Deutsch-Kursus II


Dieter Rietz     ( 1998 )


Meine Damen und Herren, in diesem II. Deutsch-Kursus wollen wir uns mit Adjektiven und Verben beschäftigen und wie sich deren inhaltliche Aussage verändert, sobald sie durch eine Vorsilbe beziehungsweise ein vorangehendes oder nachgeschaltetes Wort ergänzt werden. Zum besseren Verständnis möchte ich Ihnen das an einigen Beispielen darlegen.

Beginnen wir mit dem Wort würdig. Wir könnten es ersetzen durch die Ausdrücke erhaben, repräsentativ, Ehrerbietung erfordernd. Das Gegenteil wird durch unwürdig ausgedrückt. Ehrwürdig bedeutet erhaben. Ein altes Bauwerk kann durch seine Schönheit ehrwürdig wirken. Wenn eine Aussage oder Tatsache zuverlässig erscheint oder einen hohen Grad an Wahrheit vermuten lässt, sagen wir, sie sei glaubwürdig. Ist etwas sonderbar, seltsam, dann ist es merkwürdig. Liebenswürdig heißt freundlich sein. Wenn ein Ereignis oder ein Tag durch seine Besonderheit in der Erinnerung haften bleibt, ist das denkwürdig.

Die Bedeutung des Adjektivs wert lässt sich nur umschreiben. Wenn jemand etwas hochschätzt, es ihm teuer ist, dann ist es ihm wert, aufbewahrt zu werden. Es ist für ihn wertvoll. Auch ein angenehmes Erlebnis kann als wertvoll im Gedächtnis bewahrt bleiben. Ist dagegen etwas nutzlos, sagen wir es sei wertlos. Dafür den Ausdruck unwert zu nutzen, ist nicht üblich. Sehr guter Schmuck wird als wertbeständig angesehen. Eine Rede kann aufgrund der Vortragskunst oder der geäußerten Gedanken als hörens- und beachtenswert beurteilt werden. Das gleiche gilt für Musik- oder Theaterstücke. Eine Theater-, Operetten- oder Opernaufführung können wir auch als sehens- oder ansehenswert empfinden. Als sehens- und beachtenswert schätzen wir Bauwerke und Gemälde. Durch ihr Auftreten und Verhalten erscheint uns eine Person als achtenswert. Fällt dagegen ein Mensch negativ auf, ist er verachtenswert, im Gegensatz zu jemandem, der liebenswert oder für uns lieb und wert ist.

Als drittes Beispiel möchte ich kalt bringen. Dieses Adjektiv drückt - abgesehen vom Temperaturempfinden - immer etwas Negatives aus. Bei starker Kälte sprechen wir von bitter- oder eisigkalt. Aber wir wollen uns mit Wortverbindungen beschäftigen, bei denen kalt im übertragenen Sinne Verwendung findet. Ist eine Person in ihrem Verhalten gefühllos, sagen wir, sie sei kaltherzig. Auch die schlimmsten Ereignisse werden sie kaltlassen. Verhalten sich diese Personen sogar rücksichtslos, dann übergehen sie das Geschehen kaltlächelnd oder kaltschnäuzig. Wird eine Person aufs tote Gleis geschoben, nach ihrer Meinung also nicht mehr gefragt, nennen wir es kaltstellen. Kaltmachen dagegen bedeutet im Jargon, dass Verbrecher kaltblütig einen Mord begehen. Kaltblütig kann aber auch bedeuten, dass die handelnde Person skrupellos ist.

Wenden wir uns jetzt den Verben zu, zum Beispiel sehen oder betrachten. Sicherlich werden Sie des öfteren fernsehen. Wenn Sie sich einen Kriminalfilm ansehen und Sie die Handlung nicht richtig verstehen, sagen Sie, Sie könnten nicht klar sehen, nicht durchsehen. Im Verlauf des Kursus werden Sie eine Klausur schreiben. Das müssen Sie einsehen oder anders gesagt verstehen. Meine Bewertungsmaßstäbe können Sie vor der Klausur einsehen, also zur Kenntnis nehmen. Ihre Arbeiten werde ich durchsehen, das heißt, sie kontrollieren. Von einer scharfen Bewertung werde ich absehen und geringfügige Fehler übersehen, Ihnen also nachsehen. Ich könnte auch sagen, ich verzeihe sie Ihnen. Wenn ich den Raum verlasse, werden Sie mir nach- oder hinterher sehen, also nachschauen. Einige von Ihnen werden vielleicht weg- oder fortsehen. Ich werde mich nicht umsehen. Ich meine damit, dass ich mich nicht umdrehe. Wenn Sie etwas suchen, müssen Sie sich danach umsehen.

