Der letzte Gedanke


Dieter Rietz     ( 1996 )


“Ruhig, schön ruhig, Kam’rad”, vernahm Paul wie aus weiter Ferne und spürte noch, ehe er in einen ohnmachtähnlichen Schlaf sank, wie er sanft auf ein Kissen gedrückt wurde. Als er erwacht war, hörte er außer dem ihm seit einigen Jahren vertrauten Jaulen der Granaten und deren mal näher, mal ferner liegenden Einschlägen Wimmern, Stöhnen, Schreien. Kläglich tönte der Ruf eines anscheinend jungen Menschen nach der Mutter. Brennender Durst quälte Paul. Er wollte sich aufrichten, wurde aber wieder auf sein Lager gedrückt und vernahm erneut: “Ruhig, schön ruhig, Kam’rad.”

“Wo bin ich?” brachte er mühsam heraus.

“Im Feldlazarett, Kam’rad. Dich hat’s vergang’ne Nacht erwischt. Bauchschuss. Aber is’ nich’ so wilde. Für die Heimat reicht’s nich’. Hätt’ste ’nen Arm oder Bein eingebüßt, wär’s was and’res. Den and’ren, Kraschowsky heißt der, den hat’s eklig erwischt. Der wird’s wohl nich’ übersteh’n. Wenn die Russen mit ihrem verdammten Beschuss aufhör’n, komm’ste ins Lazarett..”

“Durst. Wasser, Wasser. Ich verdurste”, lallte Paul.

“Ganz ruhig”, erwiderte der Sanitäter und feuchtete ihm die Lippen an..

’Warum bin ich hier? Und auch Erwin? Kraschowsky hatte der Mann gesagt. Das konnte nur Erwin sein, denn einen zweiten Kraschowsky gibt es im Bataillon nicht. Was war geschehen?’ grübelte Paul im Halbschlaf, und dann fiel ihm ein, dass sie sich gestern Nacht freiwillig als Spähtrupp gemeldet hatten. Sie waren schon oft gemeinsam auf Erkundung gegangen, denn sie verstanden sich wortlos. Gesten reichten vollkommen.

Erwin und Paul waren Klassenkameraden gewesen, und enge Freundschaft verband sie seit ihrer Kindheit. Gemeinsam schmiedeten sie Pläne, wie sie ihre Zukunft nach der Schulzeit und dem Studium meistern wollten. Während Paul ein Mathematik- oder Physikstudium aufnehmen wollte, gab es für Erwin nur das Konservatorium. Er ist ein Naturtalent, das groß herauskommen würde, hatte der Musiklehrer prophezeit. Aber ihre Pläne mussten sie verschieben, denn sie sollten nicht nur, nein, sie wollten den feldgrauen Waffenrock tragen. Das waren sie der Heimat schuldig. Davon waren sie überzeugt, und das Studium könnten sie nach dem Sieg beginnen. Darüber hatten sie sich in Kampfpausen oft unterhalten.

Paul dachte wieder an das Spähtrupp-Unternehmen. In gebückter Haltung schlichen oder liefen sie von Busch zu Busch, jede sich bietende Deckung nutzend. Dann sah Paul das Mündungsfeuer aufblitzen und verspürte Sekunden später einen Schlag, und nun lag er hier.

Vom Nebenbett her, dort lag Erwin, klang qualvolles Stöhnen, das allmählich abebbte. Als es ganz verstummt war, winkte der Sanitäter einen Arzt herbei, der in Erwins Pupillen blickte und den Puls fühlte. “Exitus”, flüsterte er dem Sanitäter zu.

“Wasser, Wasser”, wollte Paul schreien. Er spürte kaum den Einstich einer Nadel, und dann tat das Morphium seine Wirkung. Deshalb konnte er keinen Abschied von Erwin nehmen, merkte auch nichts vom Transport ins Lazarett im Hinterland und der Operation.

Die Verwundung fesselte Paul wochenlang ans Bett. Dadurch hatte er sehr viel Zeit, an seine Schul- und Soldatenzeit zu denken. In der Schule hatten Erwin und er gelernt, dass das deutsche Volk Lebensraum brauche, die Russen Untermenschen seien, die ihre Naturreichtümer nicht zu nutzen wüssten, denen nun Kultur und auch das Arbeiten beigebracht würden und Deutschland endlich die so dringend benötigten Rohstoffe in ausreichender Menge bekäme. Ihnen wurde auch gelehrt, dass es eine Ehre sei, für diese hehren Ziele zu kämpfen, und jeder Deutsche bereit sein müsse, dafür den Heldentod zu sterben. Diese Gedanken wurden ihnen auch in der Hitlerjugend eingehämmert. Deshalb zogen sie begeistert und voller Tatendrang in den Krieg.

