Aus Rotkäppchens Leben


Dieter Rietz     ( 2006 )


Vor sehr vielen Wochen hatte der Jäger Klaus Rotkäppchens Oma Frieda besucht. Irgendjemand berichtete ihm jetzt, dass die alte Frau erkrankt sei. “Ich werde sie aufsuchen. Vielleicht braucht sie meine Hilfe”, entschloss sich Klaus. Als er bei ihrem Haus ankam, vernahm er ohrenbetäubendes Schnarchen. Darüber wunderte er sich sehr. Er klopfte, bekam aber keine Antwort. Weil die Tür unverschlossen war, trat er ein. Auf dem Tisch stand ein Korb mit Kuchen und einer Flasche Wein, daneben eine Vase mit frischen Blumen. Vor dem Alkoven, dessen Vorhänge zugezogen waren, standen Rotkäppchens Schuhe. Von ihr war nichts zu sehen. Der Jäger zog den Bettvorhang beiseite und erschrak. Im Bett lag ein Wolf, verkleidet mit der Nachtmütze der Großmutter. Der Bauch des Wolfes war riesengroß. Klaus vermutete, es sei Schreckliches geschehen. Kurz entschlossen griff er zu seinem Messer und schnitt den Wolfsbauch auf. Da sprang Rotkäppchen unverletzt heraus. Sie half dem Jäger, die Oma auch zu retten. Der Wolf war gierig gewesen und hatte Großmutter und Enkelin verschlungen, ohne zu kauen. Dadurch überlebten sie unbeschadet. Alle drei waren darob überglücklich. Klaus meinte, es müsse mit Wein gefeiert werden. Frieda und Rotkäppchen stimmten zu, tranken aber Obstsaft. Der Jäger leerte die von Rotkäppchen mitgebrachte Flasche ganz alleine. Er dachte nicht daran, dass der Wein der Großmutter gut getan hätte. Sie plauderten über vieles und sprachen über Rotkäppchens Zukunft. Die Großmutter sagte: “Rotkäppchen, ich kenne Martha, eine weise Frau, die weit entfernt im Wald in einem Pfefferkuchenhäuschen wohnt. Von ihr kannst du sehr viel lernen, was dir im weiteren Leben nutzen wird.” Rotkäppchen dankte für den Rat, sagte Oma und Mutter “Lebe wohl” und begab sich auf den Weg. Sie wanderte drei Tage. Dann entdeckte sie auf einer Waldlichtung das Pfefferkuchenhaus.

Weil auf ihr Klopfen niemand reagierte, betrachtete sie aufmerksam die Umgebung. Sie sah einen aus Latten gefertigten Schuppen und einen Backofen. Aus ihm drangen Geräusche an ihr Ohr. Neugierig öffnete Rotkäppchen dessen Tür und staunte. Eine alte Frau kroch heraus. Sie umarmte das Mädchen und sprach: “Du hast mir das Leben gerettet. Viele Menschen sind schlecht und behaupten, ich sei eine böse Hexe. Selbst kleine Kinder denken so. Ich wollte heute Brot backen und heizte deshalb den Ofen. Als ich kontrollieren wollte, ob er heiß genug sei, stießen mich Hänsel und Gretel hinein. Es sind Geschwister, die sich hierher verirrten. Ich nahm sie freundlich auf, gab ihnen auch reichlich zu essen. Vielleicht war es falsch von mir, Hänsel in dem Lattenschuppen einzusperren. Aber er ist ein Wildfang und ich wollte nicht, dass er sich wieder verläuft. Vermutlich dachten die Geschwister an die Schauergeschichten, die über mich erzählt werden. Sie glaubten, ich wolle sie braten und stießen mich deshalb in den glühend heißen Ofen. Zum Glück hatte ich reichlich Kräuter bei mir, die Brandwunden sofort heilen. Hättest du mich nicht befreit, wäre ich darin verhungert. Hänsel und Gretel nahmen sicherlich Reißaus, weil sie ein schlechtes Gewissen haben. Sie wollten mich ja ermorden. Was aus ihnen wird, erfahre ich vielleicht nie. Aber ich schwatze und schwatze. Lass uns ins Haus gehen. Du bist sicherlich hungrig und durstig.” Nach dem sich Rotkäppchen gestärkt hatte, wollte Martha von ihr wissen, warum sie gekommen sei. “Meine Oma riet mir, dich aufzusuchen. Ich könnte viel von dir für mein späteres Leben lernen. Mehr sagte sie nicht.” “Das war ein kluger Rat von deiner Großmutter. Ich bin ein Kräuterweiblein und kenne nahezu alle Kräuter, essbare, giftige und viele mit heilender Wirkung. Sie helfen, wenn die modernen Arzneimittel versagen. In der Zeitschrift “Märchenwelt” las ich mal einen Bericht über das Kraut “Nies mit Lust”. Es wächst in einem sehr fernen Land im Schlossgarten eines Königs unter uralten Kastanien. Das Kräutlein mit blaugrünen Stängeln ist schwer zu finden und kann nur in einer Neumondnacht gepflückt werden. Durch dieses Kraut konnte Zwerg Nase die ihm angehexte Riesennase zurück verwandeln. Es ist nicht schlimm, dass es dieses Kraut hier nicht gibt. Wir haben genügend andere. Wenn du es möchtest, unterrichte ich dich in Kräuterkunde. Aber du wirst schon erwachsen sein, wenn du meinen gesamten Erfahrungsschatz übernehmen willst.” “Ich bin einverstanden”, erwiderte Rotkäppchen. Als sie alles Wissenswerte über Kräuter erfahren hatte, war sie ins heiratsfähige Alter gekommen. Aber ihren Namen änderte sie nicht. Sie blieb Rotkäppchen. Sie dankte Martha, dem Kräuterweiblein und nahm Abschied von ihr.

