Prolog Skisprung-Krimi


Daniela Preiß (Danny P.)


Zuerst spürte Jakob nichts. Er registrierte nur, dass sich etwas verändert hatte. Mit dem nächsten Atemzug begriff er. Die Stille. Sie war ohrenbetäubend. Und das konnte nur eines bedeuten.
Seit Saisonbeginn lieferten Samuel Nittke und Jakob Spengler durchgehend Leistungen ab, die von einem anderen Stern zu kommen schienen. Die beiden Deutschen dominierten die Konkurrenz im Spezialspringen, als gäbe es keine.
“Ich wünschte, das könnte ich auch”, meinte Peter voller Sehnsucht.
“Das kannst du!”, ermunterte Jakob ihn.
“Aber ihr ... Ihr seid überirdisch!”
Die Anerkennung, die Peter ihnen entgegenbrachte, war deutlich aus seinen Worten herauszuhören. Aber Jakob schüttelte jedes Mal nur amüsiert den Kopf. “Ach was. Wir sind auch bloß Menschen.”
Einerseits. Andererseits wurden Samuel und er, zumindest vorübergehend, zu etwas Besonderem, weil zahllose Fans und auch manche der jüngeren oder chronisch glücklosen Kollegen ihnen große Bewunderung entgegenbrachten. Nachwuchsspringer träumten von ähnlichen Erfolgen im Weltcup. Weite Flüge, mit hervorragenden Haltungsnoten. Und einer so sauber und fließend wie alle anderen, als wären sie in Stein gemeißelt. Die beiden Leistungssportler hatten Material und Technik in gut dosierter Feinabstimmung zu einem makellosen Paket geschnürt. Sie waren frei im Kopf. Ja es schien beinahe, als würde glänzen, was auch immer sie anfassten.
Für ungleich wichtiger hielten Jakob und Samuel allerdings, dass sie nicht nur Konkurrenten auf höchstem Niveau waren. Vor allem traten sie als zwei Sportsmänner auf, die Fairplay als das zentrale Anliegen betrachteten. Und das nicht alleine deshalb, weil sie eine unerschütterliche Freundschaft miteinander verband.
Aber jetzt ...
Wie jedes Mal war die Mannschaft mit dem Bus zur Schanze gefahren. Jakob brachte auf direktem Weg seine Tasche in die Umkleidekabine, wo er seinen Anzug aufhängte, um dann noch einmal die Skier zu kontrollieren. Alles in bester Ordnung. Gut so. Und weiter. Im Catering-Bereich konnte Jakob Wasser bekommen, das er sofort trank, damit er später nicht wegen zu geringen Gewichts disqualifiziert würde. Dann das Warmlaufen. Mit einem Kopfhörer auf den Ohren, um alles andere auszublenden. Seine Lieblingsband war Forever Annika. Denn ihm gefiel die Stimme des Frontsängers, Frank Wilking. Und auch die Melodien regten Jakob an. Er hörte die lauten Klänge, ohne jedoch den Text auf sich wirken zu lassen. Nicht jetzt, da er sich auf den Wettkampf konzentrieren musste.
Den Ablauf der Sprungvorbereitung hatte Jakob schon so oft hinter sich gebracht, dass er ihn genauso gut im Schlaf ausführen könnte. Dehnübungen. Ein paar Sprungübungen und Immitationen. Schließlich kehrte er in die Kabine zurück, zog sich dort um und fuhr mit dem Lift nach oben.
Jakobs erster Sprung war wie aus dem Bilderbuch. Das System passte. Und er fühlte sich großartig. Kurz vor dem Gewinn der legendären Vier-Schanzen-Tournee ... Aber es würde ein Herzschlagfinale geben. Nach dem K.O.-Springen lag Samuel 1,8 Punkte hinter ihm in der Tageswertung. Die Gesamtwertung führte er dem gegenüber an. Sein Vorsprung war jedoch ähnlich dünn wie Jakobs auf der Paul-Austerleitner-Schanze. Er würde schmelzen wie Eis, sobald sich ein einziger Sonnenstrahl am Himmel zeigte ... An Jakobs Firmament.
Die Medienvertreter sprachen immer wieder davon, dass 2006 zwei Springer die Tournee gewonnen hatten, da sie mit acht Sprüngen auf das Zehntel genau die gleiche Punktzahl erreichten. Einmalig! Oder doch nicht? Fieberten die Zuschauer diesem Resultat erneut entgegen? Ihre Herzen waren jedenfalls voller Erwartungen, die Jakob nicht enttäuschen wollte. Nicht jetzt, in diesem zweiten Durchgang.
