Der gestrige Film


Dieter Rietz     ( 1998 )


Heute kenne ich viele Probleme der Sehbehinderten und Blinden, weiß was sie leisten können und wie ihnen geholfen werden kann. Aber ich bin mir sicher, dass mir in diesem Bereich noch vieles unbekannt ist und zum Teil verborgen bleiben wird.

Gestern, das war vor reichlich 40 Jahren, erfuhr ich manchmal über Blinde. Ich wusste nichts von ihrem Leben. Ich bedauerte sie. Das war alles.

Damals ging ich ins Kino. Der Filmtitel “Die Nacht ist meine Welt” lockte mich an und erregte in mir, dem 17- oder 18jährigen die Phantasie. Das erste Mal würde ich das Liebesleben einer schönen Frau auf der Leinwand verfolgen können. Hätte ich ein Programmheft gelesen, hätte ich bemerkt, dass ich mich gewaltig irrte und wahrscheinlich auf den Kinobesuch verzichtet, ohne zu ahnen, dass ich dann etwas Wertvolles, mich Erschütterndes, versäumt hätte.

Dieser Film zeigte das Schicksal eines Mannes, der durch einen Unfall sein Augenlicht verloren hatte, seine Verzweiflung, wie er als Blinder einen neuen Beruf erlernte und seine weiteren Tage sinnvoll und nützlich verbringen konnte. In dem Film wurde auch dargestellt, dass sich eine sehschwache Lehrerin der Blindenschule herablassend gegenüber Blinden verhielt und eines Tages selbst erblindete.

Gestern beeindruckte mich der Film emotionell sehr stark. Heute bin auch ich sehbehindert.

(c) Dieter Rietz / Pirna


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