Bitte kein Mitleid


Dieter Rietz     ( 1992 )

 

Auch ein Schutzengel muss erst lernen

Bis zur Abfahrt des Zuges bleibt mir noch viel Zeit. Deshalb bummle ich und beobachte einen vor mir gehenden. Er trägt eine gelbe Armbinde und manchmal erblicke ich einen weißen Stock. Ich bewundere den Blinden, wie er langsam, aber sicher, nahe an der Häuserfront entlang schreitet und geschickt den unmittelbar neben den Ladentüren haltenden Lieferwagen ausweicht. Aber gerade in diesem Augenblick bleibt der Mann anscheinend erschrocken stehen, weil sein Stock Eisenstäbe berührt. Vorsichtig tastet der Blinde das Hindernis ab, ehe er es umgeht. ’Warum haben die den Fahrradständer von der Bordsteinkante weggenommen?’ überlege ich und bleibe auch jetzt noch immer 2 bis 3 Meter hinter dem Armbindenträger, bis wir an die Ampel gelangen.

Während ich auf Grün warte, betrachte ich den Blinden ungeniert. Er ist wenige Zentimeter kleiner als ich, wahrscheinlich in meinem Alter, also 55, schlank, trägt einen gepflegten Bart, ist gut, aber unauffällig gekleidet. Seine Schuhe glänzen.

Auf der anderen Straßenseite halten die Autos an, aber von links kommen noch einige. Ich sehe, dass der Blinde unsicher ist und wage es, ihn anzusprechen: “Ist noch Rot. Soll ich Sie rüberbringen?” “Es wäre nett.” “Grün, los geht’s.” Damit greife ich nach dem Arm des Blinden und gehe zügig über die Straße. Auf der anderen Seite stolpert er am Bordstein. “Ick hätte vielleicht druff hinweisen solln?” murmle ich verlegen. “Ja, guter Mann, so etwas ist für uns sehr wichtig.”

“Entschuldigen Sie, aber wenn Sie nix dagegen ham, bring ich Sie zu Muttern. Bloß müssten Sie mir klar machen, uff wat ick uffpassen muss. Davon hab ick nämlich keenen blassen Schimmer, und ick gloobe, det geht den meisten Sehenden genauso.” “Danke, mein Herr, aber ich will nach Dresden.” “Das will ich ooch. Da ham wir doch den gleichen Weg.” “Na schön, wenn Sie mich zur Straßenbahn am Hauptbahnhof bringen würden, wäre es für mich eine große Hilfe”, entgegnet der Blinde und deutet an, dass er dann nicht die Haltestellen des Zuges zählen und darauf achten müsse, ob der auf freier Strecke halte. Sonst fahre er mit seiner Frau, aber die sei zurzeit krank. “Haben Sie etwas dagegen, wenn ich Sie unterhake? Da spüre ich, wie Sie gehen.” “Meinetwegen. Wenn ’ne Stufe oder Treppe kommt, werd’ ich’s sagen.” “Danke”, und er bittet mich, vor solchen Stellen einen Moment stehen zu bleiben und ihm anzukündigen: ’Stufe rauf’ bzw. ’runter’, ebenso bei Treppen. Wie viel Stufen die habe, bräuchte ich nicht zu zählen, wichtig wären aber die Hinweise ’Absatz’ und ’Ende’.

Unterwegs erzählt mir der Blinde, dass sehr große Schicksalsgefährten ihre Hand auf die Schulter des Führenden legen, dadurch einen Schritt hinterher gehen und selbst merken, wenn eine Stufe oder Treppe kommt. An derartigen Punkten brauche seine Frau ihn auch nicht zu informieren, denn sie hebe oder senke mit einem winzigen Ruck ihren Unterarm, um ihm anzuzeigen, dass es hinauf oder hinunter gehe.

