Blättersalat


Dieter Rietz     ( Mai 2005 )


Vor mir liegen Blätter. Nackte, unbeschriebene Blätter. Sie warten darauf, benutzt zu werden. Ich soll und möchte etwas zu Papier bringen. Über Blätter. Aber was? Es gibt viele Blätter. Grüne, gelbe, rote, kleine, große, rundliche, gezackte und noch mehr. Alles Laubblätter. Die Blätterkronen der Bäume sind unterschiedlich geformt, spärlich oder gewaltig. Im Frühjahr sprießen die Blätter, sind frisch. Im Herbst welken sie, fallen herab und werden trocken. Sie rascheln, wenn man sie berührt und tanzen im Wind. Könnte ich über diese Blätter etwas Sinnvolles schreiben? Ich glaube nicht.

Ein Freund erzählte mir, er wollte das Blätterrauschen genießen, habe aber im ganzen Wald nicht einen Baum mit Blättern gesehen. Das konnte der Spaßvogel auch nicht, denn er war im Fichtenwald.

Sogar einen Blätterwald gibt es. Er besteht aus den unterschiedlichsten Zeitschriften für jeden möglichen und unmöglichen Geschmack sowie einer Viel-, besser gesagt einer Unzahl von Tages- und Wochenzeitschriften und -zeitungen. Die “Fliegenden Blätter" findet man nicht dabei. Sie sind vor Jahrzehnten nicht fortgeflattert, nur eingegangen. Neuerdings gibt es im Supermarkt auch Notenblätter.

Manchmal blätter ich in einem der neuen bunten Blätter, in der Hoffnung, etwas Gescheites über Blätter zu finden. Fehlanzeige. Von Blätterpilzen steht etwas darin und dass Wiederkäuer einen Blättermagen haben. Auch von Blätterteig lese ich. Kann man aus Blättern Teig herstellen oder besteht der Teig aus Blättern? Ich weiß es mir nicht zu erklären. Mein “Küchenwunder" sagt mir, es sei ein gut schmeckendes Gebäck. Na, so was. Sie setzt hinzu, es sei kompliziert und zeitaufwändig herzustellen. Deshalb unterließe sie es.

Als ich ihr vom vergeblichen Blättern in den Heftchen berichte, weist sie mich darauf hin, dass ich immer einen Fehler mache, wenn ich sage, ich blätter in einem Buch oder einer Zeitschrift. Richtig heiße es, ich blättere. Sie hat ja Recht, doch ich kann mich nicht an das “e" am Ende des Wortes gewöhnen, blätter also weiterhin, muss aber aufpassen, dass ich mich bei der Lektüre nicht verblätter.

Dann werde ich zum Gemüseladen geschickt. Pflücksalat solle ich kaufen, mir aber keine welken Blätter andrehen lassen. Ich kaufe Blumenkohl, der íst entblättert und schmeckt mir besser. Doch meiner Ehehälfte gefällt mein Einkauf nicht und wenn sie mit mir schimpfen will, nimmt sie kein Blatt vor den Mund. Ich lasse sie reden, zucke mit den Schultern, dass die Schulterblätter wackeln und vertiefe mich in die Zeitungslektüre. Aber die Blätter bringen nichts Neues, außer einem glücklichen Blattschuss eines Jägers und dass einem Ruderer beim Wettkampf das Ruderblatt brach. Das erinnert mich an meine abgebrochenen Stichsägeblätter. Während ich ein paar Seiten der Zeitung umblätter, fährt mich mein Herzblatt an, ich solle nicht immer bei den Blättern ihres Kochbuches Eselsohren machen. Doch ich bin mir keiner Schuld bewusst. Vielleicht hat sie die selbst gemacht, um bestimmte Stellen im Buch schneller zu finden. Das Buch nehme ich nie in die Hand. Warum sollte ich darin blättern? Sie knurrt mich auch an, ich hätte ihr Lieblingsbuch, ein stinklangweiliger Krimi, zerblättert.

Seelisch bereite ich mich auf den Skatnachmittag vor. Ein Neuer will mitmachen. Es wird gemunkelt, er sei kein unbeschriebenes Blatt. Wir werden ja sehen. Hoffentlich bekomme ich heute ein gutes Blatt in die Hand. Letztens hatte ich laufend ein schlechtes und hoffte vergebens, das Blatt möge sich wenden, denn meine Pechsträhne müsse mal zu Ende gehen. Doch unser Vorsitzender erklärte lächelnd, das stehe auf einem anderen Blatt.

Aber bevor ich mich auf den Weg mache, will ich endlich meine vor Wochen beschriebenen Blätter ordnen, nummerieren und in die Loseblatt-Sammlung einsortieren. Ich finde einige Notizblätter, auf denen etwas über Blattwanzen und Blattläuse steht. Warum ich es aufschrieb, weiß ich nicht mehr, interessiert mich auch nicht. Diese Blätter verwandele ich in Schnipsel und lasse die wie Blütenblätter zu Boden sinken. Wenn mir aber Interessantes über Blätter einfällt, werde ich es notieren. Die dann nicht mehr leeren, nicht mehr nackten Blätter kommen als Blättersalat in die Sammlung.

(c) Dieter Rietz / Pirna


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