Ein Arbeitstag wie viele andere


Dieter Rietz     ( 1993 )

 

- fast wie ein Protokoll -
Der Niedergang der DDR-Wirtschaft und letztendlich der Untergang der DDR hatte vielfältige Ursachen. Eine davon möchte ich, wie ich es 1980 bis 1985 erlebte, schildern, wobei ich mir bewusst bin, dass es nicht in allen Wirtschafts- und Verwaltungsbereichen so war.


Auch an diesem Mittwoch verabschiedet sich Hertha vor dem Betrieb, wie an jedem Tag, von ihrem Mann, nimmt beim Pförtner den Schlüssel zum Büro in Empfang und lüftet es gründlich. Zwanzig, dreißig Minuten später kommt Lisa. Ächzend sinkt sie auf den Stuhl und blickt zu Hertha. die gerade Gesicht und ihre eben gekämmte Dauerwelle in dem kleinen Wandspiegel begutachtet. Obwohl Hertha vor wenigen Jahren die 50 überschritt, muss sie ihr dunkelblondes Haar noch nicht tönen lassen, und in ihrem runden Gesicht ist kein Fältchen zu entdecken. Nervös streicht sich die vier Jahre jüngere Lisa mit ihren breiten rissigen Händen durch das strohblonde Haar und seufzt leicht gereizt, egal zu welchem Frisör sie gehe, nie hätte sie eine ordentliche Frisur. Der morgendliche Plausch wendet sich anderem zu. Sabine, mittelgroß, rundlich aber noch nicht vollschlank, in gut sitzendem kaffeebraunem Kostüm und hellbrauner Bluse, tritt 6.35 Uhr ein, begrüßt freundlich die Kolleginnen, wechselt einige Worte mit ihnen und beginnt zu arbeiten.

Es ist 6.40 Uhr. Ein neuer Arbeitstag fängt an. Gaby, ein kleiner Krauskopf, kaum 30, trudelt ein. Vom schnellen Radfahren erschöpft, muss sie sich erst mal ausruhen und andächtig die Brille putzen, ehe sie sich, wortkarg wie oft, an der Unterhaltung beteiligt. Ohne sich durch das Gespräch stören zu lassen, erarbeitet Sabine Verzeichnisse. Reichlich eine halbe Stunde vergeht. Nun beginnt Lisa aus den länger vorliegenden Bestellungen einige auszusortieren. Diese möchte sie heute, wenn die Zeit dafür reicht, erledigen. Hertha fängt an, einen Brief von Irma, der Abteilungsleiterin, zu schreiben und klagt über die vielen Abkürzungen im Konzept. Gaby telefoniert. 7.25 Uhr erscheint Manfred, der trotz seiner 48 Jahre noch Nutznießer der 40-Stunden-Woche ist. Durch seine Größe wirkt er, vom Bierbauchansatz abgesehen, schlank. Nach der Begrüßung der Frauen bereitet er sich einen “Türkischen”. Beim schlückchenweisen Trinken überprüft er Tabellen. Kurz vor acht geht er zur nahen Kantine, um sich Milch zu holen. Ungeachtet ihres Übergewichtes bestellen Lisa und Hertha wie üblich als zusätzliches Frühstück eine Bockwurst. Eine große soll es aber möglichst sein.

Ab 8.00 Uhr wird gefrühstückt. Offiziell gibt es zwar keine Pause, aber mit leerem Magen kann man nichts schaffen. Ihre Brühe sei auch heute zu salzig, stellen Gaby und Lisa fest. Mit Bier kann nachgespült werden, weiß sich Lisa zu helfen. Die alleinstehende, gut verdienende Gaby verzichtet darauf. Sie muss sparen. Lisa und Hertha plaudern über Mode und klagen, dass es für ihre Figur nichts Vernünftiges gebe. Wenn sie sich nicht zwei-, dreimal im Jahr von der Schneiderin etwas nähen ließe, hätte sie nichts anzuziehen, barmt Hertha. Diskret spötteln dann die beiden Vollschlanken über die meist braun gekleidete Sabine. Diese erwidert achselzuckend, dass es ihr auch nicht besonders gefalle, aber ihr Mann sage oft, es würde so gut zu ihrer Haarfarbe und ihren braunen Augen passen. Dann lenkt sie das Gespräch schnell auf Krankheiten, auch ein beliebtes Thema der Damen. Manfred erinnert sich, dass Hertha jedes Jahr etwa sechs Woche krank war und sogar von ihrer eventuellen Invalidisierung sprach. Seltsamerweise konnte sie in dieser Zeit Keller und Boden entrümpeln. Unterhalten sich Manfred und Sabine über den Garten, dann diskutiert auch Balkongärtnerin Gaby mit. Langsam verstreichen die Minuten. Es ist 8.30 Uhr. Manfred schielt auf seine Tabelle. Er möchte sie vervollständigen. Da wird er ermahnt, jetzt sei noch Frühstück, bis 9.00 Uhr müsse er sich noch gedulden, das gelte auch für Sabine.

