Alptraum


Dieter Rietz


Unruhig wälze ich mich hin und her, kann nicht einschlafen. Immer wieder kreisen meine Gedanken um die Forderungen, die täglich aus Rundfunk und Fernsehen erklingen, die ich in der Zeitung lese und im Betrieb höre: “Wir wollen ein einiges Deutschland. Wir wollen soziale Marktwirtschaft, denn die sozialistische Planwirtschaft ist unfähig.” Diese neuen Schlagworte hämmern auf mich ein, rauben mir die Ruhe. Nur wenige sagen, dass sie das überwältigende Angebot in den westlichen Geschäften meinen, und noch weniger denken daran, dass sie dafür viel härter arbeiten müssen. “Wenn wir ein einiges Vaterland haben, verdiene ich auch so gut, wie die in der BRD jetzt und kann mir alles kaufen”, so äußern sich viele, und mich plagen Zweifel. Unmerklich schlummere ich ein und beginne zu träumen.

“Bitte nehmen Sie Platz. Wie Sie bereits bemerkt haben werden, führen wir hier im Personalbüro Gespräche mit allen Mitarbeitern unserer neu gegründeten GmbH. Wie Sie sich denken können, müssen wir unbedingt den Verwaltungsaufwand reduzieren, kurz gesagt, wir müssen den Betrieb gesundschrumpfen, damit wir konkurrenzfähig werden. Wie ich Ihren Personalunterlagen entnehme, arbeiteten Sie in dem vorherigen so genannten VEB bereits 30 Jahre als Ingenieur. Eine lange Zeit, in der Sie sicher viele wertvolle Erfahrungen sammeln konnten. Aber ich las auch, dass Sie schwerstbeschädigt sind. Ihr Sehvermögen ist stark eingeschränkt. Können Sie am Computer arbeiten? Nein? Na dann dürfte Ihr Einsatz in der Produktion auch nicht in Frage kommen. Ja, es tut uns außerordentlich leid, aber wir müssen uns von Ihnen trennen. Wir sind großzügig, geben Ihnen eine gute Abfindung und außerdem drei Monate Zeit, sich um eine andere Arbeit zu bemühen. In ihrem Falle, mit über 50 und noch dazu behindert, wird es sehr schwer sein, aber vielleicht haben sie Erfolg. Sie könnten sich eventuell auch invalidisieren lassen. Die Invalidenrente ist wahrscheinlich nicht so hoch, wie das Arbeitslosengeld, aber sie ist nicht zeitlich begrenzt. Ich wünsche Ihnen alles Gute. Auf Wiedersehen.”

Schweißgebadet erwache ich und denke, soll meine Zukunft so aussehen?

(c) Dieter Rietz / Pirna


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