Blind


Dieter Kleffner


Was bedeutet: “Ich sehe nicht?”
Was bedeutet das Wort ‚blind‘?
Es flackert subjektives Licht,
wo geisterhafte Schleier sind.

Schleier aus hellen und dunklen Flecken,
ständig im Wandel und völlig bizarr.
Was mag real dahinter stecken?
Die Welt bleibt für mich unsichtbar!

Das Ohr versucht ein Bild zu malen,
so wie es das Auge früher bot.
Doch wie klingen Sonnenstrahlen?
Wie klingen blau und gelb und rot?

Die Nase kennt den Duft der Welt,
versucht mir alles zu erschnuppern.
Sie reckt sich hoch zum Sternenzelt…
Doch, wie riechen denn Sternschnuppen?

Mein Geschmack macht sich ein Bild
von kulinarischen Genüssen.
Sag‘, funkeln Augen feurig wild
bei innig, heißen Küssen?

Mein Tastsinn kann schematisch sehen,
was Fingerspitzen fühlen.
Doch, wie erfühlt man weite Seen?
Wie himmlisch Wolken spielen?

Nur wer den Regenbogen sah,
der kennt die ganze Farbenpracht.
Das Auge brachte mir einst nah,
wie der Mond von ferne lacht.

Wenn ich mir Bilder machen will
von der realen Welt,
dann hilft Erinnerung sehr viel
und was die Fantasie erzählt.

Zur Stimme zählt auch ein Gesicht.
Ist dieses furchtlos oder bang?
Ist es glücklich oder nicht?
Die Mimik wird bestimmt vom Klang.

Blindsein schafft mir große Lasten.
Trotzdem kann ich in mich gehen,
gründlich hören, riechen, tasten,
sehr viel von der Welt verstehen.

Fehlt mir optisch heut‘ der Sinn,
so ist das nicht das Ende.
Talente stecken in mir drin,
drum spuck ich in die Hände.

Dem Ohr reich‘ ich Gitarrensaiten,
den Fingern Tastaturen,
lass‘ mich vertrauensvoll begleiten
auf fremden Wegen, neuen Spuren.

(c) Dieter Kleffner / Hattingen NRW


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