Orangensaft und Apfeltee


Daniela Preiß


Viele der anderen Fahrgäste waren bereits in den Zug eingestiegen, als sie sich zum letzten Mal in die Arme nahmen. Sie wusste nicht, was sie jetzt noch sagen sollte. Die Situation machte sie sprachlos. Und auch ihm fiel nichts mehr ein. Er drückte sie nur fest an sich und lächelte leise, bis sie sich widerstrebend aus der Umarmung löste. “Ich muss gehen. Der Zug fährt gleich ab.”
Aber sie ließ seine Hand noch nicht los. Solange sie konnte, hielt sie sie fest. Dann wandte sie sich ruckartig ab. Natürlich wusste sie, dass er noch da war. Aber sie drehte sich nicht mehr zu ihm um. Es war ein Abschied für immer; das wussten sie beide. Denn genau das hatte sie vor weniger als einer Stunde von ihm verlangt. “Versprichst du mir, dass wir uns nie mehr wiedersehen?”, hatte sie gefragt. Nachdem er ihr das versichert hatte, nahmen sie sich in die Arme. Ihre Hand strich über seinen Rücken. Jetzt hatten sie nichts mehr zu verlieren. Sie konnten noch einmal vergessen, was auf sie beide wartete und wofür sie sich entschieden hatte.
Sie wollte kämpfen. Und genau das würde sie auch tun. Aber wofür? Was verband sie schon mit Viktor? In einem Monat würde er nach England fliegen und dort für neun Monate bleiben. Und das war nur das kleinste Problem. Sie hatte immer geglaubt, dass er sie liebte. Aber was empfand Viktor tatsächlich für sie? Wenn sie ihn danach fragte, antwortete er, dass er es nicht sicher wisse. All die lieben Dinge, die er zu ihr sagte und die süße Art, mit der er sie behandelte, sprachen eindeutig dafür, dass Viktor ihre tiefen Gefühle erwiderte. Dennoch war er verunsichert. Er hatte sich nie zuvor in eine Frau verliebt. Und er hatte wie sie keine Ahnung, wie es zwischen ihnen weitergehen konnte. Denn seine Familie würde ein Mädchen wie sie im Leben nicht an seiner Seite akzeptieren.
Und das war noch nicht einmal alles. Das war nur so viel, wie sie Tobi erzählt hatte. Eine Menge mehr als sie normalerweise den Leuten anvertraute, die sie kaum 24 Stunden lang kannte. Mit Tobi war es eben etwas anderes.
“Ich bin eigentlich nicht nach Augsburg gekommen, um mich zu verlieben.” Sie hörte seine Worte noch immer, nachdem sich die Tür hinter ihr geschlossen und der Zug Fahrt aufgenommen hatte. Es dauerte lange, bis sie einen freien Platz fand, doch das war ihr gleichgültig. Mit Tränen in den Augen setzte sie sich schließlich hin und starrte ins Leere. “Ich bin eigentlich nicht nach Augsburg gekommen, um mich zu verlieben.” Hieß das nicht, dass dann genau das aber doch geschehen war? Hatte er sich ernsthaft in sie verliebt? Tobi war Single. Er hatte nichts zu verlieren, sodass er mit allen Mitteln um sie kämpfen konnte. Sie hingegen kämpfte gegen ihn; gegen ihn und auch gegen sich selbst. In ihrer Brust schlugen plötzlich zwei Herzen: Neben dem großen für Viktor auch ein kleines für Tobi. Und je mehr Zeit sie mit Tobi verbracht hatte, desto größer war das kleine Herz geworden. Es fraß das große mehr und mehr auf. Sie wehrte sich dagegen, aber manchmal fragte sie sich warum. Wieso ließ sie nicht einfach zu, was sich da zwischen Tobi und ihr entwickelte?
Weil sie es nicht konnte. Diese Antwort war sehr einfach und zugleich unendlich kompliziert. Wenn sie Tobi ein Jahr früher kennen gelernt hätte, wäre es vielleicht etwas anderes gewesen. Aber die Zeit fragte nun einmal nicht danach, was der Einzelne wann brauchte.
Sie lehnte sich in ihrem Sitz zurück und versuchte an etwas anderes zu denken. Es hatte doch keinen Sinn, wenn sie jetzt über Tobi nachdachte. Darüber, was sie sich möglicherweise selbst genommen hatte. Das Leben ging weiter. Sie musste nach vorne schauen.