Nach einer geringfügigen Verschnaufpause fährt er fort, dass ein Blinder, wenn er sich von einer fremden Person führen lasse, er diese nur mit Daumen und Zeigefinger ganz leicht am Ellbogen oder Oberarm anfassen sollte, aber bei diesem Gabel- oder Oberarmgriff fühle er sich nicht sicher. “Ick gloobe, det ginge mir genauso. Wenn ick mir vorstelle, ick sollte im Stockdustern hinter eenem herloofen und dürfte den bloß so een bisschen anfassen. Na, ick weeß nich.” “Deshalb gehe ich auch lieber eingehenkelt, aber wenn mich eine unbekannte Frau führt, wende ich nur den Oberarmgriff an.” “Haben Sie etwa Angst vor Frauen?” “Ach wo, aber es könnte der Frau peinlich sein, wenn ich sie unterhake. Einige Leute könnten auf die Idee kommen, sie hätte einen Verehrer.” “Is doch Quatsch.” “Ja, ja. Trotzdem.”

Die Schnürsenkel-Methode kenne ich sicherlich nicht, behauptet mein Begleiter und erläutert sie mir, ohne eine Antwort abzuwarten. Bei dieser Führungsmethode sehe es aus, als ob er lässig neben seiner Frau herschlendere, denn die 8 bis 10 cm lange, stabile Schnur, die ihn mit ihr verbindet, könnten die Leute nicht sehen, und damit das Bändchen nicht aus der Hand rutschen kann, ist an beiden Enden ein Lederknopf befestigt.

Wenn es so unterschiedliche Möglichkeiten zum Führen gebe, sollten die Blinden dem Zufallsbegleiter beibringen, bei welcher sie sich am sichersten fühlen, äußere ich mich. “Das mache ich immer”, erwidert mir der Mann. “Und die fremden Frauen?” werfe ich ein. Scheinbar überhört er es, denn im gleichen Augenblick stellt er fest, dass wir fast am Ende der Bahnsteigunterführung angekommen sind. “Wie ham Se det denn spitzgekriegt?” bin ich erstaunt. “Ich merke es am veränderten Schall.” Am Widerhall, macht mir der Blinde klar, könne er auch feststellen, ob er an einer Wand oder einem Auto vorbei gehe oder ob er sich einer Litfasssäule nähere. Aber wenn ein Fahrrad auf seinem Weg abgestellt ist, laufe er garantiert dagegen, denn von dem bisschen Rohr könne man kein Echo wahrnehmen. Ohne eine Pause einzulegen fährt er fort, dass er als Sehender auf solchen Rückhall nie geachtet hätte, aber als Blinder müsse er sich, wenn er allein unterwegs sei, vor allem nach Geräuschen orientieren. Wenn ihm dabei jemand dicht auf den Fersen folge, mache es ihn nervös, anderen Blinden gehe es sicher ebenso. Wir haben den Bahnsteig erreicht, und ich unterbreche den Redestrom des Mannes, um zu gestehen: “Da hab ick mich vorhin falsch verhalten, aber ick wollte möglichst lange Ihre Geschicklichkeit bewundern.” Nu übertreiben Sie man nicht. Andere gehen viel sicherer als ich”, entgegnet er und legt dar, es hänge davon ab, ob einer von Geburt an blind sei, in jungen Jahren, so wie er, oder erst im Alter erblindete, ob der Betroffene ein gutes Orientierungsvermögen habe, und er sich auch zwinge. “Na ja, wir Menschen sind eben alle verschieden”, setzt er hinzu und berichtet, dass er den Weg von daheim bis zur Ampelkreuzung, an der ich ihn angesprochen hatte, jeden Tag trainiere. Bis dorthin könne er an der unterschiedlichen Pflasterart des Fußweges feststellten, wo er sich etwa befinde. Ein wichtiges Merkmal sei auch der Geruch aus der Bäckerei, an der er vorbeikomme. Wenn er aber allein weiter gehe, könne er sich nur noch mit seinem Taststock und nach den Geräuschen orientieren. Bei kräftigem Regen oder starkem Wind bekomme er Schwierigkeiten, weil dann alle Laute verzerrt klingen oder übertönt werden. “Und den Schnee erst, den hasst jeder Blinde. Der dämpft jeden Schritt, und dann tasten Sie mal Bordsteinkanten oder so etwas ab. Nein, das ist nichts für uns”, seufzt mein Weggefährte.

