Blauer Dunst


Dieter Rietz     ( 1992 )


Es ist zu schönes Wetter und Wochenende. Raus aus dem Großstadtgewühl, nur raus, ist mein Wunsch. Angenehm klingt das Rattern der Räder. ’Schade, dass ich in diesem Zug nicht rauchen darf’, denke ich. Doch ich bin ja bald am Ziel.

Die Sonne blinzelt durch das Laub der Bäume. ’Ob ich hier eine schmauche? Nein, Brandstifter will ich nicht werden.’ Zügig wandere ich weiter. Jetzt dehnen sich Wiesen und Felder neben mir aus. Endlich, endlich kann ich mir eine anzünden. Die Finger zittern fast, so groß ist das Verlangen geworden. Herrje, wo habe ich die Streichhölzer? In den Hosentaschen sind keine zu finden, so verzweifelt ich auch suche. Hastig, aber erfolglos, greife ich in die Jackentasche. Da stehe ich mit meiner “Club”, möchte und kann sie nicht anstecken. ’Hätte ich nur nicht den anderen Anzug genommen’ werfe ich mir vor. Was nun? Einsam und verlassen bin ich. Meine gute Laune ist verflogen. Missmutig setze ich Fuß vor Fuß.

Zum Glück kommt mir jemand, er trägt mit Teer verschmutzte Arbeitskleidung, entgegen. Ob er mir helfen kann? Warum schleicht er so? Ich beschleunige mein Schritte, renne fast. Jetzt stehe ich vor ihm. “Entschuldige Sie, bitte, könnten Sie mir Feuer geben?” Meine Augen flehen ihn förmlich an. Verlangend schwenke ich die Zigarette.

Bedächtig langsam fasst der Grauhaarige, dabei vor sich hin murmelnd “Vergessliche Personen kann ich nicht leiden”, in seine Tasche. Verstohlen blicke ich in sein sonnengebräuntes, wettergegerbtes Gesicht. Ein Feuerzeug liegt in seiner Hand. “Ein Erbstück von meinem Vater”, spricht er und fügt hinzu: “Es funktioniert noch ausgezeichnet. Sehen Sie?” Die Flamme züngelt auf, verlischt jedoch, ehe ich mich mit meiner Zigarette nähern kann. Umständlich verschwindet das Feuerzeug wieder in der Tasche des Fremden, und er zeigt mir eine Schachtel Zündhölzer. “Die habe ich auch immer bei mir. Als Dachdecker muss ich manchmal Feuer machen, und mein Gedächtnis ist nicht mehr das Beste, deshalb trage ich lieber beides bei mir.” Dann zündet er ein Hölzchen an, bläst es sofort aus und steckt die Schachtel ein, wobei dieser skurrile Mensch mir grinsend erklärt: “Sehen Sie, junger Mann, wenn sie das alles bei sich haben, haben Sie immer Feuer. Einen angenehmen Tag wünsche ich Ihnen” und lässt mich feuerlos stehen. Weit und breit ist kein anderer zu sehen. Wie ein höhnisches Lachen klingt vom Wald her der Ruf eines Grünspechts.

(c) Dieter Rietz / Pirna


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