Die konstante Note


Dieter Rietz     ( 2004 )


Musik ist etwas Schönes, ein Kunstgenuss. Doch soll Wilhelm Busch behauptet haben: Musik würde störend oft empfunden, zumal sie mit Geräusch verbunden. Dem stimmt Manfred vollends zu, wenn er an das ohrenbetäubende “bumm, bumm” aus vorbeifahrenden Autos denkt.

Er liebt nicht alle Arten von Musik. Klaviermusik und Schlager gefallen ihm kaum. Am liebsten hört er Operetten- und Opernarien. Gern würde er sie mitsingen. Wenn er singen könnte.

Als Kind versuchte Manfred des öfteren zu singen. Seine Mutter hatte dafür kein Verständnis, denn sie konnte nicht singen, zeigte auch kein Interesse für Musik. Sie erklärte, Vögel, die früh singen hole bei Tag die Katze. Der Vater dagegen war musikalisch. Wenn er in der richtigen Stimmung war, sang er.

Musikunterricht war für Manfred ein Graus. Am liebsten hätte er den geschwänzt. Doch das traute er sich nicht. Notenkunde wurde damals kaum gelehrt. Liedertexte mussten die Schüler lernen. Aber sie wurden selten abgefragt und darüber war Manfred nicht böse. Im Vordergrund stand das Singen und das hörte sich bei ihm jammervoll an. Stets wurde es mit der Note “4” honoriert. Daran gewöhnte er sich. Irgendwann im 6. Schuljahr störte er einmal den Musikunterricht und musste deshalb nach vorne kommen. Der sehr alte Lehrer forderte ihn auf, “Hänschen klein” zu singen. Manfred fühlte sich verhöhnt und blieb stumm. Der Lehrer drängte energisch und forderte wiederholt das Singen. Weil es nicht geschah, drohte er: “Los, singe oder soll ich dir den Geigenkasten auf den Kopf hauen?” Der Alte blieb erfolglos.

Jahre später, als Manfred die 10. Klasse besuchte, war er völlig überrascht, als ihn die Musiklehrerin aufforderte, in der Pause zu singen. Sie wollte eine Benotung vornehmen. Glücklicherweise war außer ihm und der Lehrerin niemand im Raum. Nach wenigen Minuten durfte Manfred gehen. Erleichtert atmete er auf. Auf dem Halbjahreszeugnis stand wieder die Note “4”. Das Schuljahr näherte sich dem Ende. Zensuren wurden gebraucht. Deshalb musste in der Unterrichtsstunde ein Schüler nach dem anderen “Herr Heinrich saß am Vogelherd” singen. Die Lehrerin begleitete dabei auf dem Klavier. Sie rief die “Sänger” entsprechend dem Klassenbuch auf und dann war Manfred an der Reihe. ’Jetzt hat’s mich erwischt. Die anderen werden mich auslachen’, ging ihm durch den Sinn. Erblassend und mit weichen Knien erhob er sich und wollte mit gesenktem Haupt die wenigen Schritte zum Klavier gehen, als ihn die Lehrerin ansah und sagte: “Ach ja. Du kannst ja nicht singen. Setze dich.” Sein Herz machte einen Freudensprung, denn er war einer Blamage entgangen. Die “4” auf dem Zeugnis war ihm nicht so unangenehm.

(c) Dieter Rietz / Pirna


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