Ein Buch erzählt


Dieter Rietz     ( 2003 )


“Meine Familie ist riesig groß. Weltweit wächst sie von Tag zu Tag. Für jeden bietet sie etwas. Einer betrachtet gern Bilder oder Fotos, ein anderer bevorzugt Märchen und Sagen, wieder andere wünschen Reisebeschreibungen, humorvolle oder ernste Geschichten, Krimis, Romane oder Biografien. Die Geschmäcker sind halt verschieden. Kinder brauchen meine Geschwister, um etwas zu lernen und Wissenschaftler präsentieren in ihnen ihre Erkenntnisse. Einige meiner Geschwister erscheinen auf kostbarem Hochglanzpapier, einige auf holzhaltigem Papier. Ein Teil von ihnen ist nicht einmal das Papier wert. Aber das muss derjenige entscheiden, der uns in die Hand nimmt. Mit einem Leder- oder Leinwandeinband, einem stabilen Karton- oder einem dürftigen Pappeinband versehen, bieten wir schwarz auf weiß, manchmal auch reich illustriert, unseren Inhalt. Die Auswahl fällt vielen schwer und oft ist dabei der Geldbeutel entscheidend. Manchmal wird auch einer meiner Brüder verboten, er wird auf die Indexliste gesetzt, weil sein Inhalt den Herrschenden gefährlich erscheint. Doch das nur nebenbei. Auch Blinde brauchen uns nicht vermissen. Braille erfand für sie die Punktschrift, und seit Jahrzehnten gibt es Hörbücher.

Meine Urahnen waren Tontafeln, in die Keilschriftzeichen geritzt wurden. Vor 5000 Jahren erfand man den Papyrus, den Vorläufer des Papiers und nutzte es bis zum 11.Jahrhundert als Schreibmaterial. An Bücher dachte noch niemand. Die entstanden erst im Mittelalter, als Mönche in mühevoller Arbeit, mit Tusche und Feder, Texte auf Pergament schrieben. Diese Bücher waren meist Unikate und sind heute, falls sie noch existieren, bibliophile Kostbarkeiten. 1390 begann in Deutschland die Papierherstellung. Der Buchdruck erfolgte jedoch erst ab 1440, nachdem Gutenberg die beweglichen Lettern erfand. Aber, ich habe genug geschwafelt. Ich will ja, fuhr das Buch fort, von mir berichten.

Vor 60 Jahren erblickte ich das Licht der Welt. Es können auch ein paar Jährchen mehr sein. so genau weiß ich es nicht. Ich schilderte das Leben in Walhall, wie es sich die Germanen vorstellten. Von der Göttinnenmutter Freia und Wotan, dem Göttervater, von Donar, dem Gott des Donners, Loki, dem Gott des Feuers, und Hel, der Göttin der Unterwelt, erzählte ich, auch von Iduna, Ostara, Baldur und anderen. Wenn der Sturm heulte, glaubten die Menschen, Wotan rasselt mit seiner Kutsche durch den Himmel und wenn Donar seinen Hammer schleuderte, donnerte es. Von Freud und Leid, Feiern und Zank in Walhall berichtete ich so anschaulich, dass jeder, der mich in die Hand nahm, gefesselt war.

Auch Manfred, er war etwa zwölf Jahre alt, verschlang mich förmlich. Aber Kinder handeln manchmal unüberlegt. Manfred machte keine Ausnahme. Er kannte meinen Inhalt und verlor das Interesse an mir. Ihn reizten Murmeln. Damit konnte er schön spielen. Deshalb tauschte er mich für eine Handvoll Tonkugeln ein. Dadurch ging ich für ihn unwiederbringlich verloren. Dass er mir später nachtrauern würde, konnte er nicht ahnen. Ich musste mich in mein Schicksal ergeben. Vielleicht hat Manfred einmal Glück und findet ein Buch mit den Germanischen Göttersagen. Das wird er dann begeistert, wie einst, lesen, es aber sicherlich sorgfältig aufbewahren.”

(c) Dieter Rietz / Pirna


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