Aber das konnte sie nicht; jetzt noch nicht. Ihre Gedanken sprangen einen Tag zurück. Sie war nach Augsburg gefahren, um ihren besten Freund Carsten zu besuchen. Tobi, den mit diesem ebenfalls eine Freundschaft verband, war auch da. Und was ihr sofort an ihm gefiel, war nicht sein Aussehen, sondern die schlichte Tatsache, dass er ein so fröhlicher Typ war. Er lachte viel und im Laufe des Tages zeigte sich, dass sie oftmals beide über die gleichen Sachen lachen konnten. Sie lachten, bis ihnen deswegen Tränen in den Augen standen. Worüber sie lachten, wussten sie häufig selbst nicht. Aber sie lachten immer im gleichen Moment los und dann konnten sie nicht mehr damit aufhören. So etwas hatte sie noch nie erlebt. Sie spürte deutlich, dass Tobi und sie sich auf einer Wellenlänge befanden.
Hinzu kam, dass sie meistens der gleichen Meinung waren, zum Beispiel was den Musikgeschmack betraf, aber auch bei zahlreichen anderen, unbedeutenden Dingen. Sie stellte ihm ein paar Fragen, um herauszufinden, was er mochte. “Welcher ist dein Lieblingssaft?”, wollte sie wissen.
“Orangensaft.”
“Meiner auch.”
Dann lachten sie wieder. Es war so unglaublich. Was sie da entdeckte, konnte doch eigentlich gar nicht wahr sein. Bald machten sie schon Witze darüber, wenn sie einmal nicht derselben Meinung waren. “Mir gefällt dieser Titel ja nicht. Aber Halt, ich darf dir doch nicht widersprechen. Okay, ich will ihn auch hören.”
Sie verstanden sich also gut und zunächst war es auch nur das. Sie war völlig aufgedreht, was sie dazu verleitete nach dem Abendessen mit ihm zu tanzen. Das war der Anfang vom Ende; er sah es genauso. Sie versuchte ihm den Walzer beizubringen. Dabei kamen sie sich zwangsläufig näher und sie musste erkennen, dass es ihr gefiel, wie er sie festhielt. Wieder lachten sie viel. Er schaffte es nicht, den Walzer richtig zu tanzen. Aber das war ja auch kein Wunder, wenn sie ihm einen falschen Grundschritt zeigte; einen mit acht, anstatt mit sechs Schritten.
Es wurde spät an diesem Abend. Sie saßen zu dritt auf dem Sofa, hörten Musik und quatschten; vor allem aber lachten sie, bis ihnen die Tränen kamen. Tobi rutschte immer wieder ein Stück näher an sie heran. Und sie rutschte immer wieder ein Stück weiter von ihm weg. Sie saß in der Mitte. Und schließlich wunderte sich Carsten darüber, dass er nur noch so wenig Platz auf dem Sofa hatte.
Sie kämpfte gegen etwas an, das andauernd stärker wurde. Es war schwierig, die Kontrolle nicht zu verlieren. Und schließlich verlor sie sie, auch weil Tobi nicht aufgab. Immer wieder nahm er ihre Hand. Manchmal ließ sie es zu, manchmal entzog sie sie ihm auch wieder. Letztlich aber hielten sie sich die meiste Zeit an den Händen. Denn sie war zu schwach, um die Gefühle zu besiegen, die sie selbst nicht verstand. Um sich dagegen zu wehren, betonte sie immer wieder, dass sie “nur halb Single” war. Was Tobi jedoch nicht davon abhielt, seine Chance zu nutzen. Er verstand ja nicht so richtig, was sie mit “halb Single” meinte; konnte es natürlich nicht verstehen. Und als ihr das bewusst wurde, war es längst zu spät, um noch umzukehren. Es war also ihr eigener Fehler: Sie wählte diesen Ausdruck, der ihr beinahe das Genick brach.
Lange Zeit konnten sie sich nicht dazu durchringen, schlafen zu gehen. Sie waren müde. Gleichzeitig fühlte sich aber auch keiner von ihnen dazu in der Lage, den anderen loszulassen. “Noch ein Lied”, forderten sie Carsten auf. Und wenn es abgelaufen war, sagten sie wieder einstimmig: “Noch eines.”
