Bruno 2


Dieter Rietz     ( 2003 )

Der bekehrte Bruno


Der letzte Kneipenbesuch lag Bruno immer noch in den Knochen, obwohl seit dem schon einige Jahre verflossen waren. Unmöglich hatte er sich aufgeführt. Doch das bemerkte er nicht in seinem Alkoholnebel. Am nächsten Tag musste er beim Wirt zu Kreuze kriechen. Für Bruno war es ein Gang nach Canossa. Obwohl er eine Mütze voll Schlaf genommen hatte, brummte ihm der Schädel. Der Wirt las ihm die Leviten und erklärte, es brenne ihm schon lange unter den Nägeln, Bruno ins Gewissen zu reden. Er hänge doch nicht mehr an Mutters Rockzipfel, sei den Kinderschuhen schon längst entwachsen und müsse eigentlich wissen, was er tue. Aber anscheinend könne er den Hals nie voll bekommen. Jetzt werde reiner Tisch gemacht. Bruno solle sich zum Teufel scheren und in Zukunft mit Kind und Kegel das Weite suchen, denn er als Wirt habe von solcher Art Gäste die Schnauze voll. Bruno schnappte nach Luft und knurrte dann den Wirt an, er solle mal Luft ablassen. Insgeheim wünschte er, der solle sich den Hals brechen oder in die Hölle fahren.

Der Wirt erklärte, er beobachte Bruno seit geraumer Zeit auf Schritt und Tritt und wolle nicht den Teufel an die Wand malen. Aber wenn Bruno sich nicht ändere, käme er unter die Räder. Doch der höhnte darauf, ob der Wirt die Weisheit mit Löffeln gefressen und den Stein der Weisen gefunden habe. Ein Wort gab das andere und der Wirt entgegnete, es sei zum Mäuse melken. Bruno müsse ein Brett vor dem Kopf haben. Als Kind sei er sicherlich mit dem Klammerbeutel gepudert worden. Diesmal käme er mit einem blauen Auge davon, das nächste Mal aber hinter Schloss und Riegel. ’Der Wunsch ist der Vater dieses Gedanken’, überlegte Bruno und wollte die Wand hochgehen. Aber der Wirt gab kein Pardon. Er schenkte Bruno reinen Wein ein und Stück für Stück erfuhr dieser, was er am Tag zuvor angestellt hatte. Die Augen gingen ihn über. Vor Scham hätte er in die Erde versinken mögen, denn er glaubte, diese Schande wasche kein Regen ab. Er war wie am Boden zerschmettert und heulte wie ein Schlosshund zum Stein erweichen. Bruno entschloss sich, dem Schnaps aus dem Wege zu gehen, machte fortan einen Bogen um jede Gaststätte und mied nun übermäßigen Alkoholgenuss wie der Teufel das Weihwasser. Er war bekehrt!

(c) Dieter Rietz / Pirna


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