Zum letzten Mal gelangte er in den Aufwärmraum. Noch blieb ihm etwas Zeit, um den Sprung in Gedanken von Neuem durchzugehen. Absprungübergang, Flugphase und Landung. Automatisierte Abläufe, die Jakob mit spielerischer Leichtigkeit abzurufen vermochte. Aber alles oder nichts, das lag im Skispringen so nahe beieinander ...
“Viel Glück.”
“Was?”
Es war Samuel, der soeben seine Schuhe band. Er lächelte Jakob zu. “Alles Gute.”
“Dir auch”, entgegnete dieser automatisch, während er sich seine Startnummer überzog.
“Wird schon schiefgehen”, meinte Samuel. Dann war er weg. Und im nächsten Moment hatte Jakob das Gespräch auch schon wieder vergessen. Er dachte nur noch an den Sprung, der vor ihm lag. Konzentrierte sich darauf, während seine Hände wie von selbst die Reißverschlüsse zuzogen, dann Brille und Helm aufsetzten. Nur noch wenige Minuten. Jakob griff sich seine Skier und ging zum Ablauf. Vor ihm waren noch fünf Springer an der Reihe. Ein Österreicher. Dann ein Finne. Ein Norweger. Schließlich Samuel. Und die Zuschauer tobten. Sie glaubten vermutlich daran, dass sie ihren Favoriten wie auf einem Teppich nach unten tragen konnten, wenn sie nur möglichst laut und anhaltend schrien. Tatsächlich war in diesen letzten Sekunden vor der Abfahrt jeder Skispringer viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um sie intensiv wahrzunehmen. Als hätte er Watte in den Ohren, hörte Jakob, wie das Tosen anschwoll. Samuel war unterwegs ins Tal. Hinunter zu denen, die ihn so sehnsüchtig erwarteten. Und auch Jakobs Herzschlag beschleunigte sich. Das Blut pulsierte wie kochendes Wasser durch seine Adern ...
Und dann, plötzlich ...
Zuerst spürte Jakob nichts. Er registrierte nur, dass sich etwas verändert hatte. Mit dem nächsten Atemzug begriff er. Das Tosen der Menschenmenge brach so abrupt ab, als hätte jemand einen Stecker gezogen. Und diese schlagartige Ruhe war es, die Jakob aus der Konzentration riss. Irritiert blickte er auf. Was war geschehen? Hatte Samuel einen technischen Fehler gemacht und deswegen früh landen müssen? War er im Kampf um den Tagessieg zurückgeworfen worden? Aber doch nicht Samuel! Nicht in dieser Verfassung! Also hatte ihn eine Windböe erfasst? Oder ... Jakob brach der kalte Schweiß aus. Denn es gab noch eine dritte Möglichkeit ... Wie ein Messerstich zuckte der Schmerz durch seinen Körper. Nein! Das durfte nicht sein!
Schnell heftete Jakob den Blick wieder auf die Ampel. Nicht darüber nachdenken. Nicht jetzt! Bestimmt war bei Samuel alles gut. Nur ... Die Ampel schaltete nicht auf Gelb um. Also keine Möglichkeit, bereits auf den Balken zu gehen. Stattdessen ...Ein letztes Zögern, dann wagte Jakob den Blick nach unten. Und seine schlimmsten Befürchtungen wurden wahr. Denn dort lag Samuel ...
“... leider gestürzt”, verstand Jakob nun auch die Worte des Schanzensprechers.
Wie in Trance schnallte er seine Skier wieder ab. Bis die Verantwortlichen ihn starten ließen, würde noch einige Zeit vergehen. Und Jakob brauchte Gewissheit. Musste erfahren, ob und falls ja, wie schlimm sich Samuel verletzt hatte. Dass er auch weiterhin auf dem Hang lag, konnte nichts Gutes bedeuten. Oder vielleicht waren seit dem Sprung nur einige Augenblicke vergangen, wenngleich sie Jakob erschienen wie mehrere Stunden.
“Steh auf!”, trieb er Samuel an.
