Die Trauminsel


Dieter Rietz     ( 2004 )


Hartmut erwachte. Er lag auf weichem, warmem Sand, neben sich ein Proviantbeutel, ein paar Habseligkeiten und Defoe’s Buch über Robinson. Erfreut bemerkte Hartmut, dass auch sein Brennglas, mit dem er gern experimentierte und dabei nicht nur einmal Unheil anrichtete, neben ihm lag. Er würde das Glas sicherlich noch brauchen können. Leises Plätschern von Wellen drang ans Ohr. Er erhob sich und sah auf eine riesige Wasserfläche. Das musste das Meer sein. Hinter sich, ganz in der Nähe erblickte er eine Felsgrotte und weiter entfernt einen Wald. Hartmut war glücklich, auf einer Insel zu sein.

Mit Begeisterung hatte er in seiner Kindheit von Robinson Crusoe gelesen und von Woche zu Woche wuchs in ihm der Wunsch, auch auf einer einsamen Insel zu leben. Hartmut ist zwar kein Menschenfeind, aber er meidet Orte, an denen viele Leute beisammen sind und selbst zu seinen wenigen Freunden hält er kaum Kontakt. Viel lieber ist er alleine. Deshalb wäre eine unbewohnte Insel ideal für ihn. Aber wo könnte er eine finden? Wie könnte er dorthin gelangen? Als Schiffbrüchiger oder Ausgesetzter wollte er es nicht. Die Insel blieb für ihn also ein Wunschtraum. Aber manchmal geschehen Wunder und sein heimlicher Wunsch war in Erfüllung gegangen. Wie er hierher gelangte, war ihm rätselhaft. Hatte ihn eine Windhose oder ein Riesenvogel her getragen? Darüber machte sich Hartmut keine Gedanken. Es war ihm egal. Nun konnte er tun und lassen was er wollte. Niemand konnte ihm jetzt Vorhaltungen oder Vorschriften machen und vor allem, er sparte die stets vergebliche Frage nach einem Arbeitsplatz. Die Hoffnung, einen zu bekommen, hatte er längst aufgegeben. Einige Politiker behaupteten zwar, die Arbeitslosigkeit könne eingedämmt werden, wenn die wöchentliche Arbeitszeit verlängert und die Zahl der Urlaubstage verringert würde. Aber, ob sie selbst an solchen Unsinn glauben, bezweifelt Hartmut. Nun interessiert es ihn auch nicht mehr. Auf die paar Euro Sozialhilfe, die er zusätzlich zur Arbeitslosenhilfe bekam, kann er verzichten, denn wie für viele in der Bunten Republik Deutschland ist es zum Leben zu wenig und zum Sterben müssen zu reichlich. Wenn die Arbeitslosen- und Sozialhilfe zusammengelegt werden zum so genannten Arbeitslosengeld 2, wäre es für ihn noch miserabler. Vielleicht kämen die Behörden auf den Gedanken, er solle von seinem umfangreichen Buchbestand den größten Teil und auch seine Briefmarkensammlung verkaufen. Dadurch käme er zu Geld. Den Fernseher würden sie ihm lassen, damit er sich über die Reformpläne informieren kann. Wie er mit dem Hickhack der Parteien zu den Problemen zurechtkommt, bleibt ihm überlassen. Wie viel die Politiker und die Manager der Aktiengesellschaften jeden Monat einstreichen, wird kaum publik gemacht. Die Leute würden die Ohren anlegen, wenn sie es wüssten. “Ach wie schön, dass es ein Bankgeheimnis gibt”, lachte Hartmut auf. “Es schützt die Großen gesetzlich, aber wir Kleinen müssen einen Offenbarungseid leisten. Wie viel Geld die Großen ins Ausland schaffen, um hier Steuern zu sparen, ist auch unbekannt. Das Vermögen der Reichen bleibt unangetastet, denn sie pochen auf Besitzstandswahrung. Doch die Keinen dürfen es nicht. Sie sollen blechen, ehe sie würdig sind, Almosen zu empfangen”, sinniert er weiter. Hartmut ist froh, keine Kinder zu haben, denn deren Sparguthaben würde man auch anrechnen. Aber diese ganzen Sorgen entfallen für ihn, denn Geld braucht er hier nicht, weil es bestimmt keinen Supermarkt gibt und Tante-Emma-Läden erst recht nicht, denn die gehen durch die Konkurrenz pleite. Der schleichenden Inflation entgeht er auch. Auf den Wahlrummel, der alle paar Jahre veranstaltet wird, verzichtet er gerne, denn er hatte bald erkannt, dass die Parteien vor der Wahl den Himmel auf Erden versprechen und wenn sie gewannen, kleinlaut verkünden, sie hätten die Situation falsch eingeschätzt. Auf Rundfunk und Fernsehen kann Hartmut ebenfalls verzichten. Er hatte schon längst bemerkt, dass der Rundfunk manipuliert wird und fast ausnahmslos nur das bringt, was den Politikern in den Kram passt. Die zahlreichen Filme mit Mord und Totschlag und die Schnulzenserien interessierten ihn nie und die ständigen Unterbrechungen für Werbesendungen piepten ihn an. “Aber genug davon”, sagte sich Hartmut.

