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Dieter Rietz     ( 1993 )


“Schon wieder ist ein Haufen Asylbewerber eingetroffen, steht hier drin.” Mit diesen Worten warf der Vater die Zeitung erbost auf den Tisch. und knurrte: “Was wollen die in Deutschland? Ich bin froh, dass die Polen und Tschechen nicht mehr kommen, die hatten uns doch alles weggekauft, und die Fidschis und Mosis werden zum Glück nun ja abgeschoben. Aber dafür kommen jetzt andere. Haben wir nicht selbst genug Probleme? Warum die Bundesregierung damals so viele Türken einwandern ließ, ist mir auch ein Rätsel. Naja, für Dreckarbeiten sind sie ja zu gebrauchen. Aber so viele? Die sollen sich alle heimscheren.”

Geduldig ließ Pierre diesen Erguss über sich ergehen und wartete auf die danach übliche Ankündigung des Vaters, dass sie das kommende verlängerte Wochenende wieder einmal in Aussig oder Tetschen verbringen und dort oder auf der Rückfahrt in Polen einkaufen würden, denn so billig hätten sie es sonst nirgendwo. Vergeblich hatte Pierre bisher versucht, seinem Vater begreiflich zu machen, dass es tschechische und polnische Städte seien, und regelmäßig hatte der Vater erwidert, wie die Orte auf ausländisch heißen, interessiere ihn nicht, und die Leute dort sollten gefälligst deutsch lernen, denn schließlich seien sie auf die D-Mark scharf.

Pierre hatte kaum noch zugehört. Er erwog, wie der Vater reagieren wird, wenn er erfährt, wen Pierre zum Geburtstag einlud. Achmed, der 17jährige Türke aus dem ehemaligen Westberlin, der 22 Jahre junge Nam Dinh und Mathias, der ein angolanisches Mädchen mitbringen wollte, sowie Ines mit ihren Freundinnen Anne und Marlies würden kommen. Stirnrunzelnd nahm der Vater die Mitteilung zur Kenntnis und fragte, warum Pierre mit dem ausländischen Kroppzeug feiern wolle. Aber ihm sei es letztendlich egal, denn Pierre werde an dem Tag ja volljährig. Spöttisch erkundigte sich der Vater, ob sie überhaupt miteinander reden könnten. Pierre entgegnete, dass sie bei der Verständigung schon Übung hätten. Wenn sie mit deutsch und englisch nicht zu Rande kämen, würden Gebärden helfen.

Zur Geburtstagsfeier sagte der Vater in seinem Toast: “Wir sind waschechte Berliner, keine zugewanderten Sachsen oder Fischköppe, und vor allem bin ich stolz darauf, dass Pierre ein Deutscher ist.”
“Ob er deshalb einen französischen Vornamen bekam?” flüsterte Ines ihrer Freundin ins Ohr.

(c) Dieter Rietz / Pirna


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