Sein Mund war so ausgedörrt, als befände er sich in der Wüste. Jakob schluckte. Einmal. Noch einmal. Dann befand er sich schon im Aufwärmraum und starrte auf den Bildschirm eines Fernsehapparats.
“Das sieht nicht gut aus”, erklärte der Kommentator gerade.
Jakobs Magen krampfte sich zusammen. Da! Eine Wiederholung des Sprungs, die Jakob beinahe selbst den Boden unter den Füßen wegriss. Schon in der Luft, löste sich der Skier von Samuels rechtem Fuß. Der Freund reagierte instinktiv, ruderte mit den Armen und versuchte, seine Luftfahrt wieder zu stabilisieren. Aber das alles vollzog sich zu schnell. Und Samuel hatte nicht den Hauch einer Chance, die Situation noch zu retten. Stattdessen überschlug er sich.
“Oh Gott!”, keuchte Jakob.
Am liebsten hätte er weggesehen. Aber er tat es nicht, sondern schaute zu, wie Samuel hart auf den Rücken knallte und ...
... und jetzt blieb er noch immer so liegen. Regungslos. Und ohne Besinnung.
Verschwommen nahm Jakob wahr, dass Sanitäter zu Samuel eilten. Sie wollten ihm helfen. Aber auch sie konnten nicht viel mehr tun, als ihn auf eine Trage zu heben. Eine Kamera wurde auf das Gesicht des Verletzten gerichtet. Seine Augen standen offen, aber an der Schanze wussten alle, dass er nichts sah. Nichts empfand.
Jakob begann unkontrolliert zu zittern.
“Da können wir nur hoffen, dass es ihm bald wieder besser geht”, sprach der Kommentator aus, was ihnen sicherlich allen durch den Kopf ging.
Jakob nickte bekräftigend. Dann wandte er sich vom Bildschirm ab. Wie gefährlich diese Sportart war, das brauchte man einem Leistungsträger nicht zu erklären.
“Wird schon schief gehen”, hatte Samuel gesagt.
Und es war schief gegangen. Samuel hatte konsequent auf eine Karte gesetzt, nur um am Ende alles zu verlieren.
Benommen schüttelte Jakob den Kopf. Er wusste, was er jetzt zu tun hatte. Dass er wieder nach draußen gehen und dort dann abwarten musste, bis die Ampel auf Gelb umschaltete. Dass er sich auf den Balken setzen und ein letztes Mal die Bindung kontrollieren sollte. Dann hatte er zu verharren, ehe das Signal grün wurde und Bundestrainer Adler ihm das Freizeichen gab ... Sobald er unten angekommen war, würden die Zuschauer ihn feiern. Sogar sein Vater war extra nach Bischofshofen gereist, um ihm die Daumen zu drücken. Toni, Jakobs Freundin, begleitete ihn bereits seit Oberstdorf von Springen zu springen. Gleiches galt für den Jakob-Spengler-Fanclub. Die Mitglieder würden ihn bejubeln, die Journalisten ihre Fragen stellen. Aber er würde so überwältigt sein, dass er sie nicht beantworten konnte. Sprachlos beinahe ...
Und Samuel?
Übelkeit stieg in Jakob auf. Dass er die Tournee für sich entscheiden würde, stand außer Frage. Aber wie konnte er triumphieren? Sicher, er wäre ein verdienter Sieger. Aber kein strahlender. Nicht unter diesen Umständen.
Von Jakob unbemerkt, hatte sich das Publikum inzwischen aus seiner Erstarrung gelöst.
“Samuel Nittke! Samuel Nittke!”
Wie lange sie den großen Namen wohl schon riefen? Jakob atmete tief ein. Da kam ein Impuls, dem er folgen musste, wenn er nicht wollte, dass Samuel ... Ruckartig stieß Jakob den Atem wieder aus. Und dann war der Entschluss gefällt. Nicht er, Jakob Spengler, würde die Tournee für sich entscheiden, sondern Samuel. Denn sein einziger Kontrahent würde nicht noch einmal an den Ablauf gehen und springen.

(c) Daniela Preiß (Danny P.) / Erlangen


zurück zur Seite Daniela Preiß (Danny P.)
zurück zur Seite Vita und Werke
zurück zur Startseite

Prolog Skisprung-Krimi

BLAutor - Arbeitskreis blinder und sehbehinderter Autoren - www.blautor.de