Er entschloss sich, das Eiland zu erkunden. Er markierte die Stelle, an der er erwachte und wanderte am Ufer entlang. Es wurde von einem zehn bis fünfzig Meter breiten Streifen feinkörnigen Sandes gebildet. Daran schloss sich saftiges Gras an. Hartmut entdeckte eine Feuerstelle, die von Gras überwuchert wurde. War er doch nicht alleine auf der Insel? Er inspizierte die Gegend genauestens, sah aber nur einen zurückgelassenen löchrigen Kochtopf und eine angeschlagene Tonschale. Nachdem Hartmut etwa zwei Stunden gewandert war, kam er zum Wald. Dort wuchsen viele Bananenstauden. Seltsamer Weise zeigten sie sich in verschiedenen Entwicklungsstufen. Einige Stauden blühten, einige trugen unreife, andere voll ausgereifte Früchte. Das ließ darauf schließen, dass es hier nie Winter wurde. Weil Hartmut Hunger verspürte, aß er einige Bananen. Auch Kokospalmen erblickte er. Sie kannte er nur von Fotos. Bananenstauden hatte er irgendwann in einem Botanischen Garten gesehen. Hartmut sah auch Pflanzen, die an Bäumen hochrankten. Er vermutete, es seien Lianen. Sein Blick fiel auf Büsche, die ihm unbekannte Beeren trugen. Er kostete davon, spie sie aber sofort aus, denn sie schmeckten abscheulich. Viele Kotkügelchen deuteten darauf hin, dass es auf der Insel massenweise Wildkaninchen gibt. Sicherlich hatten sie keine natürlichen Feinde. Lebhaftes Vogelgezwitscher ertönte im Wald. An dessen Rand sah Hartmut einen kleinen See mit vielen Fischen. Als er noch Junge war, übte er das Fangen von Fischen mit der Hand. Das würde ihm nun nützen. Aus dem See floss ein Bächlein mit glasklarem Wasser. Es erfrischte und mundete vorzüglich. Hartmut strahlte. Hungern und dursten müsste er also nicht und vor allem, seine Nahrung ist hier nicht genmanipuliert. Er konnte faulenzen und wenn er wollte, Fische greifen, Bananen futtern und Kokosmilch trinken. Um an die Kokosnüsse heranzukommen, müsste er allerdings wie ein Affe auf die Palmen klettern. Aber das traute sich Hartmut zu. Doch dann kamen ihm Bedenken. Wie sollte er die Nüsse knacken? Sein Messer wäre nicht stabil genug und ein Beil besitzt er nicht. Ihm fiel ein, in einem Naturfilm mal gesehen zu haben, wie Affen die Schale mit einem Stein zertrümmerten. “Man muss sich nur zu helfen wissen”, murmelte Hartmut vor sich hin. Er pflückte sich eine Kokosnuss und hieb mit einem faustgroßen Stein darauf. Unglücklicher Weise rutschte er dabei ab und traf voll seine linke Hand. Ach, könnte er jetzt eine Krankenschwester aufsuchen. Ein Arzt wäre ihm allerdings angenehmer. Die vermaledeiten zehn Euro Praxisgebühr oder wie das genannt wird, was sich die Ministerin einfallen ließ, um den Leuten das Geld aus den Taschen zu ziehen, würde er schon hinblättern.