Als zweites Beispielverb wählte ich ziehen. Es erscheint als Infinitiv in den unterschiedlichsten Aussagen, wie zum Beispiel: in die Länge, eine Lehre, ein Fazit ziehen. Aber diese Anwendungsmöglichkeiten entsprechen nicht der Zielstellung dieses Kursus und würde dessen Rahmen sprengen. Befassen wir uns also mit dem mit Vorsilben verbundenem Verb ziehen. Einen Orts- oder Wohnungswechsel drücken wir aus mit den Vorsilben aus-, be-, fort- oder weg-, her-, hoch-, nach-, um-, ver- und zu-. Meines Erachtens kommt durch die Vorsilben klar zum Ausdruck, was jeweils konkret gemeint ist. Sollten Sie jedoch Unklarheiten haben, dann fragen Sie bitte gleich. Wie ich sehe, haben Sie alles verstanden. Die für den Ortswechsel genannten Verben haben aber noch weitere Bedeutungen. Von ausziehen sprechen wir, wenn wir einen Tisch verlängern. Eine Ware beziehen oder erhalten wir vom Versandhaus. Wir berufen, also beziehen uns auf eine Aussage Fort- oder wegziehen können wir eine Decke oder eine Abdeckung. Eine Verhandlung kann sich hinziehen. Sie dauert länger als erwartet. Wollen wir über eine Person Schlechtes verbreiten, dann werden wir über sie herziehen. Lasten können wir hochziehen und Linien oder Umrisse nachziehen. Nachziehen müssen wir, wenn wir einen Vorsprung aufholen wollen. Die Mineralölgesellschaften demonstrieren uns das leider bei den Benzinpreisen. Hat sich eine Schraubverbindung gelockert, müssen wir die Mutter nachziehen oder die Schraube anziehen, also fester drehen. Verändert sich unser Gesichtsausdruck nicht, wenn wir etwas hören oder sehen, dann verziehen wir keine Miene. Pflänzchen verziehen, also entfernen wir, wenn sie zu dicht nebeneinander stehen. Beachten Sie bitte, dass verziehen auch die Vergangenheitsform von verzeihen sein kann. Eine Krankheit können wir uns zuziehen. Eine Gardine oder einen Vorhang kann man sowohl zu- als auch aufziehen und damit komme ich zu den bisher noch nicht genannten ab-, an-, auf-, durch-, ent-, er-, lang-, stramm-, voll- und vorziehen. Von abziehen sprechen wir, wenn wir Wein vom Fass in Flaschen abfüllen, eine Kopie von einem Bild oder von einem Schriftstück anfertigen oder Soldaten ein Gebiet verlassen. Statt subtrahieren sagten wir früher abziehen. Man kann auch eine Schau abziehen, das heißt, etwas tolles darbieten. Ein Uhrwerk werden wir aufziehen. Bilden sich Gewitterwolken, sagen wir, ein Gewitter oder ein Unwetter wird aufziehen. Wenn wir ein Kind aufziehen, ist es unsere Pflicht, das Kind zu betreuen, bis es erwachsen ist, und gleichzeitig werden wir es erziehen. Beabsichtigen wir, das Kind oder einen Erwachsenen zu necken, dann sagen wir, wir werden sie aufziehen. Das Aufziehen einer Schublade oder einer Schleuse bedeutet, dass sie geöffnet werden. Kleben wir ein Bild oder eine Landkarte auf eine feste Unterlage oder spannen eine Leinwand auf einen Rahmen, dann sprechen wir auch vom aufziehen. Der Wachablösung, also dem aufziehen der Wache oder eines Postens vor einem Mahnmal oder einem Regierungssitz wird gerne zugeschaut. Will ein Vater strenger werden, wird er andere Seiten aufziehen. Will er den Sohn zurechtweisen, wird er ihm die Hammelbeine lang ziehen oder ihm den Hosenboden strammziehen, wenn der Bösewicht bestraft werden soll. Die beiden zuletzt genannten Redensarten sind aber meist scherzhaft gemeint. Im Krieg muss ein Posten die ihm zugewiesene Stellung beziehen. Wenn wir eine Maßnahme begonnen haben, müssen wir sie durchziehen, auch wenn es uns schwer fällt. Es kann vorkommen, dass wir einen leistungschwachen Schüler mit durchziehen müssen, damit weniger Sitzenbleiber zu vermerken sind. Klatsch und Tratsch wollen wir vermeiden, denn es gefällt uns auch nicht, wenn andere Leute unser Handeln bei ihren Gesprächen durchziehen oder durchhecheln. Einen Faden können wir durch ein Nadelöhr durchziehen. Schmutzige Wäsche weichen wir ein. Sie soll durchziehen. Von entziehen sprechen wir, wenn die Entscheidungs- oder Verfügungsgewalt nicht länger geduldet oder das Erziehungsrecht abgesprochen wird. Wir entziehen uns der Verantwortung, indem wir die Entscheidung anderen überlassen. Sondern wir uns von einer Gruppe ab, dann entziehen wir uns deren Einfluss. Soll ein Redner nicht weitersprechen, entziehen wir ihm das Wort. Bei der Destillation entziehen wir einem Ausgangsstoff unerwünschte Bestandteile. Ereignisse können sich in einem Zeitraum oder zu einem bestimmten Zeitpunkt vollziehen, und ein Scharfrichter kann eine Hinrichtung vollziehen, also ausführen. Wollen wir jemand begünstigen oder bevorzugen, dann werden wir ihn vorziehen vor anderen.

Kleidung werden wir aus- und anziehen, wenn wir uns umziehen. Wollen wir ein Bett mit frischer Wäsche beziehen, müssen wir die vorher benutzte abziehen.

Obwohl ich sicherlich bei den vorgetragenen Beispielen nicht alle möglichen Ausdrücke nannte, möchte ich meinen Vortrag beenden, denn einerseits will ich Sie nicht ermüden, andererseits ist die Zeit schon fortgeschritten. In den folgenden Kursstunden befassen wir uns mit den Verben nehmen, geben, laufen, bauen, raten. Ich bitte Sie, entsprechend den heute gehörten Beispielen, Varianten zu den genannten Verben zu suchen. Stellen Sie fest, wie sich deren Bedeutung durch Vorsilben beziehungsweise durch ein vorangehendes oder nachfolgendes Wort ändert. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg und Aufwiedersehen.

(c) Dieter Rietz / Pirna


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