Eine 100-Jahre-Reise auf dem Weg zum Greise


Dieter Kleffner


Heut leben wir den Jugendwahn,
doch wann fängt das Altern an?
Kaum kommt man in die Schule rein,
da möcht‘ man schon erwachsen sein.
“Die Pubertät”, so denkt das Kind,
“ist, wenn die Eltern komisch sind!”
Der Liebeskummer, Sturm und Drang
Und auch die Lehrzeit dauern lang.
Doch sind zwei Herzen dann entzückt,
ist man von Raum und Zeit entrückt.

Kaum, dass wir Mitte Zwanzig sind
folgen oft schon Frau und Kind.
Sind dann die Kindersorgen da,
so nagt das siebte Ehejahr.
Das ist als sehr verflixt bekannt.
Dort braucht die Ehe viel Verstand.
Bist du in Arbeit, Stress und Brot,
hat die Familie keine Not.
Schwimmst du im Strom brav, willig weiter,
erklimmst du die Karriereleiter.

Beim Sport wirst du ab Dreißig hören,
du bist nun bei den “alten Herren”.
Dabei denkst du: “Ich bin fit.
Kein dicker Schüler hält da mit!”
Du trittst in die Pedalen rein
und ziehst den Bauch nun öfter ein.
Du testest deinen Marktwert aus
und zupfts die grauen Haare aus.
Du joggst dem Altern rasch davon
und plötzlich bist du Vierzig schon.

Also lässt du’s ruhiger laufen
und wirst dir ein Fahrrad kaufen.
Beruflich bist du angespannt:
“Burnout” wird dieser Mist genannt.
Trotz Kampfgeist auf dem Tennisplatz
entsteht am Hinterhaupt ‘ne Glatz‘.
Die kann man nicht von vorne sehen:
Also niemals rückwärts gehen!
Der erste Hexenschuss trifft ein
und plötzlich wirst du Fünfzig sein.

Dein Joggen wird nun mehr zum Wandern.
Zum Trost geht’s besser nicht den Andern.
Auch kommen zum Bekanntenkreis
die ersten Götter ganz in Weiß.
Der Hausarzt und der Internist,
der deinen Blutdruck ständig misst,
der Arzt für Knie und den Rücken,
zur Vorsorge musst du dich bücken.
Und stellt sich die Arthrose ein,
dann wirst du plötzlich Sechzig sein.

Du sprichst nun öfter von der Rente
und über Leute, die man kannte.
Schon reicht dein Chef dir fest die Hand
und gratuliert zum Ruhestand:
Sie war‘n ein guter Mitarbeiter!
Ohne Sie geht’s hier schlecht weiter!”
Doch kaum hast du dich fortgeschlichen,
da wird dein Arbeitsplatz gestrichen…
Du gründest einen Skatverein
und plötzlich wirst du Siebzig sein.

Das Alter ist zwar ein Geschenk,
doch spürt man jedes Großgelenk.
Manch‘ Rentner ist noch fröhlich drauf,
ein anderer fällt durch meckern auf.
Wenn dieser ohne Zähne is‘,
umso frecher ist sein Biss!
Du sitzt nun oft im Wartezimmer
und lauschst der andern Leute Kummer.
“Altwerden, schlimm!”, so mancher spricht,
doch früher sterben will er nicht.

Hast du die Achtzig dann erreicht,
ist das Altern oft nicht leicht.
“Wenn nichts weh tut”, sagt der Spott,
“dann bist du sicherlich schon tot!”
Das Alter macht angeblich weise,
doch die Demenz kommt heimlich leise.
Auch lassen nach das Aug‘ und Ohr.
Das trägt man nur mit viel Humor.
Als Greis sollst du stets freundlich sein,
sonst lässt die Jugend dich allein!

Bist du dann endlich neunzig Jahr,
sind viele Freunde nicht mehr da.
Selbst deine Kinder werden alt,
Urenkel sind erwachsen bald.
Noch brauchst du nicht die volle Pflege,
lebst im Heim wie im Gehege.
Du siehst die Welt, wie sie sich dreht,
wie vieles kommt, wie vieles geht.
Du fühlst dich weise und belesen,
denkst: “Alles schon mal dagewesen!”

Bist über Hundert, wie vermessen!
Hat der Herr Gott dich vergessen?
Der Zeitgeist ist dir längst schon fremd,
was wartet, ist das Totenhemd.
Wirst wohl in den Himmel kommen;
hast dich ja immer brav benommen.
Das Leben fragt dich nun erneut:
“Na, hast du irgendwas bereut?”
“Mich reut nur noch die Sündenlast,
die meine Jugend hat verpasst!”

(c) Dieter Kleffner / Hattingen NRW


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