Dorfrepublik Rüterberg


Dieter Rietz     ( 1997 / 2006 )


Ich versuchte schon immer und versuche es weiterhin, mit offenen Augen durch meine Heimat zu wandern und will wissen, was geschieht, was geschah. So interessierte mich auch das Sperrgebiet an der Staatsgrenze West der DDR. Einiges konnte ich zu DDR-Zeiten selbst und nur weniges in persönlichen Gesprächen erfahren. So hörte ich von Aussiedlungen angeblich politisch Unzuverlässiger und den Lebensbedingungen der Menschen im Sperrgebiet. Aber es blieben für mich Bruchstücke. Erst 1997 vernahm ich zufällig von der Dorfrepublik Rüterberg, einer Gemeinde direkt an der ehemaligen DDR-Staatsgrenze, in der Nähe von Dömitz gelegen und ihrem besonderen Schicksal.

Rüterberg ist eine unscheinbare Gemeinde mit 150 Einwohnern. Ein anscheinend unbedeutender Ort. Aber wenn man von seiner Geschichte erfährt, merkt man, dass dieser kleine Flecken in der DDR einmalig bedeutungsvoll war und seine Geschichte nicht in Vergessenheit geraten darf.

Für die Bewohner des Sperrgebietes war das Leben schwer. Sie waren isoliert vom allgemeinen Staatsgebiet der DDR, in ihrer persönlichen Freiheit stark eingeschränkt. Aber die Rüterberger waren doppelt bestraft, denn sie waren ab 1967 innerhalb des eingezäunten Sperrgebietes durch einen zusätzlichen zweiten Zaun von der Umwelt abgeschnitten. Ein einziges Tor bildete den Zugang zum allgemeinen Sperrgebiet, und Besuche aus der DDR waren kaum möglich, aus der BRD so gut wie unmöglich. Das traf auch für ehemalige Rüterberger zu, die aus ihrem Heimatdorf im Rahmen der “Aktion Ungeziefer” -- welch ein Hohn für die Betroffenen -- deportiert wurden.

Die Rüterberger hatten nie die Hoffnung aufgegeben, dass das Grenzsicherungssystem gelockert würde. Aber das Gegenteil trat ein. Die allgemeine Unzufriedenheit wuchs 1989 bei der DDR-Bevölkerung gewaltig an, auch bei den Rüterbergern. Diese wollten am 24, Oktober 1989 in einer Einwohnerversammlung über ihre Probleme, Wünsche und Forderungen sprechen. Der Antrag lief seinen vorschriftsmäßigen staatssicherheitsdienstlichen Weg bis nach Berlin. Aber erst am 8. November durften sich 90 Dorfbewohner zusammenfinden. Vor ihnen saßen ein Vertreter vom Rat des Kreises Ludwigslust, ein höherer Grenzoffizier und der Amtsleiter des Volkspolizeikreisamtes. An diesem Tage sprachen die Rüterberger aus, was sie dachten und wollten. Sie hielten nicht, wie in den Jahren zuvor die Köpfe gesenkt und ließen nicht alles stumm über sich ergehen. Bereits nach einer Stunde erkannten die Rüterberger, dass ihre Forderungen auf taube Ohren trafen, dass alles beim alten bleiben sollte.

Sie dachten an den Rütli-Schwur im “Wilhelm Tell”: “Wir wollen sein ein einzig Volk von Brüdern, in keiner Not uns trennen und Gefahr. Wir wollen frei sein, wie die Väter waren, eher den Tod, als in Knechtschaft leben.” Die Dorfgemeinschaft wählte an diesem für sie bedeutungsvollen Tag die Urform der schweizerischen Demokratie zu ihrem Vorbild und erklärte ihren Ort zur “Dorfrepublik”. Keiner von ihnen ahnte, dass 24 Stunden später die Mauer fallen und damit auch für die Rüterberger die Freiheit kommen würde.

Am 14.Juli 1991 wurde vom Innenminister des Landes Mecklenburg-Vorpommern, Herrn Dr. Georg Diederich, dem Gemeinwesen Rüterberg der Zuname “Dorfrepublik von 1967 - 1989” verliehen. Die entsprechende Urkunde ist im Dorfgasthaus ausgehängt und damit auch für jedermann sichtbar.

Von den Grenzsicherungsanlagen in und um Rüterberg ist kaum noch etwas erhalten geblieben. Zu sehen ist ein Stück des 3 m hohen Metallgitterzaunes, das einstige Tor zum Dorf sowie der 11 m hohe Befehlsturm der Grenztruppen auf dem Rüterberg. Er ist in respektvoller Entfernung von einem Maschendrahtzaun umgeben, am dem ein Schild unmissverständlich aussagt: “Privatgrundstück - Betreten verboten”. Die Gemeinde Rüterberg hätte in diesem Turm gerne ein Museum eingerichtet, aber das BRD-Verteidigungsministerium verkaufte ihn an eine Privatperson der alten Bundesländer, die sich als finanzkräftiger erwies.

Über das Sperrgebiet und die Geschichte Rüterbergs kann man sehr viel erfahren, wenn man die vom Dorfchronisten Herrn Hans Rasenberger in mühevoller Kleinarbeit erstellte Dokumentation “Die Dorfrepublik Rüterberg” aufmerksam liest.

"Die Zusatzbezeichnung "Dorfrepublik 1967-1989" galt bis zum 21. Oktober 2002. Am 13. Juni 2004 wurde Rüterberg in die Stadt Dömitz eingemeindet."

(c) Dieter Rietz / Pirna


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