Ein tolles Ding


Dieter Rietz     ( 1994 )


Der Kühlschrank enthält nur noch klägliche Reste. Ein Großeinkauf tut not. Doch davor graut dem sehschwachen Herbert. In der DDR-Zeit hatte er beim Lebensmittelkauf kaum Probleme. Vom häufigen: “Ham wir nich. Kommt vielleicht nächste Woche wieder”, abgesehen. Das Aussehen der Verpackungen hatte sich Herbert eingeprägt. Sie glichen sich meist wie ein Ei dem anderen. Nur der Herstellungsort, unauffällig aufgedruckt, war unterschiedlich, und der interessierte äußerst selten. Aber jetzt stehen drei, vier, fünf Sorten nebeneinander. Sind sie unterschiedlich in der Qualität? Im Preis garantiert. Doch den muss Herbert erst suchen und entziffern. Farbenfroh bedruckt locken Plastebecher, Dosen, Schachteln, Tüten in Tiefkühltruhen und Regalen zum Kauf. Was sich hinter dieser bunten Vielfalt verbirgt, kann Herbert nur selten erkennen. So entgehen ihm manche Leckerbissen oder preiswerte Angebote. Aber ehe er losgeht, will er sich noch ein wenig ausruhen und liest im Romanwälzer.

Herbert betritt die Kaufhalle. Statt häufig zu hörender Schlager- oder Bumm-Bumm-Musik, die immer wieder von Werbesprüchen unterbrochen wird, erklingt leise sinfonische Musik. ’Endlich mal was anderes’, denkt Herbert und horcht auf, als er aus dem Lautsprecher vernimmt: “Verehrte Kundinnen und Kunden, aus Anlass des heutigen “Tages des weißen Stockes” möchten wir den Sehgeschädigten eine besondere Dienstleistung anbieten. Kommen Sie bitte an unseren Servicestand.” Das lässt sich Herbert nicht zweimal sagen. Er ist neugierig. Auf einem Tischchen liegen mehrere Geräte. Sie ähneln einer Fernbedienung für Videorekorder, sind aber wesentlich kleiner. Herbert betrachtet eines genauestens. Unterhalb einer lang gestreckten Taste im oberen Teil sieht er fünf verschiedenfarbige, unterschiedlich geformte, gut fühlbare Tasten. Seitlich ist ein Kabel mit einem winzigen Kopfhörer angebracht. “Mit diesem Hilfsmittel wird für Sie der Einkauf ganz leicht”, sagt die Beraterin und fordert Herbert auf, den Kopfhörer ins Ohr zu stecken und die oberste Taste zu betätigen. Eine angenehme Stimme erläutert nun die Bedeutung der farbigen Tasten und wünscht einen angenehmen Einkauf. Herbert erfährt, wenn er die weiße Taste drückt, wird ihm mitgeteilt, in welchem Bereich der Kaufhalle er die jeweiligen Warengruppen, zum Beispiel Obst- und Gemüsekonserven, findet. Die daneben liegende gelbe Taste bittet ihn, in das eingebaute Mikrofon seinen konkreten Wunsch zu sprechen, und ihm wird Sekunden später die genaue Lageangabe für das Erzeugnis beschrieben. Bei Gebrauch der grünen erfolgt die Bekanntgabe der Sorten, Abfüllmengen und Preise und bei der blauen die Zusammensetzung des Produktes, sowie spezielle Hinweise dazu. Die äußerste rote Taste löst einen Hilferuf an das Personal aus, wobei der Kunde aber gebeten wird, stehen zu bleiben und etwas Geduld aufzubringen.

“Das Ding gefällt mir”, sagt Herbert und möchte wissen, wie das Ganze funktionierte. Alles sei auf Datenträgern gespeichert und mittels Computer werden die gewünschten Angaben ausgewählt, erwidert die Service-Dame und fügt hinzu, dass das Hilfsmittel in jeder Kaufhalle genutzt werden könne, denn die jeweiligen Daten wären stets den örtlichen Bedingungen entsprechend erfasst. Dann weist sie Herbert noch auf einen Unterschied bei den Geräten hin. Seines sei für Sehbehinderte bestimmt. Bei der Ausführungsvariante für Blinde sei unterhalb der Knöpfchenreihe eine Zusatztaste. Wenn der Blinde sie drücke und Bezeichnung sowie Preis der von ihm entnommenen Ware ins Mikrofon spreche, erhalte er eine akustische Bestätigung über die Richtigkeit. Falls er sich vergriffen habe, müsse er nochmals die quadratische, gelbe Taste betätigen. Die Blindenausführung würde bei Benutzung der runden, weißen Taste eine blindengerechte Beschreibung des Weges zu den Warengruppen und mit Hilfe der quadratischen eine spezielle Lagebeschreibung gegeben. “Toll ist das. Wiviel kostet eines?” will Herbert wissen und staunt, als er vernimmt, alle Sehgeschädigten bekommen es kostenlos, die Sehenden müssten dafür 49,- € zahlen, denn für die wäre es nur ein Spielzeug. “Da darf ich es also mitnehmen? Vielen Dank.”

Im Eingangsbereich der Kaufhalle bleibt Herbert kurz stehen, um sich mit Hilfe der weißen Taste zu orientieren. An den verschiedensten Stellen nutzt er die gelbe und die grüne. Jetzt macht das Einkaufen Spaß. Ihm fällt ein, dass er noch Waschpulver benötigt. Flugs betätigt er die blaue Taste, denn er will wissen, für welche Temperaturbereiche und Wäschearten es geeignet ist. Ein 3-Kilo-Paket wählt er aus. Unglücklicherweise löst sich der Henkel und das Paket fällt auf Herberts Hühnerauge. Leise schimpft er vor sich hin.

In diesem Moment blickt Herbert schlaftrunken um sich. Er sitzt immer noch im Sessel, und auf seinem Fuß liegt das dicke Buch. Der Rundfunk überträgt die letzten Takte einer Sinfonie.

(c) Dieter Rietz / Pirna


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