Bei der Suche nach einem Ehegatten lernte sie einen Mann kennen, der erklärte, Hans im Glück zu sein. Er hatte sieben Jahre fleißig gearbeitet und einen großen Klumpen Gold als Lohn bekommen. Darüber war er glücklich. Aber bei seiner Wanderung wurde das Gold zur Last. Glücklicherweise konnte er es gegen ein Pferd eintauschen. Hoch zu Ross wäre die Wanderschaft doch wesentlich angenehmer als zu Fuß und die schmerzenden Beine könnten sich erholen. Doch Hans saß noch nie auf einem Pferd, noch dazu auf einem ungezähmten. So flog er des Öfteren in hohem Bogen in einen Graben. Aber Hans hatte Glück und tauschte das Pferd gegen eine Kuh. Er war überzeugt, immer Milch zu haben, wenn ihn dürstete. Eine Kuh hatte Hans nie gemolken. Statt eines Tropfen Milch aus dem Euter, bekam er den Kuhschwanz an den Kopf geschlagen. Zum Glück konnte er die Kuh gegen ein Schwein, das gegen eine Gans und die garstige Gans gegen einen Wetzstein tauschen. Als Scheren- und Messerschleifer könnte er fröhlich pfeifend durch die Welt ziehen. Versehentlich fiel ihm der Stein in einen Brunnen. Doch Hans war zufrieden. Nun musste er auf nichts mehr achten. Das alles erzählte er Rotkäppchen und sagte voller Stolz: “Ich bin ein Hans im Glück.”

Rotkäppchen ließ ihn stehen. Sie wusste, mit so einem Tölpel könne sie nicht glücklich werden und ein Kräutlein gegen Dummheit war ihr nicht bekannt.

Sie suchte weiter nach einem Mann fürs Leben und hörte von einem tapferen Schneiderlein. Es hatte sieben auf einen Streich erschlagen, so verkündete er auf einer Fahne. Zwei Riesen brachte er um, fing einen Keiler und ein Einhorn. Sie hatten im Wald des Königs große Schäden angerichtet. Niemand erfuhr, dass der Tapfere alles nur mit List und Geschicklichkeit erreichte. Für seine Erfolge gab ihm der König die Tochter zur Frau und das halbe Königreich. Diesen Mann hätte Rotkäppchen gerne geheiratet. Seine Liebe könnte sie durch Kräuter erringen. Aber sie wollte seine Ehe nicht zerstören.

Wochen später begegnete Rotkäppchen einen gut gekleideten Mann, der sie charmant lächelnd ansprach: “Ich möchte dinieren, speise aber ungern allein. Würden Sie bitte mein Gast sein?” Sie nahm die Einladung an, da sie an diesem Tage noch nichts aß, wandte jedoch ein: “Ich danke Ihnen, aber mein Essen bezahle ich alleine.” “Nein, nein. Sie sind mein Gast. Geld spielt keine Rolle.” “Haben Sie im Lotto gewonnen?” “Das nicht. Ich bin ein gelernter Dieb.” “Sie stehlen Geld oder Wertgegenstände, die Sie verkaufen?” “Nicht ganz so. Ich wette mit reichen Bürgern, dass ich ihnen etwas von ihnen Genanntes bis zu einem festgelegten Termin entwende. Wenn es mir gelingt, habe ich die Wette gewonnen und kassiere 100 Taler. Das klappt immer. Das Gestohlene bekommt der Eigentümer selbstverständlich zurück. Mein Vater wollte mir nicht glauben, dass ich das Diebeshandwerk perfekt beherrsche. Ich bewies es ihm, indem ich einem seiner Bekannten ein Pferd stahl, auf dem er saß und in derselben Nacht dessen Frau das Nachthemd, das sie trug. Die Wette gewann ich und bekam auch von meinem Vater 100 Taler. Dass ich immer mit List ans Werk gehe, ahnt niemand.” “Bisher hatten Sie wahrscheinlich stets Glück. Doch Glück und Glas, wie schnell bricht das und eines Tages werden Sie am Galgen hängen.” “Und wenn schon. Meinen Spaß hatte ich vorher ausreichend.” “Ich könnte Ihnen ein Kräutlein schenken, welches Sie von Ihrer Stehlsucht heilt.” “Nein, danke. Das würde mir die Freude an meinem Leben nehmen.” ‚Ein Sonderling. Mit dem möchte ich nicht verheiratet sein‘, dachte Rotkäppchen.

