Der Auftrag


Dieter Rietz     ( 1999 )


Erschöpft, hungrig und durstig traf der Schriftsteller Klaus Weise spätnachmittags am ersten Ziel seiner Reise, die ihn kreuz und quer durch Weißrussland führen würde, ein. Das einzige Hotel, in dem er Unterkunft fand, wirkte nicht einladend. Der Name “Weißes Ross" war kaum noch lesbar. Der Wirt müsste die Gaststube mal wieder weißen, empfand Klaus und sagte sich, den ehemals weißen Tischdecken könne auch der “Weiße Riese" trotz seiner viel gepriesenen Waschkraft nicht mehr helfen. Es roch nach Weißkraut, und auf der dürftigen Speisekarte waren nur Zubereitungsvarianten davon angegeben. Klaus Weise rümpfte die Nase und blickte den weißhaarigen Wirt fragend an. Der schien Klaus’ Gedanken zu erraten, denn er blinzelte listig. Hielt fast fordernd seine Hand auf und winkte, nachdem er ein ansehnliches Trinkgeld erhalten hatte, mit dem Kopf. Klaus folgte dem Wirt.

Der kleine fensterlose, aber gut belüftete Nebenraum unterschied sich von der verräucherten Gaststube wie Tag und Nacht. Auf dem weißgescheuerten Fußboden stand ein Tisch aus Weißbuche oder Weißtanne. Das konnte Klaus nicht beurteilen. Ein Strauß Weißdorn prangte auf einem blütenweißen Zierdeckchen. An den schneeweißen Wänden hingen Aquarelle, auf denen das Weiße Meer und die Weißen Nächte in St. Petersburg dargestellt waren. Klaus Weise wurde dadurch an seinen dort verlebten Urlaub und die Fahrten mit der Weißen Flotte erinnert.

Der Alte erklärte, wobei er mit seiner Hand den langen Bart strich, dass er kein Weiser sei, aber einen Blick dafür habe, wem er die Ehre erweisen müsse, besser bewirtet zu werden. Damit meinte er sicherlich, wer zahlungskräftig in einer annehmbaren Währung sei. Dann empfahl er Weißfisch mit getoastetem Weißbrot und als zweiten Gang Weißkäse. Als Getränk könne er Weißbier und Weißwein, aber auch Alkoholfreies in Weißblechdosen anbieten. Klaus entschied sich für Bier und hochprozentigen Weißen. Dabei dachte er an seinen Auftrag.

Das Weiße Haus in Washington wolle ein Weißbuch über die Weißgardisten herausgeben und habe interessanterweise den Verlag um Mitarbeit gebeten. “Über die ist schon oft geschrieben worden und weiß Gott, dabei bin ich ein Waisenknabe", hatte Klaus dargelegt. Der Verlagsleiter hatte betont, dass aber immer Tatsachen verschwiegen, widersprüchlich oder falsch verbreitet wurden, je nachdem, wie es den Herrschenden ins Konzept passte. Die Beweise dafür könne jeder selbst finden. Klaus war bis zur Weißglut erhitzt und wollte den Auftrag zurückweisen. Der Verlagsleiter hatte daraufhin geknurrt, er weise Klaus zur Übernahme des Auftrages an, oder er müsse ihm einen Verweis aussprechen. Die Art und Weise der Lösung sei ihm egal. Aber klugerweise solle sich Klaus Bescheinigungen besorgen, die ihm Zugang zu Geheimarchiven ermöglichen würden. Spöttisch hatte er erwidert, er habe dummerweise selbst daran gedacht und der Verlagsleiter brauche ihm nichts weiszumachen. Aber Klaus erkannte jetzt, dass er mit seiner Weisheit jetzt am Ende war. Morgen würde er sich mit dem Wirt über den Auftrag unterhalten. Vielleicht bekäme er einen Hinweis. Er begab sich zur Ruhe und fiel in einen unruhigen Schlaf.

Einige weißbärtige Männer schritten langsam auf Klaus zu. Auf ihren Umhängen war ein Weißstorch zu sehen. Die Alten sangen schwermütige Weisen. Unerwartet begann einer von ihnen die Arie “Ich bin so klug und weise". “Seid ihr die Weisen aus dem Morgenland?" fragte Klaus. Ein Mädchen trat zwischen sie und behauptete, sie heiße Schneeweißchen und sei aus dem Waisenhaus ausgerissen. “Ich weiß", erklärte Klaus und wollte von den Weisen wissen. Warum sie eine weiße Fahne trugen. Er sei naseweis, entgegneten sie, setzten aber hinzu, die Weißen hätten sie verraten. Weißgerber, Weißwäsche im Arm haltend und Weißnäherinnen schleppten ein Transparent. “Wir fordern sichere Arbeitsplätze". Das Mädchen plapperte, ihre Schwester sei keine Waise. Weiße Mäuse rasten mit Motorrädern zwischen die Versammelten und brüllten: “Platz da! Platz für den weißen Elefanten des Maharadscha!" Plötzlich erschien Klaus die Gegend wie verwaist. Aber im nächsten Augenblick war er von Säbel schwingenden Reitern umzingelt. Ihr Anführer rief: “Du bist des Todes, denn du willst in unserer Vergangenheit herumschnüffeln. Aber wir schenken dir das Leben, wenn du diesen weißen Knollenblätterpilz verzehrst." “Ich erteile euch einen Feldverweis", gab Klaus zur Antwort. Der Gastwirt raunte ihm ins Ohr, er könne ihm weissagen, dass der weiße Tod ihn einfangen werde. Die Sonne brannte unbarmherzig. Gleichzeitig fielen dicke Schneeflocken auf Klaus. Er schwitzte und fror im gleichen Augenblick.

Schweißgebadet erwachte er und sah seine Bettdecke auf dem Fußboden.

(c) Dieter Rietz / Pirna


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