Der Lautsprecher verkündet die Einfahrt unseres Zuges. Ich sehe, dass heute alte Personenwagen mit schmalen Einstiegstüren eingesetzt wurden und überlege mir, ’irgendwie werd’ ich den Mann schon ’reinbugsieren’. Ich weise ihn darauf hin, dass drei Stufen hochzusteigen seien und will ihn dabei schieben. “Nicht so. Legen Sie meine Hand an die Griffstange.” Langsam steigt er hoch und bleibt im Wageninneren stehen und bittet mich, als ich ihn ins Abteil dirigieren will, ihm meine Hand zu geben und voranzugehen. Ich erfülle seinen Wunsch und teile ihm mit, als wir endlich sitzen, im Gang stünden Koffer und Taschen, und ich hatte Bedenken, ob er sicher daran vorbeikäme. “Sie könnten aber unter Umständen eine Tasche übersehen, weil ich sie verdecke. Wenn Sie vor mir gehen, sehen Sie alle Hindernisse, und ich bemerke Ihre Ausweichmanöver. Im Bus und in der Straßenbahn ist es genauso. Beim Ein- und Aussteigen bei Verkehrsmitteln und auch sonst sollten die Sehenden immer die Grundregel beachten: Schiebe nie einen Blinden vor dir her!” “Und beim Einsteigen in ein Auto? Was soll man da machen?” “Da legen Sie die Hand des Blinden an die Dachkante. Sonst könnte er sich den Kopf verletzen.”

Für mich unerwartet äußert er dann: “Haben Sie vorhin bemerkt, dass es mir schwer fiel, den Sitzplatz schnell zu finden? Und dabei könnte es ganz einfach sein”, und er erklärt mir, man brauche nur die Hand des Blinden an die Rückenlehne legen, dann spüre der, wie er sich setzen kann. Wenn der Sitzplatz Armlehnen habe, müsse der Begleiter darauf aufmerksam machen. Angebracht wäre es, sich beim Sehgeschädigten zu erkundigen, ob er in öffentlichen Verkehrsmitteln auch rückwärts oder seitlich zur Fahrtrichtung sitzen könne, denn manche hätten dadurch nach dem Aussteigen Orientierungsschwierigkeiten.

Nach diesen knappen Hinweisen höre ich von ihm: “Mir fällt gerade noch ein, was bei Türen zu beachten ist. Bei normalen ist es am einfachsten, wenn die Hand des Blinden auf den Türgriff gelegt wird. Er merkt dann schon, wie er sie öffnen muss.” Bei anderen, zum Beispiel Dreh- oder Schiebetüren, müsse der Begleiter den Sehgeschädigten davon unbedingt vorher in Kenntnis setzen. “Halb geöffnete Türen sind für uns Blinde, vor allem, wenn wir allein unterwegs sind, eine große Gefahr. Dadurch holte ich mir schon etliche Beulen.”

Der Zug hat den Hauptbahnhof erreicht, und ich bringe den Blinden zur gewünschten Straßenbahnhaltestelle. “Was so ein Schutzengel alles lernen muss, hätte ich nicht gedacht. Schade, dass der Lehrgang schon zu Ende sein soll”, spreche ich zu meinem Reisegefährten. Der Blinde überlegt und schlägt mir vor: “Wenn Sie einverstanden sind, könnten wir um halbeins unsere Unterhaltung bei einem Bierchen fortsetzen”, und nennt mir einen Treffpunkt. “Gut. Jetzt kommt Ihre Bahn. Bis dann”, verabschiede ich mich und führe ihn an die geöffnete Tür. “Seien Sie pünktlich”, ruft er mir noch zu.


Die Telleruhr

Meine Beine sind pflastermüde, und ich habe kaum noch Interesse an den Schaufensterauslagen. ’Ob der Blinde da ist?’ überlege ich und stelle fest, dass es schon fünf Minuten nach der vereinbarten Zeit ist. Unwillkürlich beschleunige ich meine Schritte bei den letzten paar hundert Metern. “Da bin ick. Ist een bisschen später geworden. Macht det wat?” “Würde es Ihnen gefallen?” und ohne den leicht gereizten Ton fährt er fragend fort, ob er in der Nähe Mittagessen könnte. Ich schaue mich um und weise schräg über die Straße. “Ja, dort.” “Wo ist dort?” “Entschuldigen Sie, ich habe nicht daran gedacht.” Kurz erläutere ich nun die Lage der Gaststätte. “Gehen wir”, entscheidet der Blinde.

