Eine unvergessliche Fahrt


Dieter Rietz     ( 2001 )


Im Sommer 1958 ging Manfreds erstes Studienjahr in Altenburg zu Ende. Er trat die Heimreise nach Wittenberge an. Den Koffer voller schmutziger Wäsche hatte er tags zuvor als Reisegepäck aufgegeben. So brauchte er nur seine Aktentasche mit einigen Scheiben Brot und einer Flasche Milch mitnehmen. Er stand auf dem Bahnsteig und vernahm die Durchsage, dass der Zug nach Leipzig verspätet käme. Da er nun Zeit hatte, trank er einige Schlucke Milch und drückte den Pappdeckel wieder in die Flaschenöffnung. Kurz darauf kam der verspätete Zug. Manfred hoffte, den Anschlusszug noch zu erreichen, denn sonst müsste er vier Stunden auf den nächsten warten.

Endlich traf Manfred in Leipzig ein. Die Abfahrtszeit für seinen Zug war bereits um fünf Minuten überschritten. Der Lautsprecher auf dem Bahnsteig 22 forderte auf, den Personentunnel zu benutzen, denn der Schnellzug nach Schwerin stehe am Gleis 10 abfahrbereit. Beim Aussteigen riss der Gummi in Manfreds kurzer Unterhose. ,Auch das noch` dachte er und wollte die Treppe hinuntereilen und im Dauerlauf durch den Tunnel. Es ging nicht. ,Ich muss den Zug erreichen. Verflixt, die Unterhose rutscht und rutscht. Trotzdem weiter, so schnell ich kann. Der Anschluss!` waren seine Gedanken. , Jetzt hängt sie schon auf dem Zwickel. Egal. Weiter.` Manfred erreichte den Zug. Der war voll. Aber seine Aktentasche konnte er auf der Gepäckablage abstellen. Fahrgäste drängten nach. Manfred musste im Mittelgang weiterrücken. Der Wagen wurde übervoll. Seine Tasche behielt er im Auge. Er wollte den Angstschweiß von seiner Stirn abwischen. Es ging nicht. Er war zu sehr eingezwängt. Allmählich beruhigte sich Manfred. Er schmunzelte sogar bei dem Gedanken an das Erlebte. , Haben Leute meinen breitbeinigen Gang bemerkt? Sie dachten sicherlich, ich hätte die Hosen gefüllt. Egal. Hauptsache war doch, dass ich den Zug erreichte. Zum Glück habe ich für die Reise eine lange Hose angezogen, sonst hätte ich einen lächerlichen Anblick geboten. Schade, zur Toilette kann ich nicht. In fünf Stunden werde ich mich daheim von meiner Behinderung befreien können. ` Irgendwann fiel die Tasche beim Bremsen des Zuges um. Es störte Manfred nicht. Nach einer Weile stutzte ein unter der Tasche sitzender Mann. Milch tropfte ihm auf den Kopf. Er stellte die Tasche wieder hin und fragte, wem sie gehöre. Manfred schwieg vorsichtshalber, konnte dadurch aber nicht zu seiner Reiseverpflegung. Zum Glück verließ der Betropfte in Stendal den Zug. Unbeachtet stieg Manfred in Wittenberge mit seiner Tasche aus. Inzwischen war es finster geworden. Deshalb sah niemand Manfreds komischen Gang. Er fiel ihm immer schwerer, denn die Beinlinge der Unterwäsche scheuerten nun seine Kniekehlen. Dieses Malheur passierte Manfred nur einmal, aber er wird es nie vergessen.

(c) Dieter Rietz / Pirna


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