Die Tarnkappe


Dieter Rietz     ( 1996 )


Einst wünschte ich mir sehnlichst eine Tarnkappe. Aber dann nutzte ich sie nur ein einziges Mal. Ich hätte sie fortwerfen oder verschenken können, trennte mich aber nie von ihr. Befürchtete ich, dass sie in unrechte Hände käme und Schaden entstünde? Hoffte ich, sie doch noch zu verwenden? Ich weiß es nicht.

Vor sehr langer Zeit begann ich in einem Büro und lernte dort ein hübsches Mädchen, die Angestellte Marlies, kennen. Sie war liebenswürdig zu jedermann, aber unnahbar. Marlies verstand es, sich geschmackvoll zu kleiden, unauffällig ihre körperlichen Reize zu betonen und gleichzeitig zu verbergen. Sicherlich wirkte das nicht nur auf mich.

Mein Wunsch, Marlies unverhüllt betrachten zu können, wuchs von Tag zu Tag. 99 Nächte hintereinander war ich im Traum auf dem besten Wege dazu. Aber jedes Mal kam eine Störung, und enttäuscht erwachte ich. In der 100. Nacht erschien mir eine Fee und sagte, sie Mein werde mich von meinen Qualen erlösen. Sie schenke mir eine Tarnkappe. Aber ich solle damit vorsichtig sein, denn nur ich bliebe unsichtbar. Alles was ich nach dem Aufsetzen in die Hand nähme oder ablege, bliebe unsichtbar. Meine Stimme oder Geräusche, die ich verursache, könnten alle hören und mich verraten. Ich dankte der Fee und versprach, die Hinweise zu beachten.

Als ich erwachte, erblickte ich neben mir eine Kappe. So schnell war ich noch nie aus dem Bett. Mit der aufgesetzten Kappe trat ich vor den Spiegel. Nichts war von mir zu sehen. Ich nahm sie ab, und mein Spiegelbild strahlte mich an. Erneut setzte ich die Kappe auf und war scheinbar verschwunden. Ich ergriff meine Armbanduhr. Sie schien in der Luft zu schweben. Als ich die Uhr umgebunden hatte, war auch sie nicht mehr wahrnehmbar. So glücklich war ich noch nie, denn endlich könnte ich mein Begehren stillen.

Irgendwie gelang es mir, mich in Marlies’ Zimmer, das im Hochparterre liegt, zu schleichen und wartete auf die Abendstunden. Leise quietschte die Tür, als Marlies eintrat. Jeden ihrer Schritte beobachtete ich, um ihr nicht zu nahe zu kommen. Sie machte das Fenster weit auf, zog die Vorhänge zu, bereitete ihr Bett vor und stellte einen Hocker daneben. Dann schaltete sie die Deckenlampe aus. Ich hörte, wie Marlies zum Bett zurück ging und vermutete, dass sie sich entkleidete. Nichts sah ich und musste mich die ganze Nacht wach halten, denn mein Schnarchen ist unüberhörbar. In den Morgenstunden, es dämmerte bereits, liefen mir Kälteschauer über den Rücken, und ich konnte lautes Niesen nicht unterdrücken. Marlies erwachte und setzte sich auf. “Was war das? Ist hier jemand?” “Hatschi!” gab ich ungewollt zur Antwort. Mit einem Sprung war Marlies aus dem Bett. Ehe sie mich erreichen konnte, sprang ich aus dem Fenster und landete in Rosenbüschen. “Mist!” brüllte ich und rannte davon.

Zwei Stunden später begrüßte mich Marlies in der Arbeitsstelle statt mit einem “Guten Morgen” mit “Rosen können unangenehm kratzen.”

(c) Dieter Rietz / Pirna


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