Eine Zahlenspielerei


Dieter Rietz     ( 1992 )


Ab 1. Januar 1992 gilt auch in den neuen Bundesländern das Rentenrecht der alten Bundesrepublik, und statt Invalidenrente bekomme ich Erwerbsunfähigkeitsrente. Das ist mir egal, denn aus meiner Sicht ist es nur eine andere Bezeichnung. Wichtiger erschien mir Herrn Blüms Verkündung, dass die Renten bei uns um 11,65% erhöht werden. Eine feine Sache.

Sofort begann ich zu rechnen. Prozentrechnung hatte ich in der Schule, beim Studium und im täglichen Leben öfter geübt und ermittelte schnell, dass mir die Rentenversicherung ab Januar 143 DM mehr auszahlen würde. Ich freute mich, weil dadurch wenigstens ¼ der neuen Miete ausgeglichen werden kann.

Mitte Dezember kam der neue Rentenbescheid, un dich glaubte, nicht richtig zu lesen. Ganze 46 DM mehr. Das sind ja nur 3,74%, stellte ich fest. Hatte man eine 1 vergessen, oder ist die bundesdeutsche Prozentrechnung anders? Es könnte ja sein, dass wir in der DDR auch in dieser Beziehung etwas falsch gelehrt bekommen hatten.

Mühsam kämpfte ich mich durch den Papierberg und las, meine bisherige Rente würde um 6,84 %, aber nicht um 11,65 %, wie ich Herrn Blüm verstanden hatte, erhöht. Als Trost errechnete man einen Auffüllbetrag, der aber bei künftigen Rentenerhöhungen eingefrostet ist. Dann nahm ich noch einen aktuellen Rentenwert Ost zur Kenntnis. Ab 1.1.92 liegt er tatsächlich 11,65 % über dem vom Dezember 1991. Herr Blüm hielt also doch Wort.

Nur seltsam erschien mir, dass die mit dem höheren aktuellen Rentenwert Ost ermittelte Rente unter dem bisherigen Auszahlbetrag liegt. Aber es gibt ja den Auffüllbetrag dazu. Verwundert stellte ich fest, dass in der Rentenberechnung nur 38 Arbeitsjahre auftauchen. Die Sozialversicherung hatte mir außerdem 11 Zurechnungsjahre wegen Invalidität zuerkannt, so dass insgesamt 49 Jahre berücksichtigt wurden. Die Bundesversicherungsanstalt für Angestellte übersah es vielleicht? Dann entdeckte ich die Angabe: Zurechnungsjahre ab dem 55. Lebensjahr 0 Jahre. Aber keinen Hinweis, warum das so sein soll. Sogar mein 55. Lebensjahr, das erste Jahr meiner Invalidität ging bei der Bundesversicherungsanstalt verloren.

Nun überlege ich krampfhaft, ob ich ab Januar, da werde ich 55, überhaupt Erwerbsunfähigkeitsrente in Empfang nehmen darf, denn diese Jahre bis zum Erreichen meiner Altersrente sollen ja nicht angerechnet werden, und wenn diese aus meinem Leben gestrichen sind, kann ich auch kein Geld verlangen oder etwa doch?

(c) Dieter Rietz / Pirna


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