Paul erinnerte sich an die ersten Tage an der Front. Der Kompaniechef musterte die Neuankömmlinge und teilte sie einem fronterfahrenen Zug zu. Ein Soldat murrte, dass man ihnen wieder solche Schnösel geschickt habe. Auch die anderen im Zug zeigten keine Begeisterung. Weil es, von vereinzelten Schüssen abgesehen, tagelang ruhig blieb, fragte Paul, warum sie nicht angreifen würden. “Wirst die Hosen beizeiten vollkriegen”, hatte der Zugführer erwidert und hinzugesetzt, er habe das ungute Gefühl, dass bald die Hölle los sei, denn seit Tagen höre er von der russischen Seite Motorengeräusche. Der Zugführer hatte die Situation richtig eingeschätzt. Die Feuertaufe überstanden Paul und Erwin ausgezeichnet, und vernahmen später mit Freuden den Glückwunsch des Regimentskommandeurs zur erfolgreichen Abwehr des Angriffs.

Im Laufe der Zeit gewöhnten sie sich an den regelmäßigen Wechsel von Fronteinsätzen und Ruhepausen, die ihnen einige Kilometer hinter der Front vergönnt waren. Zu Beginn ihres Soldatenlebens konnten sie an der Eroberung sowjetischen Gebietes teilhaben. Doch es trat eine Wende ein. Die Wehrmacht wurde immer häufiger zum Rückzug gezwungen. Paul fluchte über die Frontberichterstatter, die von erfolgreichen Absetzbewegungen faselten. Erwin meinte sarkastisch, ob die etwa berichten sollten, dass die Deutschen wieder eine Niederlage einstecken mussten.

Paul und Erwin hockten im vordersten Schützengraben. Seit Stunden fiel kein Schuss. Paul rückte näher an Erwin heran und sagte leise: “Ich verstehe die Russen nicht. Warum kämpfen die so fanatisch? Was haben die davon?”

Noch leiser erwiderte Erwin, nachdem er sich vergewissert hatte, dass sie nicht belauscht wurden: “Und wir? Wer bei uns die Nase voll hat und nicht mehr mitmachen will, bezahlt es mit seinem Leben. Bei den Russen ist es nicht anders. Dieser Scheißkrieg. Ich habe genug davon. Was wir lernten, ist gelogen. Zu der Einsicht komme ich immer mehr. Aber ich will überleben und muss deshalb das Maul halten und weiter mitmachen.”

Dieses Gespräch lag nun schon Monate zurück. Bei anderen Gelegenheiten sprach Erwin, dass Stalin und Hitler gleichartige Misthunde seien und die Zerstörung der Städte und die Verwüstung der Felder ein Verbrechen sei. Verwundert hatte Paul stets zugehört. Er glaubte noch an die ihm eingetrichterten Ideale und den Endsieg. Hitler hatte doch von einer Wunderwaffe gesprochen.

Paul erinnerte sich auch, wie stolz er auf seine Nahkampfspange und das ihm einen Monat danach nach einem Oberschenkelsteckschuss verliehene Verwundetenabzeichen war. Damals lag sein Zugführer wimmernd in der Nähe. Den ließen die Sanitäter liegen, weil sie einschätzten, er würde auf dem Transport sowieso krepieren. Da sehe er, dass ein Menschenleben in diesem Krieg nichts zähle, hatte Erwin zu Paul gesagt, als der ihm später von der Bemerkung der Sanitäter berichtete.

Immer wieder kehrten Pauls Gedanken zu den Gesprächen mit Erwin zurück. Hatte der doch recht? Was wäre, wenn Deutschland den Krieg nicht begonnen hätte? Was wäre, wenn es weder Hitler noch Stalin gäbe? Paul fand keine Antwort. Wie gern hätte er sich mit Erwin darüber unterhalten. Aber der war tot. Gefallen für Führer, Volk und Vaterland. So hatte es der Kompaniechef den Angehörigen sicherlich mitgeteilt. ’Auch so eine hohl tönende Phrase’, dachte Paul.

