Deutsch-Kursus I


Dieter Rietz     ( 1996 )


Sie, meine verehrten Damen und Herren, dachten sicherlich des öfteren an Mark Twains Satire über die schreckliche deutsche Sprache und die Unlogik der Artikel für die Substantive, als Sie in Ihrem Heimatland deutsch lernten. Aber trösten Sie sich, selbst wir Deutschen wissen manchmal nicht, heißt es nun der, die, oder das. Zum Beispiel bei dem Pelztier Nutria. In diesem Deutsch-Kursus für Fortgeschrittene möchte ich Sie über etliche Besonderheiten unterrichten.

Im ersten Abschnitt werden wir uns über Substantive unterhalten, die in Schreibweise und Aussprache identisch sind, sich aber im Geschlecht und ihrer Bedeutung unterscheiden. Als Beispiel nenne ich Ihnen, wobei ich im Verlauf des Kursus, wenn es notwendig ist, eine inhaltliche Erklärung gebe, nachfolgende Worte: der oder das Gehalt, der und die See, der und das Teil, der und das Tor, der und das Korn, der und die Leiter. Zu dieser Gruppe können wir auch der, die, und das Band rechnen, wobei aber zu beachten ist, dass zwar die Band geschrieben, aber die Bänd ausgesprochen wird.

Im zweiten Abschnitt behandeln wir Substantive, deren Schreibweise, Geschlecht und Aussprache übereinstimmen, sich aber in der Bedeutung unterscheiden. Wenn Sie hören oder lesen: dort ist die Bank, dann wissen Sie nicht, ist es eine Parkbank oder ein Geldinstitut. Meistens werden Sie aus dem Text erkennen, was gemeint ist. Um Ihnen das Lernen zu erleichtern, werde ich bei den nachfolgenden Beispielen stets eine Ergänzung mit nennen: der Geld- und der Mondschein, das Schloss als Bauwerk und das Schloss in der Tür, der Eisenbahnzug und der Zug an der Zigarette, die Creme der Gesellschaft und die Hautcreme, der Licht- und der Postschalter, der Ball zum Spielen und als Tanzveranstaltung, die Getränkeflasche und die unfähige, feige Person, die im Jargon als Flasche bezeichnet wird. Ebenso spricht man im Jargon die Pflaume, im Gegensatz zu dem Steinobst. Ich könnte Ihnen noch mehr Beispiele aufzählen, aber für die Einführung in den Kursus reicht es.

Später sprechen wir über Substantive, die gleichartig klingen, sich aber in der Schreibweise unterscheiden. Wenn die Artikel nicht gleich sind, wie bei der Kaffee und das Cafe, der Rat und das Rad, der Lasche, ein kraftloser, unentschlossener Mensch und die Lasche am Gürtel, werden Sie keine Schwierigkeiten haben. Neben die Mär, also Sage und das Meer, ein anderes Wort für die See, gibt es auch statt des allgemein angewandten die Mehrheit als Kurzform das Mehr und außerdem die Adverbialbestimmung mehr. Probleme können beim Hören auftreten, wenn die Artikel gleichartig sind wie bei die Lerche, dem Vogel und die Lärche, dem Baum, das Mahl mit h, das Mal ohne h oder die Partie, also ein Ausflug oder beim Schach und der Party, die Feier, außerdem bei der Miene mit ie und die Mine nur mit i geschrieben oder bei dem mit F zu schreibenden Musikstück die Fantasie im Gegensatz zu dem für Einbildungskraft gebräuchlichen Phantasie mit Ph. Wir sagen der Hund, das Tier und der Hunt, ein Förderwagen im Bergwerk, der Bote und die Boote, letzteres ist der Plural von dem Boot. In diese Gruppe passen auch die Route mit ou, also ein vorgeschriebener Weg und die Rute ohne o. Letzteres kann ein Zweig, ein Hundeschwanz oder ein Züchtigungsmittel sein.

Zum Schluss des Kursus können wir, wenn wir Zeit dafür haben, über Adjektive, Adverbien und Partizipien sprechen, die vom Klang her identisch sind mit Substantiven, sich in der Schreibweise aber unterscheiden. Ich denke dabei an fetter, der Steigerungsform von fett und der Vetter, dem Cousin, an fad für geschmacklos, nüchtern und der Pfad, an die Genossen und genossen, das Letztere kleingeschrieben, an der Weg und weg, wenn etwas abhanden gekommen ist, wobei in diesem Falle aber ein Unterschied beim Hören bemerkbar ist. Neben dem Adverb bar und die Bar gibt es auch der Barbar. Für andere Kuriositäten wie mahlen mit h und ohne, im ersten Fall auf den Müller, im zweiten auf den Maler bezogen oder die Windjacke, man kann sie anziehen, aber eine Windhose nicht, der Rock und die Rockmusik werden wir kaum Zeit finden. Ich wünsch Ihnen, meine Damen und Herren, Freude und Erfolg beim Kursus.

(c) Dieter Rietz / Pirna


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