Der heutige Alltag


Dieter Rietz     ( 1995 )


Es war schon später Vormittag. Faul räkelte sich Mike im Bett. Sonnenlicht überflutete sein schmales, von langem, dunkelblondem Haar umrahmtes Gesicht. Er nahm die Geräusche, die aus der Küche schwach an sein Ohr drangen, kaum wahr. ’Ist doch alles Mist. Wozu lebe ich überhaupt? Damit ich den Alten auf der Tasche liege? Mir jeden Tag Moralpredigten vom Vater anhören soll? Egal, wo der sich bewirbt, immer Absagen. Seine Umschulungen nützen ihm auch nichts. Weil er stundenlang in die Röhre guckt, muss er ja durchdrehen. Aber muss er mich deshalb vollpflaumen? Ich würde dem lieben Gott die Zeit stehlen! Nur gut, dass mich Mutter manchmal in Schutz nimmt. Schon oft hörte ich, dass sie ihm sagte: “Und du? Sogar das Einkaufen und den Abwasch überlässt du mir. Du denkst nicht daran, dass ich früh und abends saubermachen gehe.” Wenn ich mich doch mit den Alten unterhalten könnte. Aber von meinen Problemen wollen die nichts wissen, und von ihren höre ich viel zu oft was. Ich könnte ja auch vor der Flimmerkiste hocken. Aber der Quark interessiert mich nicht. Wenn ich mal einen Horrorfilm ansehen will, mault der Alte, es gebe besseres, und er will jetzt den Heimatfilm oder ähnlichen Käse sehen. Bücher lesen sollte ich. Der spinnt wohl. Literaturunterricht hat mich immer angekotzt. Soll er doch selber lesen. Aber nee. Mutter hat keine Zeit dazu.

Manchmal dachte Mike an seine Schulzeit. Vor Monaten endete sie. Die Suche nach einer Lehrstelle blieb erfolglos. In den ersten Wochen strich er durch Kaufhäuser und Supermärkte. Was er dort alles sah und er gerne gekauft hätte. Aber woher das Geld kriegen? Wenn er seine Eltern um ein paar Mark bat, blickten sie ihn schief an, ob er nicht wisse, was los sei. Mike fühlte sich mehr und mehr verletzt und kroch, wie er sich einredete, in sein Schneckenhaus zurück. Im Bett hatte er wenigstens seine Ruhe.

Nach dem Mittagessen bummelt Mike durch die Stadt. An einer Anschlagtafel liest er vom Auftritt einer sehr bekannten Band. ’Da muss ich hin. Wann ist die Veranstaltung? Heute! Scheiße. Das Eintrittsgeld kann ich bis dahin nicht auftreiben.’ Mike geht über einen Parkplatz. Ein Mercedes hält. Den hatte er schon des Öfteren gesehen und jedes Mal gedacht: ’Mensch, die müssen in Geld schwimmen. Und ich armes Schwein?’ Eine Dame steigt aus. Auch ihr Sohn. Mike hört: “Kauf dir Bockwurst und Cola, oder was du möchtest. Ich hole dich nachher beim Spielplatz ab.”

Spontan entschließt sich Mike: ’Bei dem hol ich’s mir.’ Forsch tritt er auf den Jungen zu: “Rück’ deine Moneten raus. Bisschen dalli! Oder soll ich dir erst . . .” Erschrocken blickt der Junge auf die geballte Faust. Mike entreißt ihm das Portomonaie und verschwindet in Nebenstrassen.

Sieben Mark sind seine Beute.

(c) Dieter Rietz / Pirna


zurück zur Seite Dieter Rietz
zurück zur Seite Vita und Werke
zurück zur Startseite

Der heutige Alltag

BLAutor - Arbeitskreis blinder und sehbehinderter Autoren - www.blautor.de