Sie erfuhr von einem Ritter Blaubart. Er war das sechste Mal Witwer geworden. Rotkäppchen besuchte ihn. Er war ein stattlich gewachsener, gut aussehender, intelligenter Mann und gefiel ihr sofort. Weil er nicht alleine leben wollte, feierten sie bald darauf Hochzeit. Rotkäppchen genoss das Leben im Schloss, stickte, häkelte und las viel, denn der Ritter besaß eine große Bibliothek. Wenn sie Lust hatte, telefonierte sie stundenlang mit Bekannten. Sie hätte gerne einen Fernseher gekauft, doch der Ritter lehnte es ab, es wäre Schnickschnack. Häufig begab er sich auf Reisen. Zum Abschied sagte er stets, Rotkäppchen dürfe in alle Zimmer gehen, aber nicht in das dreizehnte. Wenn sie das beträte, wäre es um sie geschehen. Sein Arbeitszimmer konnte sie auch nicht betreten. Es war immer verschlossen und einen Schlüssel dafür besaß nur der Ritter. Bevor er von einer Reise zurückkehrte, meldete er seine Ankunft telefonisch an. Sobald er im Schloss war, ging er für wenige Minuten in sein Arbeitszimmer. Dann begrüßte er Rotkäppchen freudig. So vergingen einige Jahre. Ritter Blaubart war wieder einmal auf Reisen. Dieses mal für längere Zeit. Vorher warnte er Rotkäppchen erneut vor dem Betreten des dreizehnten Zimmers. “Warum macht er es? Was soll das bedeuten? Heute gehe ich hinein”, sagte sie leise zu sich. In dem Raum standen drei große Tiefkühltruhen. Eine war leer. Aber in den anderen entdeckte sie voller Entsetzen die Leichen von sechs Frauen, gut eingepackt in Plastiksäcken. Fluchtartig verließ Rotkäppchen das Zimmer und verschloss es wieder sorgfältig. Sie ahnte, was nach der Rückkehr des Ritters geschehen würde. Deshalb bereitete sie aus einem Kraut ein Pulver, welches in Wein geschüttet, nicht zu riechen oder zu schmecken war, aber den Weintrinker sofort in einen ohnmachtähnlichen Schlaf versinken lässt. Drei Tage später meldete Blaubart seine Heimkehr an, ging wie gewohnt in sein Arbeitszimmer und sagte Minuten später zu Rotkäppchen: “Du hast mein Verbot missachtet. Deshalb musst du sterben.” Erstaunt blickte sie ihn an. “Wie kommst du auf den Gedanken, ich wäre im verbotenen Zimmer gewesen?” “Dort ließ ich eine Videoüberwachungsanlage installieren und in meinem Arbeitszimmer sehe ich sofort, ob jemand den Raum unberechtigt betrat.” “Na gut. Ich muss mich in mein Schicksal ergeben. Doch bevor du mich tötest, lasse uns noch ein Glas Wein zur Erinnerung an die schönen gemeinsamen Jahre trinken.” Der Ritter war einverstanden. Er hatte das Glas noch nicht zur Hälfte geleert, da sank er ohnmächtig zu Boden. Rotkäppchen griff zum Telefon, wählte “110” und sagte: “Vor mir liegt ein Mörder. Holen Sie ihn weg.” Den Polizisten zeigte sie die Leichen im dreizehnten Zimmer. Das Gericht verurteilte Ritter Blaubart und übergab ihn dem Henker. Rotkäppchen aber lebte fortan ohne Angst und Sorgen.

Eines Tages las sie in der Zeitung: “In einem Pfefferkuchenhäuschen wurde eine alte Frau, Martha hieß sie, tot aufgefunden. Sie war als Hexe verschrien und wurde verdächtigt, Kinder anzulocken, zu braten und aufzuessen. Dieser Verdacht konnte bisher nicht bestätigt werden.” “Ach, diese Zeitungsschreiber. Die sind gemein. Kein Wort davon, was für eine hervorragende Kräuterkennerin und -sammlerin Martha war”, murmelte Rotkäppchen. Sie fasste den Entschluss, im Schlosspark einen großen Kräutergarten anzulegen und eine Ausbildungsstätte für Kräuterkunde zu schaffen. Mit der Pharmaindustrie nahm sie Kontakt auf, erfuhr aber eine Absage. Die Arzneimittelhersteller wollten auf ihre chemischen Präparate nicht verzichten, weil sie daran reichlich verdienen. Das gaben sie bei ihrer Ablehnung nicht offen zu, stellten dagegen die Heilwirkung von Kräutern in Frage. Doch viele Ärzte erkannten inzwischen deren Wert und nutzen sie. Seit dem wird von Generation zu Generation Martha’s und Rotkäppchen’s Wissen über die Kräuter weiter gegeben.

(c) Dieter Rietz / Pirna


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