Bruno 1


Dieter Rietz     ( 1997 )

Bruno, oder wo Licht ist, ist auch Schatten


Vom Kohldampfschieben hatte Bruno die Nase voll gehabt und die Katze im Sack gekauft, als er den Job annahm, denn es war Sauregurkenzeit und mit seinem Traumberuf sowieso Essig. Bruno glaubte das Glück jetzt beim Schopfe zu packen, auch wenn er einen Sack voll Flöhe hüten sollte, denn er war inzwischen arm wie eine Kirchenmaus. Obwohl er überzeugt war, ein Hansdampf in allen Gassen zu sein und über den Dingen stehe, hatte er keinen blassen Schimmer von dem Arbeitsgebiet und stand wie der Ochse vor dem neuen Tor. Trotzdem war er Feuer und Flamme für die neue Arbeitsstelle, denn der Boss erweckte den Eindruck, einerseits mit allen Wassern gewaschen zu sein, andererseits kein Wässerchen trüben zu können. Er schien ein unbeschriebenes Blatt zu sein. Ich könnte mich vor Wut in den Hintern beißen, denn ich muss Tomaten auf den Augen gehabt haben, dass ich mich so in die Nesseln setzte. Aber jetzt ging mir endlich ein Licht auf. Das Ganze war nicht das Gelbe vom Ei. Aber ’irren ist menschlich’, dachte Bruno und trank einen weiteren Wodka. Rad fahren oder Stiefellecken, kurz gesagt, sich einzukratzen, lagen ihm nicht. Einen Pflock zurückstecken wollte er auch nicht. Der Boss hatte gedroht, er würde ihm Feuer unter den Hintern machen, er werfe keine Perlen vor die Säue, und Bruno könne sich eine Pfeife anbrennen. Er könne mit dem Kopf an die Wand rennen, dass er Sterne sehe, sich grün und blau ärgern, er würde trotzdem in die Röhre gucken. Nicht einen roten Heller bekäme er. Darauf gäbe er ihm Brief und Siegel. Seinetwegen könne Bruno vor die Hunde gehen, und er zerrisse ihn am liebsten in der Luft. Er lege die Hand dafür ins Feuer, er käme nie auf einen grünen Zweig. ’Dem Boss standen ja fast die Haare zu Berge, als ich ihm erklärte, ich krieche vor ihm nicht ins Mauseloch, und er könne mir den Buckel runterrutschen, auch wenn er wie ein Hund den Mond anbelle. Es war ganz schön dicke Luft’, erinnerte sich Bruno an die Auseinandersetzung und kippte sich einen weiteren Wodka hinter die Binde. Er war überzeugt, nicht in der Tinte zu sitzen. Weil er den Kanal voll hatte, entschloss er sich, dem Boss etwas zu husten und haute in den Sack. Morgen früh würde er sich auf Schusters Rappen machen und sich den Wind um die Nase wehen lassen. Vielleicht habe er dann mehr Schwein. Auf den Hund komme er nicht und vom Regen in die Traufe hoffentlich auch nicht.

Himmelhochjauchzend und keineswegs zu Tode betrübt, entschloss sich Bruno, in die Kneipe zu gehen. Dort treffe er sicherlich Theo. Dem würde er wieder die Taschen vollhauen, denn der ist dumm wie Bohnenstroh, und man konnte ihm die Hucke voll lügen, dass sich die Balken biegen. Vielleicht würde er, Bruno, auch ein Fass aufmachen und einen Streit vom Zaune brechen.

Blau wie eine Haubitze betrat er das Lokal. Aber, wenn es der Teufel will, ist Theo nicht da. An einem Tisch saßen “blaue Jungs”, die Seemannsgarn spannen. An einem anderen Tisch hatten sich grüne Jungs breitgemacht, die leeres Stroh droschen, und Bruno hörte, dass sie nun mit Jäger- und Anglerlatein anfangen wollten. ’Sind wohl Studenten. Die sollen mich mit ihrem Latein in Ruhe lassen, denn Fremdsprachen interessieren mich nie’, dachte Bruno und steuerte auf einen Tisch zu, an dem eine Frau, ein spätes Mädchen allein saß.

Von irgendwem hatte er erfahren, dass sie ein bisschen unterbelichtet sei, aber Geld wie Heu habe. Die wollte er sich angeln, um sich ins gemachte Nest zu legen und es sich bei ihr auf dem Bärenfell bequem zu machen. ’Das kann nicht in die Hose gehen’, sagte er sich und begann Süßholz zu raspeln. Sie sah ihn schief an und meinte, er könne ihr kein “X” für ein “U” vormachen. Bruno blieben die Worte im Halse stecken, wusste aber, dass bellende Hunde nicht beißen. Er wollte den Kopf nicht in den Sand stecken, auch wenn sie sich abweisend benahm. Deshalb nahm er von neuem Anlauf, sie in ein Gespräch zu verwickeln und beteuerte, er werde ihr jeden Wunsch von den Augen ablesen, für die Lösung ihrer Probleme Himmel und Hölle in Bewegung setzen und ihr die Sterne zu Füßen legen. Im Stillen schätzte er ein, dass sie, so alt wie sie aussah, bald ins Gras beißen würde. Notfalls müsste er sie um die Ecke bringen, und wenn sie die Radieschen von unten besehe, würde er in Geld schwimmen. In ihrem. So baute er an Luftschlössern und fiel aus allen Wolken, als sie ihm den Wind aus den Segeln nahm und ihn endgültig abblitzen ließ. Sie sagte ihm, sie lasse sich keinen Bären aufbinden, denn sie sei nicht ganz so dumm, wie sie aussehe. Er habe wohl Flöhe husten hören, dass sie sich an einen wie ihn wegwerfe. Bei seinen Reden habe sie deutlich die Nachtigall trapsen gehört, und er solle verduften, sich dort hinscheren wo der Pfeffer wächst, sonst werde sie ihm Beine machen. Er könne ihr im Mondschein begegnen und sie mal am Abend besuchen. Den richtigen Ausdruck sage sie nicht, denn sie wolle nicht ordinär sein. Das war starker Tobak. Ich möchte einen Besenstiel fressen, aber das habe ich von der alten Spinatwachtel nicht erwartet. Der Teufel soll sie holen, denn das war ein Schuss in den Ofen, dachte Bruno, die Flinte ins Korn werfend. Weil er inzwischen restlos voll war, gab er für einige Zeit den Geist auf und rutschte wie ein nasser Sack unter den Tisch. Der Wirt setzte Bruno an die frische Luft und knurrte ihn an, wenn er weiterhin Stammgast bleiben wolle, müsse er morgen Rede und Antwort stehen und künftig daran denken, reden sei Silber, aber Schweigen sei Gold, und er werde ihm schon die Flötentöne beibringen und ihm zeigen, was eine Harke sei. “Und ich dachte immer, das Gras wachsen zu hören, aber ich bin ein Waschlappen und habe jetzt die Hosen voll. So ändern sich die Zeiten. Aber dafür mache ich Gott und die Welt verantwortlich”, brummelte Bruno sich in den Bart.

(c) Dieter Rietz / Pirna


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