Endlich wurde er als geheilt und wieder fronttauglich aus dem Lazarett entlassen, erneut dekoriert mit einem Verwundetenabzeichen. Diesmal war Paul nicht mehr stolz darauf. Er kehrte zu seiner Einheit, die seit zwei Tagen am Rande eines Dorfes in Ruhestellung lag, zurück. Die Soldaten sollten für neue Einsätze Kräfte sammeln. Deshalb gewährte ihnen der Bataillonsführer ausgiebig Freizeit. Paul schlenderte durch den Ort und hörte auf einem Gehöft Kinder lärmen. Kurz entschlossen betrat Paul den Hof. Kreischend flohen die Kinder zu den Nachbargrundstücken. Nur ein etwa zehnjähriger Junge versuchte sich hinter einer alten Frau, die vor dem Haus saß, zu verbergen. Sie musterte Paul, winkte ihn zu sich heran uns sagte : “Poschalsta, Chleb.” Ratlos zuckte Paul die Schultern, lächelte den Jungen an und verließ wenige Minuten später den Hof.

Im Quartier fragte er einen älteren Soldaten nach der Bedeutung der Worte der Alten. Der Gefragte spuckte verächtlich auf den Boden und antwortete: “Bettelpack. Woll’n Brot. Ham nischt zu fressen.” Reichlich Brot hatte Paul auch nicht. Aber Schokolade konnte er dem Jungen geben. Bereits am nächsten Tag suchte Paul das Grundstück auf. Misstrauisch-ängstlich nahm der Junge die Schokolade und verschwand im Haus. Tags darauf ging Paul wieder hin. Die Oma sonnte sich vor dem Haus und sagte, auf den Jungen zeigend: “Pawel.” Paul nannte seinen Namen und blickte sich suchend um. Er fand ein Stück Blech, rieb den Schmutz davon ab und holte aus der Uniformjacke zwei kleine Magnet-Hunde, die er auf das Blech stellte. Mit der Hand schob er ein Hündchen auf das andere zu. Dieses wich zur Seite aus. Paul wiederholte mehrfach diese Begegnung der beiden Hunde, die immer gleich reagierten. Dann drehte er eines der Tierchen um und blitzschnell rutschte das andere heran, als wollte es am Hinterteil schnuppern. Pawel jauchzte vor Vergnügen und spielte dann mit den Hündchen, bis Paul ging. Am nächsten Tag brachte er ein Stück Pappe mit, auf das er ein Mühlespiel gezeichnet hatte. Auf dem Hof sammelte er gleichgroße weiße und braune Kieselsteine. Dann zeigte er Pawel wie Mühle gespielt wird und staunte , wie schnell der Junge die Regeln begriff. Tag für Tag besuchte Paul den Jungen, brachte ihm des öfteren Schokolade, die er von seinen Kameraden erbettelt hatte, mit. Einmal auch Zwieback aus seiner eisernen Ration. Wortlos vertrieben sie sich die Zeit mit Mühlespiel und den Hundchen.

Zwei Wochen waren vergangen, als die auf den Soldaten lastende Ruhe durch einen Befehl des Regimentskommandeurs jäh unterbrochen wurde. Weil Partisanen wieder einmal in der Nähe des Ortes einen Munitionstransport in die Luft gesprengt hatten, sollte ein Exempel statuiert werden. Alle im Dorf Verbliebenen waren zusammengetrieben worden und sollten erschossen werden. “Freiwillige vortreten!” befahl der Bataillonsführer Nur ein Soldat folgte der Aufforderung. “Nur einer? Na wartet, ich kann auch anders”, knurrte der Befehlshaber und zeigte wahllos auf mehrere Soldaten, auch auf Paul. Der Freiwillige durfte sich wieder in den Zug einreihen. Einer der für das Erschießungskommando ausgewählten weigerte sich, denn es seien unschuldige Zivilisten. “Was höre ich da? Sie Vaterlandsverräter! An die Wand mit Ihnen! Zwischen die Russen!” brüllte der Bataillonsführer. Pauls Hände zitterten, denn ausgerechnet er sollte Pawel und dessen Oma erschießen. “Reißen Sie sich zusammen, Sie Waschlappen!” wurde er angeschnauzt. Noch am gleichen Tage wurde die Einheit wieder an die Front geworfen. Sollten die Soldaten abgelenkt werden? Oder befürchtete der Regimentskommandeur einen Vergeltungsschlag der Partisanen?

Paul lag im Schützenloch und machte sich Vorwürfe: “Ich bin ein Mörder geworden.” Diesen Gedanken konnte er trotz des mörderischen Artilleriebeschusses nicht verdrängen und überlegte: ’Was wäre, wenn wir uns alle gewei . . .’. In diesem Moment explodierte eine Granate unmittelbar neben Paul.

(c) Dieter Rietz / Pirna


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