Er bittet mich, einen Tisch in der Nähe der Garderobe auszuwählen und ihn zunächst dorthin zu führen. “Es ist kein Misstrauen Ihnen gegenüber, aber ich möchte unterrichtet sein, wo ich meinen Mantel aufhänge.” Wie zu meiner Beschwichtigung fügt er hinzu, dass er auch daheim seine Sachen immer selbst weglege, denn ein Blinder müsse sehr auf Ordnung achten, sonst mache er sich das Leben unnötig schwerer.

Ich zeige dem Blinden, wie er es mich lehrte, einen Stuhl, und wir bestellen Bier. “Das tut gut. Gestatten Sie, dass ich mich vorstelle: Bergmann, Bruno Bergmann.” “Prost, Herr Bergmann. Ick bin Manfred Mautke.” “Angenehm. Wenn wir uns mal wieder treffen, nennen Sie mir bitte Ihren Namen. Die Sehenden können sich die Gesichter einprägen, aber wir Blinden nur die Stimme, und wenn man die selten hört , ist es schwer, daran jemanden zu erkennen. Es gibt ja auch taktlose Menschen, die mich bei der Begrüßung fragen: ’Wer bin ich wohl?’ oder solche, die auf meinen Gruß nur mit einem Kopfnicken reagieren. Ein kleines Sätzchen wie: ’Guten Tag, Herr Bergmann, ich bin’s, Schulze’ ist denen schon zuviel. Übrigens, Herr Mautke, falls ich mit Ihrem Namen bei einem Treffen nichts anfangen kann, dann erinnern Sie mich an den Schutzengel. Dann weiß ich, wer Sie sind.”

Die Serviererin kommt an den Tisch: “Noch ein Bier?” Ich nicke, während Herr Bergmann um Auskunft bittet, was sie als Mittagsmahl empfehlen könne. “Hier ist die Karte”, ist die Antwort. “So was kommt leider auch vor” brabbelt Herr Bergmann und deutet mir an, was er gern essen würde. Ich lese ihm den entsprechenden Abschnitt der Speisekarte mit allen Angaben leise vor. Er wählt etwas aus, und knapp zehn Minuten später können wir unseren Hunger stillen. Zu Beginn stellt er die Frage, wo er was auf dem Teller finde. Umständlich will ich es ihm deutlich machen, aber er meint sofort: “Ich speise nach der Uhr. Zum Beispiel liegt das Fleisch zwischen 5 und 7, das Gemüse bei 9. Dann weiß ich ungefähr Bescheid.” Ich informiere ihn entsprechend und gebe noch den Hinweis, dass sein Bier bei der 2 stehe. Während des Essens fragt er mich, ob ich mir vorstellen könne, dass ihm mal jemand die Gabel führen wollte. Er sei ein Gemütsmensch, aber da habe er sich nicht mehr beherrschen können. Wenn dem Blinden angeboten wird, ihm das Fleisch zu schneiden, verstehe er es noch, aber er wolle so selbständig wie möglich sein, selbst auf die Gefahr, etwas vom Teller zu schieben.

Nach dem Mahl lässt sich Herr Bergmann von mir eine Serviette reichen, trinkt wieder ein Schlückchen und räuspert sich danach: “Ich müsste mal. Würden sie bitte?” “Selbstverständlich.” Er sucht nach meiner Hand und folgt mir zur Toilette. Wie hier die Einrichtung sei, befragt er mich, damit er dann zurechtkomme. Auch ich nutze die Gelegenheit und nehme nach dem Händewaschen mein Taschentuch. “Das Handtuch lassen Sie lieber hängen, Herr Bergmann.” “Danke.” Nach dem Verlassen des Örtchens interessiert mich: “Wie lösen Sie das Problem, wenn Sie mit Ihrer Frau unterwegs sind?” Darauf entgegnet er, sie spreche einen Mann an und bitte um dessen Hilfe. “Aber wenn keener da is, wat denn?” “Dann nimmt mich meine Frau mit auf die Damentoilette.”

