. Det fehlt mir noch. Mir meinen Jarten wechnehmen. Sach mal, Oskar, is der verrückt jeworden?”
“Bestimmt nicht, Franz. Das gehört auch zur Freiheit und du musst es mit in Kauf nehmen.”
“Nee, nee, Oskar. Also dem wird ick wat husten. Von wejen. Schließlich kenn ick ja paar einflussreiche Leute. Aber ick will dich nich länger vom Unkrautzuppen abhalten. Machs jut.”

(c) Dieter Rietz / Pirna


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