Der Pfennig


Dieter Rietz     ( 2006 )


Vor hundert Jahren lebte in Sachsen ein alter Mann. Die Leute nannten ihn Ferdinand. Er hatte nichts zu beißen und hatte nur ein abgegriffenes Geldstück mit einer zierlichen -1- darauf. Ferdinand war überzeugt, dass es ein Pfennig sei. Der Hunger trieb den Alten zum Bäcker. “Ich habe nur einen einzigen Pfennig. Verkaufe mir bitte etwas dafür.” Der Bäcker lachte spöttisch. “Für einen Pfennig soll ich dir etwas verkaufen? Das geht nicht. Außerdem, was nutzt mir ein einziger Pfennig? Ich habe aber ein uraltes knochenhartes Brot. Ich schenke es dir, denn ich bin großzügig.” Der Hungrige bedankte sich und wollte heimgehen. Er kam bei einem Fleischer vorbei. “Verkaufe mir bitte eine Scheibe Wurst. Ich habe aber nur einen Pfennig.” Mitleidig schaute der Fleischer. “Nur einen Pfennig? Behalte ihn. Weil ich großzügig bin, überlasse ich dir diese Tüte mit Wurstzipfeln. Die kauft mir keiner ab.”

Ferdinand freute sich. Als er in seinem Kämmerchen war, hieb er mit einem Beil ein winziges Stückchen Brot ab. Das legte er ins Wasser, bis es weich war. Dann verzehrte er es und lutschte dazu an einem Wurstzipfel. Dabei überlegte der Alte: “Wenn ich das Essen gut einteile, reicht es für einen Monat. In dieser Zeit brauche ich kein Geld. Ich werde es zur Bank bringen und Zinsen dafür bekommen. Die Zinsen bringen wieder Zinsen und eines Tages bin ich ein reicher Mann.”

Er ging zur Bank um seine Wunschvorstellungen zu verwirklichen. Der Bankbesitzer warf keimen einzigen Blick auf die Münze und tobte: “Was erlaubst du dir? Bietest mir einen lumpigen Pfennig an und verlangst sogar noch Zinsen! Willst du mich verhöhnen? Scher dich damit zum Teufel!” “Ich danke dir für den Rat”, entgegnete der Arme, besuchte den Teufel, schilderte ihm das Benehmen des Bankiers und zeigte die Münze. Der Teufel grinste freudig: “Sie gefällt mir. Ich nehme sie gerne an, und der habgierige Bankbesitzer wird für sein Verhalten büßen.”

Der Teufel begab sich zum Bankbesitzer, der den neuen Kunden nicht erkannte. “Sieh dir dieses Geldstück an. Einem Armen wolltest du es nicht abnehmen, sahst es dir nicht einmal an. Doch es ist wertvoller als dein ganzes Vermögen. Vielleicht kommen wir beide ins Geschäft.” Der Bankier betrachtete mit einer Lupe aufmerksam das Geldstück und rief: “Verdammt und zugenäht. Was war ich für ein Dummkopf. Der Teufel soll mich holen.” “Dein Wunsch wird sofort erfüllt”, war die Antwort. Das viele Geld der Bank überließ der Teufel dem armen Mann, der fortan ohne Sorgen lebte. Zu dem Bäcker und dem Fleischer sagte er: “Weil ihr zu mir freigebig wart und mich vor dem Hungertod bewartet, schenke ich jedem von euch ein Säckchen Gold.” “Das kann ich nicht annehmen, denn wer den Pfennig nicht ehrt, ist das Gold nicht wert", war des Bäckers Antwort. Der Fleischer hingegen griff hastig zu und sagte: “Hoffentlich kaufst du bei mir viel ein. Geld hast du ja reichlich und ich kann nicht genug davon bekommen.”

Die wertvolle antike Münze ziert jetzt das Eingangstor zur Hölle.

(c) Dieter Rietz / Pirna


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