Das Thema wechselnd spricht Herr Bergmann, er erwarte, dass sich bei einer Unterhaltung die Gesprächspartner immer ansehen, auch wenn einer davon blind ist, denn sonst entstünde der Eindruck, man meine einen ganz anderen. Interessiert höre ich zu, schaue trotzdem zur gleichen Zeit im Lokal von Tisch zu Tisch. Einige Meter von uns entfernt war einer Dame das Halstuch auf den Boden gefallen. Geräuschlos erhebe ich mich und hebe das Tuch auf. Als ich an den Tisch zurückkehre, bemerke ich, dass Herr Bergmann mir etwas mitteilen will und unterbreche ihn: “Ick hab jetzt nich gehört, wat Sie sagten, weil ick paar Schritte weg war.” “So, so. Können Sie sich vorstellen, wie unangenehm solche Situation für einen Blinden ist? Die anderen denken unwillkürlich, der rede mit sich selber.”

Schweigend leeren wir unser Glas, bezahlen und gehen nach dem Bahnhof.


Der zerbrochene Stock

Beim Betreten des S-Bahn-Wagens warne ich Herrn Bergmann vor einem darin abgestellten Fahrrad. “Ist man nicht mal hier vor denen sicher?” knurrt er. “Ick versteh Sie nich. Wieso?” “Hör’n Sie mir auf. Was ich mit denen schon erlebt habe” schimpft er weiter. “Die Kinder, die auf dem Fußweg fahren, die sind ja noch vernünftig. Die rasen nicht. Aber die Jugendlichen. Nicht erst ein Stock ist mir bei denen in den Speichen zerbrochen, und dann bin ich aufgeschmissen. Wenn einer liederlich ist mit seinem Rad, dass die Schutzbleche nur so klappern, da bin ich richtig froh. Die höre ich wenigstens.” “Ick kann Ihren Ärger verstehen. Aber als wir jung waren, waren wir ooch keene Engel. Det legt sich.” “Das denken Sie. Können Sie sich vorstellen, was mir neulich passiert ist? Ich gehe über eine Straße, halte meinen Stock vor mir und werde von einer Frau fast angefahren, und die schnauzt mich noch an, warum ich nicht aufpasse. Der Stimme nach war die Frau so um die 40, und was der größte Witz ist, sie befuhr eine Einbahnstraße in der falschen Richtung. Das erfuhr ich, als ein Passant sie zurechtwies, und die entschuldigte sich nicht mal.” “Sachen gibt det”, äußere ich mich und füge hinzu, die Kraftfahrer seien doch bestimmt noch rücksichtsloser. Es gebe solche und solche, erwidert mein Begleiter. Er hätte schon erlebt, dass einer dicht an ihm vorbeigerauscht wäre und ihm dabei den Taststock aus der Hand gerissen hätte. Aber es käme auch vor, dass die Fahrer anhalten und ihm zurufen, er solle gehen. Ab und an steige einer sogar aus und führe ihn über die Straße. “So wat gibt es ooch?” “Sie können ’s mir glauben. Aber es gibt außer den wilden Rad- und Autofahrern noch andere Gefahrenstellen”, spricht Herr Bergmann munter weiter.

Er gibt mir zu verstehen, dass ein Sehgeschädigter ohne Begleitung nur auf ihm sehr gut bekannten Wegen gehe. Wenn dort plötzlich eine Baugrube ist, wegen eines Rohrbruchs zum Beispiel, könne es der Blinde nicht ahnen, und das dünne Band zur Markierung nütze überhaupt nichts. Gott sei Dank sei er noch nie in eine Grube gestürzt, aber die Verantwortlichen sollten immer für eine feste Absperrung sorgen, die weit genug vom Rand entfernt ist.

Unterdessen haben wir unseren Wohnort erreicht, und ich gehe bis über die Ampelkreuzung mit. “Herzlichen Dank, Herr Mautke, für Ihre Unterstützung. Vielleicht treffen wir uns mal wieder. Machen Sie’s gut.” “Tschüß denn.”


