Der verpatzte Skatnachmittag


Dieter Rietz     ( 1998 )


Mittwoch ist heute. Skatnachmittag in Dresden. Manfred schaltet die Mikrowelle ein, um Gemüse und Fleisch aufzuwärmen. Das Wasser mit dem Reisbeutel kocht schon. Das Mittagessen muss zeitig fertig sein. Während er auf der Loggia eine raucht, sieht er die Postbotin. “Die kommt aba spät”, murmelt Manfred, der ehemalige Randberliner, vor sich hin, geht trotzdem hinunter. Kam der erwartete Brief? Der nicht, aber eine “Kultur und Freizeit”. Nach dem Essen habe er noch zehn, fünfzehn Minuten Zeit, um hineinzuhören, schätzt Manfred. Ob von ihm ein Beitrag darauf ist? Der Herr Eberle spricht sie immer so gut auf, dass es für Manfred ein Genuss ist, sie zu hören. Er weiß zwar, was er schrieb, aber seine eigene Aufsprache auf Kassetten klingt nicht angenehm. Eventuell ist eine kurze Inhaltsangabe vorangestellt, hofft Manfred. Das ist nicht der Fall. Er hört sich die Postecke an. Kein Kommentar zu seinen in den letzten Ausgaben der “KuF” veröffentlichten Beiträgen. ,Schade` denkt Manfred jetzt und gleichzeitig daran, dass er sich auch nie äußert zu Arbeiten anderer. Dazu ist er zu faul. Er schaltet den Kassettenrekorder ab, verlässt die Wohnung. Sein Telefon klingelt. Sollte das Jürgen sein, der Skatfreund? Der hatte gestern informiert, er sei stark erkältet und könne deshalb vielleicht nicht kommen, würde dann aber Bescheid geben. “Käse, muss ick noch mal rin.” Der Anruf ist nicht von Jürgen. Eine Frau hatte sich verwählt. Manfred ist sauer. “Jetzt is mich die Zeit wechjeloofen un ick muss im Sturmschritt nach`m Bahnhof.” Pustend und schnaufend hastet er die Treppen zum Bahnsteig hoch und vernimmt die Lautsprecheransage, dass die S-Bahn voraussichtlich zehn Minuten Verspätung habe. “Det hätt ick wissen solln”, brummt er. Bei der Fahrkartenkontrolle erfährt er zufällig, dass der Zug aus technischen Gründen nicht über Bahnhof Neustadt verkehre. ,Och det noch. Da muss ick mit die Straßenbahn von´n Hauptbahnhof fahrn. Mist. Von Neustadt hätte ick bis zum Cafe an´n Albertplatz loofen können. Na, die wer´n kieken, wenn ick so spät intrudel. Aba eenen Vorteil hat det. Ick krieje heute nich mehr so oft det dämliche “Mensch bass uff” von Jürgen zu hörn, wenn ick seine Meinung nach schlecht bediente. Der Eddie is in die Frage janz anners, un der is ville beschissener dran.`

Vor wenigen Jahren lernte Manfred den sehbehinderten Jürgen und den geburtsblinden Eddie in Rochsburg kennen. Weil alle drei gern Skat spielen, nur zum Hausgebrauch, mehr nicht, verabredeten sie sich zum wöchentlichen Skatnachmittag. Sie entschieden sich für Dresden als Treffpunkt, denn trotz ihrer Sehbehinderung könnte Jürgen aus Meißen und Manfred aus Pirna ohne Begleitung dort hinkommen, und Eddie hatte ihnen erklärt, wenn er den Weg eingeübt habe, könne er alleine gehen. Er benutze den Langstock und habe ein gutes Orientierungsvermögen. Außerdem seien es für ihn bis zum Albertplatz nur 800 m. ,Ick weeß, wo Eddie wohnt. Aba wie heeßt die Straße jetzt eijentlich? Wenn ick mich det doch mal merken könnte. Uf alle Fälle, det is ne Leistung von Eddie. Die villen Haltestelleninseln un Fahrbahnen, über die er muss. Ob ick det könnte? Ick globe nich´, geht es Manfred durch den Sinn.

Er weiß, dass er vom Hauptbahnhof mit der 11 oder einer anderen Bahn fahren kann. Aber die Fahrtroute der anderen Linien ist ihm nicht bekannt. Seltsamerweise steht er alleine am Abfahrtsstand. Die Abfahrtzeiten kann er lesen, aber nicht die Linienführungen. , Da hilft nischt, muss ick eben warten, bis ne 11 kommt. Mist, wenn man sehbehindert is.` Aber dann kommt eine Bahn, die ihn ans Ziel seiner Wünsche bringt.

Manfred will seinen Freunden von den Ärgernissen berichten, aber Jürgen fällt ihm sofort ins Wort: “Ähscha.” Das ist Jürgens Lieblingsausdruck. “Ähscha. Faule Ausrädn. Wärschte`n Zuch äher gefahrn, wärsch dös nich bassierd.”

“Ähscha, ähscha”, äfft ihn Manfred nach. “Woher soll ick det wissen, du Knallkopp.” Sie sollten sich nicht streiten, greift Eddie ein und schlägt vor, da es mit Skatspielen keinen Sinn mehr habe, dass sie sich darüber unterhalten, wie sie die Probleme des Alltags meistern, und sagt zu Manfred: “Du klagtest paar mal, du wüsstest nicht, was du für eine der Hörzeitschriften der DZB schreiben könntest. Schreibe doch von diesem verpatzten Skatnachmittag.”

(c) Dieter Rietz / Pirna


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