Hartmut war überzeugt, essbare Wurzeln würde er auch finden. Mit Schlingen aus Lianen oder in Fallgruben könnte er Kaninchen fangen. Feuer ließe sich mit dem Brennglas entfachen. Trockenes Reisig gab es genug. Seine Kleidung wollte Hartmut schonen, in dem er seine Blöße mit einem Bananenblatt verdeckte. Lianenranken gaben den nötigen Halt. Mehr brauchte er nicht, denn hier war es angenehm warm. Nach einigen Stunden erreichte Hartmut den Ausgangspunkt seiner Erkundungsrunde. Dann untersuchte er die Felsengrotte. Sie bot eine ideale Schlafstelle.

Hartmut jauchzte: “Herz, was willst du mehr!” So vergingen viele Jahre, ohne dass er seine Einsamkeit bereute. Nur mit seiner Nahrung war er unzufrieden. Sie war zu einseitig. Essbare Wurzeln hatte er nicht gefunden und die Bananen hingen ihm nach wenigen Monaten bereits zum Halse heraus. “Ach hätte ich doch mal wieder eine Scheibe Brot. Fisch und Kaninchen kann ich mir braten, wenn ich mal welche fange. Aber, die schmecken fade, weil ich sie nicht salzen kann. Warum gibt es hier keinen Supermarkt oder wenigstens ein Versorgungsschiff?” brummte er. Dann erinnerte er sich an die Tonschale, mit der er Meersalz gewinnen könnte. Dann würde sein Braten besser schmecken. An den täglichen, immer zur gleichen Stunde einsetzenden Wolkenbruch hatte er sich schnell gewöhnt. Hartmut schmunzelte, wenn er im See sein Spiegelbild betrachtete. Sein Bart reichte bis zur Brust und das Haar bis weit auf den Rücken. Er flocht sich deshalb einen Zopf, denn eine Schere besaß er nicht.

Hartmut bedauerte, kein weiteres Buch zu haben, denn Robinson Crusoe kannte er schon auswendig. Gerne hätte er ab und zu mal Radio gehört oder in die Flimmerkiste gestarrt oder eine Zeitung gelesen, um zu erfahren, was in der Welt geschieht. Auf dem Festland verwünschte er die Medien. Aber nun fehlten sie ihm allmählich, auch Unterhaltungen mit Menschen. “Was soll’s? Mein Wunsch war das Leben auf einer einsamen Insel, und dabei bleibt es”, sprach er laut vor sich hin. Ihm war nicht bewusst, dass er immer öfter Selbstgespräche führte.

Eines Tages fand er am Ufer eine Flasche. Darin steckte Papier. “Eine Flaschenpost? Was mag sie enthalten?” rätselte Hartmut. Mit Mühe konnte er sie öffnen und fand darin das Foto einer jungen, hübschen Frau, sowie einen kurzen Brief, der schon ein halbes Jahr alt war. Sie schrieb, sie sei des Alleinseins überdrüssig und sehne sich nach einem ebenfalls einsam Lebenden. Wo sie zu finden sei, war eindeutig beschrieben. Hartmut überlegte nicht lange. Diese Frau wollte er in Augenschein nehmen. Deshalb pfiff er auf seine Einsamkeit. Sofort begann er mit dem Bau eines Floßes. Dafür nutzte er im Wald umgestürzte Bäume, die er mit Lianen zusammenband. “Wenn ich jetzt Hilfe hätte, wäre es mir angenehm, denn das ist eine elende Plackerei mit den Stämmen”, stöhnte er. Dann zog er seine Kleidung an und fuhr los. Dass sein Floß auseinander fallen und er im Meer ertrinken könnte, kam ihm nicht in den Sinn. In diesem Moment dachte Hartmut auch nicht daran, dass er dem Schlamassel, dem er entronnen war, eventuell sogar noch krasser wiederbegegnen wird.

Landete er im Hafen der Ehe?

(c) Dieter Rietz / Pirna


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