Ein willkommener Besuch

Beim Blick auf das Straßenschild fällt mir ein, dass hier der Blinde wohnt. ’Den werd’ ich mal besuchen’, entschließe ich mich, klingele und vernehme bald darauf durch die spaltbreit geöffnete, mit einer Kette gesicherten Tür: “Bitte?” “Guten Tag, Herr Bergmann, ick bin gerade in dieser Gegend.” Weiter komme ich nicht. “Ach, Herr Mautke, haben Sie mich nicht vergessen. kommen Sie rein. Haben Sie Zeit mitgebracht? Meine Frau ist gerade unterwegs, die wäre nicht böse, wenn Sie mir die Zeitung vorläsen.” “Wird gemacht. Soll ick Ihnen allet . . . ?” “Um Gottes Willen, nur die Überschriften. Ich melde mich, wenn ich etwas hören möchte. Meine Frau kennt schon meine Wünsche. Trotzdem halten wir uns an diese Regel. Wenn sie mir nur das vortrüge, was sie interessiert, wäre es schlecht.” Ich lese, lese, lese. “ Nu gönn Se sich erscht mal ne Bause un drinken een Schälchen Heeßen. Hat er wieder eenen ’rumjekricht”, begrüßt mich Frau Bergmann lachend und fügt hinzu: “Das letzte bissel lese isch denn selber un den heutschen Brief glei mit dazu.”

“Mit Post, wie machen denn det die Blinden? Bei Ihnen ist det ja klar, aber bei anderen?” bin ich neugierig. “Wenn ich mal einen Bekannten bitten muss, mir einen Brief vorzulesen, dann lasse ich mir immer erst den Absender nennen und entscheide dann, ob das Schreiben geöffnet werden soll oder nicht. Es gibt doch manchmal etwas, wo man glaubt, das muss in der Familie bleiben, lieber warte ich noch eine Woche.” Dann erklärt mir Herr Bergmann, es sollte auch selbstverständlich sein, dass dieser Bekannte niemandem von dem Inhalt etwas erzählt. Ihm gefalle auch nicht, wenn er Kommentare dazu höre. Wenn er die Meinung des Vorlesers erfahren mochte, dann bitte er ihn darum.

Falls mal Werber für Zeitungen, Versicherungen oder so etwas von ihm ein Unterschrift wünschen, weil sie da waren oder er bestätigen solle, dass er ein Probeexemplar bestelle, dann antworte er denen, ehe er unterschreibe, will er es sich noch einmal von einer Vertrauensperson vorlesen lassen. Auf meinen Einwand, er könne doch immer behaupten, das Kleingedruckte wäre ihm nicht mitgeteilt worden, und deshalb sei seine Unterschrift nicht gültig, erwidert mir Herr Bergmann: “Irrtum, mein Lieber. Wenn ich unterschreibe, ist das rechtsverbindlich. Nur beim Testament gelten andere Festlegungen. Aber in der Frage lasse ich mich noch beraten.”

“Weil de grade beraden sachst. Wir missen balde mal zum Reisebüro”, unterbricht Frau Bergmann. Ich wundere mich: “Fährt ihr Mann etwa ooch mit?” “Warum denn nich? De Landschaft, Gebäude, Brüggen, Denkmale un so weiter beschreib’sch ihm, un wo’s möchlich is, lass’sch ihn besonders scheene Details abtasten. Nu erzähl schon, Bruno. Isch merk doch, wie’s dir uff de Zunge brennt.” “Damals war es uns peinlich, aber jetzt schmunzeln wir darüber”, übernimmt er das Gespräch und schildert ein Erlebnis bei einer Reise nach Leningrad.