Nun setzt Hertha den Brief fort. Sabine beschäftigt sich weiterhin mit Verzeichnissen, und Gaby entwirft eine Stellungnahme. Lisa plagt sich, Briefumschläge mit der Maschine zu beschriften, wobei sie das “Adler-System”, mit einem Finger kreisend suchen, bis die richtige Taste gefunden ist, dann zustoßen - anwendet. Nicht selten verirrt sich der Finger, und der Umschlag landet im Papierkorb. Die Anschrift mit Hand zu schreiben, lehnt Lisa ab, da sie es nicht geradlinig schaffe. Am Telefon meldet sich Irma und fragt Hertha, wann sie den Brief zur Unterschrift vorbringe. In einer halben Stunde sei sie soweit, erklärt Hertha. Im Raum ist jetzt nur das Rattern der mit geübten Händen Schreibenden sowie das Tak-Tak des mit dem Zwei-Finger-Suchsystem arbeitenden Manfred zu vernehmen. Zwischendurch trinkt er einen zweiten “Türkischen”. Manchmal stöhnt Lisa über die vielen Bestellungen. Gabys Bleistiftstummel huscht über das Papier.

Irma stürzt in den Raum. Auf dem Weg zu einer kleinen Besprechung schaue sie nur mal rein, damit sie den Brief unterzeichnen könne. Irma ist immer in Eile. Deshalb stürmt sie schon wieder hinaus, kaum dass sie eine fachliche Frage Gabys beantwortet hat. Zwei Kolleginnen bringen freudig zum Ausdruck, Irma habe aufs Neue gesehen, wie fleißig alle seien.

Einige Minuten vor 10 Uhr gehen Hertha und Lisa, im Betrieb scherzhaft die “Zwillinge” genannt, weil sie oft gemeinsam unterwegs sind zum 400 m entfernten Direktionssekretariat, um die Tagespost zu holen und sie der eine Etage darüber sitzenden Chefin zu bringen. Manfred bittet, falls sie unterwegs einkaufen, das für ihn unentbehrliche Stück Quarktorte mitzubringen. Sabine widmet sich, nachdem sie mit Gaby und Manfred einen ihr unklaren Fachausdruck diskutierte, erneut der Nomenklatur. Manfred klappert mit der Maschine, hört Gaby telefonieren, Dienstliches und Privates bunt gemischt, von hellem Lachen unterbrochen, plötzlich zornig, dann ruhig. Mit einer Mappe und vollem Einkaufsbeutel kehren die “Zwillinge” zurück und sagen, es sei 10.30 Uhr, höchste Zeit, Kaffee zu kochen. Diese Arbeit übernimmt Gaby. Sabine bereitet sich Tee, denn ihr Magen rebelliert bei Kaffeegenuss. Inzwischen nascht Lisa von der vorher gekauften Wurst. Bis 11.00 Uhr darf jetzt niemand arbeiten, denn nun wird Kaffee getrunken.

Während Hertha und Lisa bald danach am Arbeitsplatz ihr Mittagessen verzehren, gehen Sabine und Manfred geräuschlos ihren Aufgaben nach. Verträumt blickt Gaby aus dem Fenster, ab und zu notiert sie etwas. Beim Abspülen des Geschirrs bemerken die “Zwillinge”, seit Tagen die Teller nicht zur Kantine zurückgeschafft zu haben. Morgen werden sie hoffentlich daran denken. Um die Verdauung zu fördern, strickt Hertha am Pullover für ihre Tochter weiter. Er soll rasch fertig werden, weil es dafür 25 Mark Arbeitslohn gibt. Untätig leistet Lisa Gesellschaft. Es fällt kaum ein Wort. Inzwischen ist es 11.40 Uhr. Gaby und Sabine begeben sich zur Hauptkantine. Ungestört stellt Manfred, der mit den Frauen zwar im gleichen Raum sitzt, aber zu einer anderen Abteilung gehört, Zahlenkolonnen zusammen. 12.25 Uhr kommen Gaby und Sabine zurück. Sabine setzt sich an ihren Schreibtisch und liest, was sie am Vormittag schrieb. Sie freut sich, weil sie auch diesmal keinen Fehler findet. Gaby ruht sich aus und sieht Hertha zu. Jetzt geht auch Manfred essen.

