Behindert


Dieter Rietz     ( 2009 )


Wird einer Person zum Geburtstag Gesundheit gewünscht, ist es lobenswert. Leider hört oder liest man des Öfteren, ihr werde Glück und viel Geld gewünscht. Glück ist nicht zu verachten. Aber Geld, viel Geld zu wünschen empfehle ich nicht. Es macht nicht glücklich, beruhige aber, heißt es. Man sagt auch manchmal, Geld verdirbt den Charakter. Mit Geld lässt sich keine Gesundheit erkaufen. Sie ist ein unbezahlbarer Schatz, den nur wenige besitzen. Ein völlig gesunder Mensch ist eine Ausnahmeerscheinung. Viele Menschen sind behindert. Einer von Geburt an, ein anderer durch Krankheit. Durch Unfall kann jeder in wenigen Sekunden behindert werden. Keiner erwartet es, doch jeder kann betroffen werden.

Auch im Krieg werden leider Menschen getötet oder verstümmelt. Die Medien nennen die Zahl der Toten, können aber nie konkret melden, wie viele durch die Kriegseinwirkungen oder Folgen ein Leben lang behindert sein werden. Verantwortungslose Politiker fordern und fördern den Einsatz von Soldaten in den verschiedensten Krisengebieten. Selbst gehen sie nicht, schicken auch nicht die eigenen Söhne oder Töchter dort hin. Zumindest verhindern sie es. Doch junge Menschen erklären sich bereit dafür. Die Motive dafür sind unterschiedlich. Einige gehen aus Abenteuerlust, wenige aus “Patriotismus”. Manche sehen mit dem Gang zum Militär einen Weg aus ihrer Arbeitslosenmisere. Bei den meisten jungen Leuten dürfte das Geld locken. Keiner der Freiwilligen erwartet getötet oder verletzt und dadurch behindert zu werden. Der Rüstungsindustrie bringt jeder Krieg Riesengewinne und sie ist an der Weiterentwicklung und Erprobung von neuen Waffen und Kampfmitteln interessiert. Die Humanität bleibt auf der Strecke. Aber auch die “Selbstmord-Attentäter” haben keine Gewissensbisse. Religiöse Verblendungen führen wie schon seit über tausend Jahren zu skrupellosen Handlungen.

Art und Weise der Behinderungen sind äußerst vielfältig. Bei einigen Personen sind sie offensichtlich, zum Beispiel bei Rollstuhlfahrern oder wenn Gliedmaßen fehlen. Das Tragen von Prothesen kann in manchen Fällen die Behinderung vertuschen, aber nicht aufheben. Andere Fälle von Behinderungen beruhen auf organischen Schäden oder sind eine Folge von Erkrankungen, zum Beispiel ein künstlicher Darmausgang oder eine multiple Sklerose. Solche Behinderungen sind nicht so offensichtlich erkennbar, es sei denn, es liegt ein fortgeschrittenes Stadium oder ein typisches Verhalten vor. Sichtbares Kennzeichen für die Behinderung sind das Tragen der gelben Armbinde oder das Benutzen des weißen Taststocks beziehungsweise die Verwendung von Gehhilfen. Egal welcher Art die Behinderung ist, die Zahl der Betroffenen bildet eine Minderheit. Deshalb werden sie als Randgruppen betrachtet und behandelt. Über Behinderte zu spotten oder Witze zu reißen ist verwerflich. Ich verurteile solche Handlungsweisen oder Einstellungen.

Bedenklich finde ich auch die Diskussion, ob im fortgeschrittenen Stadium der Schwangerschaft ein Abbruch erfolgen dürfe oder nicht, wenn festgestellt wurde, dass ein behindertes Kind auf die Welt käme. Von der werdenden Mutter wird eine schwerwiegende Entscheidung gefordert. Deshalb ist eine eindeutige Prognose über die zu erwartende Behinderung unerlässlich. Auch Behinderte können Großartiges leisten. Denken wir nur an Beethoven und Goya, die die im fortgeschrittenen Alter ertaubten oder an den als Kind erblindeten Louis Braille.

Die Behinderten wollen nicht bemitleidet werden, sind aber dankbar für Hilfe. Sie wissen, dass jammern und klagen nutzlos sind und sie ihr Los leichter ertragen, wenn sie die Behinderung akzeptieren. Beim Zusammenschluss in Selbsthilfegruppen können sie voneinander lernen, die Probleme zu meistern und welche Hilfsmittel für sie am günstigsten sind.

Auch ich bin behindert, bin sehschwach. In der Natur bleibt mir vieles verborgen und von dem reichhaltigen Angebot in den Supermärkten entgeht mir etliches. Suche ich etwas Bestimmtes, frage ich und bekomme Hilfe. Das Fernsehen reizt mich nicht, weil mir alles unscharf erscheint. Aber lesen kann ich mit einem Bildschirmlesegerät und Hörbücher kostenlos ausleihen bei der “Deutschen Zentralbücherei für Blinde”. Dadurch kann ich Literatur genießen. Obwohl ich beim Schreiben Schwierigkeiten habe, versuche ich des Öfteren kurze Prosatexte aufs Papier zu bringen, denn die Beschäftigung mit der Sprache bereitet mir Freude. So ist das Leben auch für mich sinnvoll, trotz Behinderung.

(c) Dieter Rietz / Pirna


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