Ein Dackel erzählt


Dieter Rietz     ( 1987 )


Ein Garten, in ihm ein Siedlungshäuschen, ist mein Revier. Dort kann ich umherlaufen, faul in der Sonne liegen, mit den Pfoten in der Erde kratzen, auch Mäuse fangen. Ein Dackel bin ich. Ihr seht es an meinen kurzen, etwas krummen Beinen. Mein Fell ist kurzhaarig, auf dem Rücken schwarz, am Bauch mehr braun. Silberfäden zieren mich, ich bin nicht mehr der jüngste. Pauli werde ich gerufen.

Außer mir leben noch andere im und beim Haus, eine grauweiß gefleckte, auf vier Pfoten schleichende, dabei kaum hörbare, manchmal vor Wohlbehagen schnurrende, bei Aufregung fauchende Mausi. Wir fressen aus einem Napf. Mausi war noch winzig, als Frauchen sie geschenkt bekam. Auf dem Hof sehe ich auch graublaue, nach Körnern und Würmern pickende. Will ich mit ihnen spielen, fliegen sie aufs Dach oder verstecken sich in einem Holzkasten. Von dort höre ich ihr gurr, gurr. Hinter einem hohen Zaun picken und scharren viele Buntgefiederte. Gaak, gaak rufen sie von Zeit zu Zeit, und manchmal ist ein lang gezogenes , klagendes gaaaak zu vernehmen. Nimmt mich Frauchen mit in den Käfig, laufen die Gackernden aufgeregt hin und her, wie dumm. Deshalb beachte ich sie gar nicht. Im Stall steht eine langbeinige, Gras und Heu fressende, laut meckernde. Vor ihr habe ich etwas Angst. Sie stößt mit dem Kopf und tritt mit dem Huf.

Am liebsten bin ich im Garten. Kommen Bekannte, begrüße ich sie freudig bellend, mit meinem kurzen Schwänzchen wedelnd, lasse mich streicheln und geleite sie ins Haus. Nähern sich Fremde, kläffe ich aufgeregt und knurre. Ich lasse sie nicht weitergehen, ehe Frauchen es erlaubt.

Sehr gern spiele ich, wenn es mir gefällt, mit Manfred, einem großen Jungen. Wir rennen um die Wette oder ich hole Stöckchen zurück, die er fortschleudert. Geht er einkaufen, komme ich mit und warte vor dem Geschäft auf ihn. Wir sind gute Freunde, aber einmal biss ich ihm in den Finger. Es musste sein. Manfred brachte mir in Zeitung eingewickelte Knochen mit und legte das Päckchen unter einen Beerenstrauch. Hunger hatte ich nicht, deshalb ging ich mit dem Besuch erst einmal ins Haus. Inzwischen versteckte Manfred die Knochen ohne Papier einige Meter weiter. Die Unterhaltung interessierte mich nicht. Lieber wollte ich mein Geschenk bewachen. Es könnte gestohlen werden. Manfred griff nach dem Papier. Sicherlich wollte er meine Enttäuschung erleben, aber das dumme Gesicht machte er, als ich zubiss. Mein Futter lasse ich mir nicht nehmen. Erst viel später merkte ich, vor einer leeren, aber immer noch duftenden Zeitung gelegen zu haben.

Ob ich mir manchmal eine Freundin suche, wollt ihr wissen? Warum nicht? Seid nicht so neugierig, ich erzähle nicht alles. Aber etwas muss ich auch sagen, meine Freiheit liebe ich. An der Leine gehen wie andere Hunde, lehne ich ab. Ich begleite Frauchen auf vielen Wegen, aber ich will es ungehindert. Sie bindet mir einen Lederkorb über die Schnauze, denn es sei Tollwut. Viele Jahre später gibt es für uns vielleicht einmal einen Impfstoff dagegen? Bis jetzt, auf dem Kalender steht 1950, höre ich noch nichts davon. Ich kratze mit den Pfoten, das unbequeme Ding sitzt fest. Eine Leine legt Frauchen mir auch noch an. So gehe ich nicht mit, trotz ihrer Bitten. Soll sie schimpfen und versuchen, mich mit der Leine zu ziehen. Aus Protest bleibe ich liegen. Frauchen meint, im Hause könne sie mich nicht längere Zeit alleine lassen, und aus dem Garten könnte ich entlaufen, sobald jemand die Gartentür offen lässt. Sie hat Angst um mich. Frei umherlaufende Hunde werden wegen der Tollwut getötet. Soll Frauchen auf den Ausflug verzichten oder sich etwas anderes einfallen lassen. Sie nimmt eine große Tasche, setzt mich ohne Maulkorb und Leine hinein und hängt die Tasche ans Fahrrad. Ab geht die Fahrt. Das lasse ich mir gefallen, bequemer kann es kein Hund haben.

Endlich sind wir wieder zurück. Dort läuft ja eine Maus. Mausi ist weit und breit nicht zu sehen. Aber Mäuse fangen bringe ich auch. Ein kurzer Sprung, ich habe sie. Totgebissen lege ich meinem Frauchen noch eine zweite Maus vor die Füße. Das Lob lässt mein kleines Hundeherz vor Freude schneller schlagen.

Wie rasch die Jahre vergehen. Manchmal strengt mich das Laufen an, besonders heute, es ist aber auch zu heiß. Ich werde Frauchen Gesellschaft leisten. Sie bewacht kleine grünlichgelbe Wollebällchen. Ungeschickt watscheln sie, zupfen an Grashälmchen und piepsen aufgeregt. Niedlich sieht es aus.

Aber was ist das? Mir wird so seltsam, ich schwanke beim Gehen. Ruft eine Frau nach mir? Pauli höre ich immer wieder. Bin ich gemeint? Jetzt taumele ich ja sogar, kann mich nicht mehr auf den Beinen halten. was bedeutet das? Behutsam trägt mich jemand. Hier im Schatten geht es mir wieder besser. Bei meinem Alter sollte ich vielleicht vorsichtiger sein mit dem Sonnenbad? Weil ihr gerade da seid, werde ich von mir erzählen.

Moment mal, die Turmuhr schlägt. Was, dreimal? Ich sollte schon lange bei meiner Spielgefährtin sein. Sie wird knurren, weil man Freunde nicht warten lässt.

(c) Dieter Rietz / Pirna


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