Ganz in Blau


Dieter Rietz     ( 1996 )


Das hatte Egon nicht erwartet. Zwar hatten ihn seine Bekannten gewarnt, er würde sein blaues Wunder erleben, aber er beachtete es nicht, denn bisher war er immer mit einem blauen Auge davongekommen. Lag es daran, dass er so glaubwürdig das Blaue vom Himmel lügen konnte, oder weil er seiner blauäugigen Chefin des öfteren versichert hatte, für sie das Blaue vom Himmel zu holen? Die blaue Blume der Romantik wollte er für sie pflücken und mit ihr gemeinsam das “Blaue Band” erobern. Und sie merkte nicht, dass er ihr blauen Dunst vormachte. Vielleicht faszinierte sie das klare Blau seiner Iris. In seinen Augen war sie nicht nur blaublütig, sie legte großen Wert auf das “von” vor ihrem Familiennamen, nein, sie war ein Blaustrumpf. Sie war kein blauer Engel, schwärmte aber vom Ritter Blaubart und dessen Seelenverwandten. Zu diesen zählte Egon allerdings nicht.

An den Wochenenden hätte er lieber den Kampf um die “Blauen Trikots” oder andere Sportereignisse im Fernsehen verfolgt, aber die Chefin zwang ihn fast immer zu ausgedehnten Spaziergängen. Am liebsten führte sie ihn den mit Blautannen gesäumten Weg bis zu dem Wäldchen, wo es viele Blaubeeren gibt. Sie lauschten dem Gesang der Blaukehlchen und Blaumeisen und freuten sich jedes Mal, wenn sie unterwegs den Blauschimmel weiden sahen. War die blaue Stunde der Dämmerung vergangen, kehrten sie im meist blaugequalmten “Blauen Ritter” ein. In dieser Gaststätte gab es ein reichhaltiges Angebot an Ei- und Fischgerichten. Aber Ei aßen Egon und seine Chefin hier nicht wieder, weil sie einmal statt weich gekochter blau gekochte vorgesetzt bekommen hatten. Da es der Chefin auf einen “Blauen” nicht ankam, bevorzugten sie “Forelle blau” und tranken dazu reichlich “Blaustengel”. Wenn Egon zuviel trank, wurde er streitsüchtig und handelte sich dabei blaue Flecken und ein blaues Auge ein. Bemerkte die Chefin, dass Egon blau war, bestellte sie ein Taxi und nahm ihn mit in ihre, sich seit der Rekonstruktion in mittelblauem Spritzputz präsentierenden Villa.

Seinen Rausch durfte er dann im Gästezimmer ausschlafen. Sie nannte es den “Blauen Salon”, denn die blau geblümte Tapete, in gleichem blauen Muster gehaltene Übergardinen und Teppiche waren farblich sehr gut mit der blaugestreiften Polstergarnitur abgestimmt.. Die Schirme der Decken- und Wandleuchte bestanden aus einfarbiger hellblauer Seide. Couchtisch, Schrank und Regale zierten Blaudruckdeckchen. Kobaltblaue Dosen, Teller und Schalen, Vasen mit Blausternchen, Veilchen, Kornblumen oder anderen blau blühenden, der Jahreszeit entsprechende Blumen, sowie die wenigen vorhandenen, in blauem Leinen gebundenen Bücher waren dekorativ angeordnet. In einem Kästchen lagen einige Blaupausen. Sie hatten antiquarischen Wert und zeigten Ansicht, Grundriss und Raumaufteilung der Villa. In diesem Kasten bewahrte die Chefin auch ihre mit einem blauen Band verschnürten Liebesbriefe, die sie einst bekommen hatte, auf. Die kostbare Bodenvase mit den “Blauen Schwertern” brachte sie immer in Sicherheit, bevor sie für Egon das Nachtlager mit dem himmelblau bezogenen Bett bereitete. Die Chefin wusste, dass Egon am nächsten Tag blaumachen würde, verzieh ihm aber großzügig diese “Blauen Montage”. Reisebürofahrten ins Blaue verabscheute sie. Aber gelegentliche Wanderungen ins Blaue hinein gefielen ihr. Sie wollte mit Egon auch einmal eine Seereise zur Blauen Grotte auf Capri machen und hoffte, dabei einen Blauwal zu sichten. Doch dieser Plan war Egon peinlich, denn er würde sich zu sehr ausgehalten fühlen. Aus gleichem Grund hatte er bereits eine Fahrt nach Blaubeuren, wo die imposante Blautopf-Quelle sprudelt, abgelehnt.

Manchmal nutzten sie die Buslinie über “Das blaue Wunder”, die altehrwürdige Dresdener Hängebrücke, und schlossen vorher eine Wette ab, wie viele Fahrzeuge mit Blaulicht sie wahrnehmen würden.

Nicht nur bei den Ausflügen achtete die Chefin darauf, das Schuhe oder Stiefel, Handschuhe und Handtasche den gleichen Blauton zeigten und farblich sehr gut zum nachtblauen Hut und Mantel, den gleichfarbenen Strümpfen und ihrem Blaufuchs, den sie im Winter trug, passte. Ihre stark blau geäderte Hand schmückte mal ein Ring mit einem blassblauen Saphir, mal einer mit kräftigblauem Aquamarin. Wäre es Mode, würde die Chefin ihre Fingernägel blau lackieren. Sie liebte eben das Blaue und forderte von Egon, dass auch er sich ganz in Blau kleide. Aber er fühlte sich in Blue Jeans am wohlsten.

Egon beachtete selten den Wetterbericht und war meistens bald blaugefroren. Die Chefin wollte ihn dann aufheitern mit Shantys von den “Blauen Jungen” und dem blauen Meer, dem Walzerlied über die schöne blaue Donau oder trällerte: “Von den blauen Bergen kommen wir”. Aber der Gesang klang in Egons Ohren wie Gekrächze. Wenn sie dann auch noch urplötzlich an ihr Geschäft dachte und ihn ermahnte, keine Bretter mit Blaufäule aufzukaufen, musste er sich zusammenreißen. Am liebsten hätte er ihr in solchen Augenblicken eine blaue Bohne, ein Glas Blausäure oder wenigstens eine Dosis Blaukreuz serviert. Aber ihm war klar, dass er ihre Launen ertragen musste.

Eines Abends führte ihn die Chefin ins Operettentheater. “Maske in Blau” stand auf dem Spielplan. Hals über Kopf verliebte sich Egon in eine Balletteuse und kümmerte sich seitdem überhaupt nicht mehr um seine Chefin. Sie rächte sich, indem sie ihm den “Blauen Brief” übergab. Mit feuerrotem Gesicht verließ Egon das Büro, denn das hatte er nicht erwartet.

(c) Dieter Rietz / Pirna


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