Kurz nach 13 Uhr ist er zurück und beobachtet, dass die Stricknadeln verschwinden. Auch Lisa und Gaby beenden ihre Mittagspause. Nur Sabine konnte sich noch nicht von ihrem Arbeitsmaterial trennen. Manfred erfährt, Irma habe sich für eine Dienstbesprechung angesagt und für sich einen Kaffee mitbestellt. Manfred wünscht ebenfalls eine Tasse. Dann liest er seine mittags erhaltene Post und konstatiert verzweifelt, dass das Ergebnis seiner Tätigkeit wohl nie aktuell gedruckt vorliegen wird, da wiederholt Ergänzungen gemeldet werden. Seit Jahren legt er 16stellige Zahlenkombinationen für die Erfassung der Ausführungsvarianten von Papier fest. Diese Aufgabe liebt Manfred und verspottet sie zugleich, weil er weiß, dass in den westlichen Ländern das Problem durch den Strichcode viel eleganter, sinnvoller, ökonomischer gelöst ist. Aber die DDR will ihren eigenen Weg gehen und bezahlt Manfred nicht schlecht. Während er die Anträge erledigt, Kaffee trinkt und Quarktorte ist, hört er, wie Irma die Frauen auffordert, sich bis übermorgen Gedanken über Möglichkeiten der Einsparung von Arbeitszeit zu machen, denn sie möchte dazu eine Verpflichtung der Gruppe ins Wettbewerbsprogramm aufnehmen lassen. Dann berät Irma mit Lisa, ob in den Ferien nochmals Schüler eingesetzt werden sollten, um endlich die seit Monaten bestellten Materialien auszuliefern. Am Telefon hätten sich schon Betriebe über die langen Wartezeiten beschwert. Die Leiterin verspricht, für Lisa wiederum eine Prämie zu beantragen, wenn alle Rückstände aufgeholt seien. Dann übergibt sie ihr eine Reklamation über einerseits doppelt geschickte, andererseits nicht gelieferte Exemplare. In dieser Woche ist es erst die zweite.

Bereits 13.25 Uhr verlässt Irma das Büro, denn sie will für ihre morgige Dienstreise noch etwas erledigen. Zum Abschied mahnt sie, die Frauen mögen bald weiterarbeiten. Kaum ist sie aus der Tür, als Hertha knurrt, Irma lasse einen nicht mal in Ruhe Kaffee trinken, und Lisa murmelt, sie stelle sich immer vor, die Alte stehe mit einer Peitsche hinter ihnen, um sie anzutreiben, aber für die paar Mark, die sie bekomme, müsse sie sowieso zu sehr schuften.

Ab 13.40 Uhr ist von neuem das unregelmäßige Tak-Tak Manfreds zu vernehmen. Hertha rattert Gabys Stellungnahme herunter. In Listen vertieft, bemerkt Sabine kaum das Hin- und Hergehen Lisas, die Bestelltes heraussucht. Über einige Positionen eines Formblattes stimmt sich Gaby telefonisch mit der Vorgesetzten ab. So verfliegt die Zeit. Es ist 15.00 Uhr. Während Gaby letzte Eintragungen im Formular vornimmt, treffen Hertha und Lisa Vorbereitungen zum Feierabend.

Hertha teilt mit, dass sie morgen später komme, denn sie wolle die Gelegenheit nutzen und zum Friseur gehen. Sie erinnert Lisa an deren Fußpflegetermin. Freudig bedankt sich diese, weil sie es abermals vergessen hätte. Beide vereinbaren für den Vormittag noch einen Treffpunkt für einen ausgedehnten Geschäftsbummel.

Plötzlich unterbricht Sabine ihre Arbeit. Ihr fiel ein, dass sie ein hochinteressantes Buch über Sternbilder und deren Bedeutung für die Charaktere der Menschen bekommen hatte. Gaby spricht den Wunsch aus, morgen das Buch lesen zu dürfen, weil sie dann ungestört ist. Sicherlich würden die Stunden dabei schneller vergehen als heute.

Die Zeiger stehen auf 15.30 Uhr. Gaby entschließt sich, ihre Tassen abzuwaschen, während Lisa meint, dass sie ihre noch stehen lasse, denn am nächsten Tag wäre auch noch Zeit und in zehn Minuten wolle sie gehen. Jetzt räumt Sabine ihren Arbeitsplatz auf. Bald wird sie einen wichtigen Abschnitt ihrer Aufgabe beenden. Sie rechnet nicht damit, dass der Wert ihrer Leistung richtig eingeschätzt, geschweige gewürdigt wird.

In einem Manuskript entdeckt Manfred einige falsche Zahlen. Er beachtete nicht immer die vorgeschriebenen Kombinationen, weil er mit halbem Ohr dem Gespräch der Frauen lauschte. Nur noch zwanzig Minuten verbleiben ihm zum Korrigieren, und er nimmt sich vor, anderntags alles gründlichst zu kontrollieren.

15.45 Uhr. Die “Zwillinge” verabschieden sich, wobei Hertha hofft, Irma möge sie nicht mehr anrufen und wenn, dann wäre es ihr auch egal, sie sei morgens ja immer eine Stunde eher da. 15 Überstunden hätte sie dadurch schon. Nächste Woche werde sie diese abfeiern. Fast noch eine Viertelstunde bis zum Feierabend, klagt Gaby. Nach fünf Minuten drängt sie zum Aufbruch, denn sie will den Schlüssel abgeben.

So vergeht ein Arbeitstag wie viele andere schon vorher vergingen. Auch der morgige wird so verlaufen. Ach nein. Irma ist ja auf Dienstreise. An so einem Tag können Sabine und Manfred in Ruhe arbeiten, denn die anderen wollen in ihren Vorhaben auch nicht gestört werden.

(c) Dieter Rietz / Pirna


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