“In der Reisegruppe war ich die einzige sehgeschädigte Person. Im Sommerpalais der Zarin beschrieb mir meine Frau leise mit wenigen Worten das Aussehen der Räume. In einem spielte ein Orchester. Die Reiseleiterin gab fast flüsternd spärliche Erläuterungen. Meine Frau führte mich zu einer Bronzefigur, einem liegenden Reh, damit ich es abtasten könnte. Ich hatte es kaum berührt, da erklang ein schrilles Signal. Nichts ahnend legte ich meine Hand an eine andere Stelle der Plastik, und wieder störte das Signal die Kammermusik. Im selben Augenblick hörte ich aus dem Nebenraum schnell näher kommende Schritte. Es war eine Aufsichtsperson, die aber wortlos verschwand, weil sie merkte, dass ich der Urheber war. Das raunte mir meine Frau zu. Aber seit diesem Zwischenfall erkundigen wir uns immer erst, ob ich etwas abtasten dürfe, und nur selten wurde mein Wunsch abgelehnt.”

Während wir gemütlich weiter Kaffee trinken, berichtet Frau Bergmann, welche neuen Geschäfte es in der Stadt gebe. So etwas interessiere ihn, klärt mich Herr Bergmann auf. “Geh’n Se etwa ooch alleene einkaufen?” rutscht es aus mir heraus. “Manchmal. Warum nicht? Was ich mit den Fingern nicht sehen, also nicht abtasten kann, das lasse ich mir beschreiben.” “Aber haben Sie beim Bezahlen denn keine Schwierigkeiten?” “Jetzt kaum noch. Ich hab da meine Methode”, und er erzählt mir, dass er sich bei der Sparkasse immer nur neue 50- und 10-Mark-Scheine geben lasse. Deren Breite habe er nun wieder gut im Gefühl, und wenn er einen 50er wechseln muss, achte er darauf, dass er nur neue 10er zurückbekomme. Bei den Münzen prüfe er Größe und Gewicht. “Da sind Sie ja besser als ick. Ick muss immer hinkieken, wat für Farbe det Geld hat. Aber mir fällt gerade in, da soll doch irgend eene Blindenschriftmarkierung druff sein.” “Die können Sie glatt vergessen. Davon merkt man doch kaum noch was, wenn das Geld durch so viele Hände geht. Ich bleib bei der Breite.” “Is ja gut, wenn Se damit zurechtkommen. Aber, machen det alle Blinden so wie Sie?” Mein Gesprächspartner überlegt einige Sekunden, ehe er erwidert: “Ich glaube kaum. Außerdem vertrauen wir auf die Ehrlichkeit der Menschen. Aber wenn mich bei so einer Gelegenheit bedauert, weil ich blind bin, dann möchte ich immer fuchsteufelswild werden. Hilfe ja, dafür sind wir dankbar, aber ja kein Mitleid. Manche denken auch, wir sind krank, weil wir nicht sehen können. Aber das stimmt doch gar nicht. Wir sind behindert, aber nicht krank.” “Nu bleib doch ruhig, Bruno”, beschwichtigt ihn seine Frau. “Ist doch wahr”, zetert er weiter und erzählt mir erregt, es käme öfter vor, dass bei Ärzten oder Ämtern seine Frau gefragt werde, welche Probleme er habe. “Denen geb isch’s aber glei un sach denen: ’Frag’n Se’n doch selber. Hör’n kann er und reden ooch’”, schaltet sich Frau Bergmann wieder ein.

Bei diesen Worten kann ich ein Schmunzeln nicht unterdrücken. Ich blicke auf meine Uhr. “Is det erst drei? Ick gloobe, mein Wecker steht.” Vorsichtig tastet Herr Bergmann die Zeiger seiner Armbanduhr ab. “Zehn nach fünf.” “Oi, da bin ick doch schon viel zu lange hier.” “Ach wo, Herr Mautke. Im Gegenteil. Ich freue mich immer, wenn Abwechslung in das tägliche Einerlei kommt” entgegnet mein Gastgeber. “Isch freu mich, Se kennen gelernt zu haben, un Se kommen doch bade wieder, wo Se nu wissen, dass mein Bruno ’n Zeitungsvorleser braucht.” Bei diesen Worten zwinkert mir Frau Bergmann zu, und ich erwidere: “Wird gemacht. Aber nun muss ich los. Tschüß.” “Einen angenehmen Heimweg, Herr Mautke, und nochmals schönen Dank für Ihren Besuch und für das Vorlesen” Herr Bergmann drückt mir noch einmal kräftig die Hand.

(c) Dieter Rietz / Pirna


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