Nicht nur einmal verfluchte sie das Bedürfnis, Tobi nahe zu sein und die Gewissheit, dass sie diesem zu unterliegen drohte. In ihrem inneren nagte das schlechte Gewissen. Sie schämte sich wegen Viktor, aber die Stimme, die sie an ihn erinnerte, war nicht laut genug. Sie begann an sich selbst zu zweifeln. Einen klaren Kopf konnte sie inzwischen nicht mehr behalten. Sie begriff aber noch, dass sie auf dem besten Weg war eine große Dummheit zu begehen. War es wirklich so wenig, das sie mit Viktor verband? Kaum lernte sie einen anderen Mann kennen, fing ihr Herz an für diesen zu schlagen. Aber sie liebte Viktor doch! Wie konnte es dann sein, dass sie nun hier saß und mit Tobi flirtete?
Ihr Widerstand brach endgültig, als er sie in die Arme nahm. Sie kannten sich noch nicht einmal zwölf Stunden, aber es schien ihr, als wären sie sich bereits vor einer Ewigkeit zum ersten Mal begegnet. Es war alles so einfach. Sie brauchte die Umarmung nur zu erwidern. Und das tat sie dann auch. Sie hielten sich nur kurz fest, aber lange genug, um zu spüren, dass da mehr war zwischen ihnen.
Da Tobi sie wieder losließ, flüsterte er: “Entschuldigung.”
“Macht nichts”, flüsterte sie zurück.
Dann umarmten sie sich noch ein zweites Mal. Er war einige Zentimeter größer als sie, sodass sie ihren Kopf angenehm an seine Schulter lehnen konnte. Wieder musste sie an Viktor denken, der ein bisschen kleiner als sie war. Eigentlich gefiel es ihr besser, wenn der Mann der Größere war …
Sie lösten sich voneinander. Hinter ihrer Stirn drehte sich alles. Von irgendwo hörte sie die Warnung, damit aufzuhören. Andererseits wünschte sie sich Tobi zu küssen. Sie wollte ihn berühren; wollte ihn spüren. Aber es gab eine Grenze, die sie niemals überschritt. Und diese Grenze war jetzt erreicht. Sie würde Tobi nicht küssen, ohne zuvor mit Viktor darüber gesprochen zu haben, dass sie das gerne tun würde.
Gegen ihren Willen stellte sie sich vor, wie es wäre, die Nacht mit Tobi auf dem Sofa zu verbringen. Die Rechnung war leicht: Sie waren zu dritt, aber ihnen standen nur zwei verschiedene Schlafplätze zur Verfügung. Entweder übernachtete sie mit Carsten in dessen großem, weichen Bett oder mit Tobi im Wohnzimmer. Die dritte Möglichkeit war die, dass sie alleine schlief. Aber sie wollte jetzt nicht alleine sein. Sie wünschte sich von ganzem Herzen bei Tobi zu bleiben. Was dann passieren würde, dafür konnte sie allerdings nicht garantieren. Sie war für so vieles offen, dass es sie erschreckte und verstörte. Tobi zog sie magisch an. Das war ja das Schlimme. Und sie wusste nicht einmal, was es war, das sie so zu ihm hinzog. Sie begriff nur, dass sie in seiner Nähe sein musste, um glücklich zu sein. Was zählte, war allein der Augenblick. Nicht die Vergangenheit, die etwas zwischen Viktor und ihr hatte wachsen lassen, das ihr vorkam wie ein Wunder. Nicht die Zukunft, die sie doch eigentlich mit Viktor verbringen wollte. Es gab nur noch das Hier und Jetzt; nur noch Tobi und sie.
Schließlich siegte die Vernunft; wenn auch nicht ihre, sondern seine. Tobi sprach mit Carsten ab, dass sich dieser mit ihr das Bett teilen sollte, von dem sie so schwärmte, während Tobi auf der Couch schlafen würde. Als er ihr das sagte, empfand sie Erleichterung, zugleich aber auch Bedauern darüber. Und doch taten sie das einzig Richtige. Es ist gut so, dachte sie und wünschte Tobi eine angenehme Nacht.
Carsten unterhielt sich noch eine Weile mit ihr, bevor er einschlief. Sie konnte keine Ruhe finden. In ihrem Kopf dröhnte es wie auf einer Baustelle. Das Schicksal hatte da ein Feuer entfacht, welches sie nicht löschen konnten. Sie konnten nur Öl ins Feuer gießen. Und genau das würde Tobi versuchen, davon war sie überzeugt. Aber konnte sie das? Durfte sie ihm folgen?
“Hör auf dein Herz”, hatte Carsten ihr geraten. Aber ihr Herz war verzweifelt. Hin und her gerissen zwischen Viktor und Tobi schlingerte es wie ein Auto auf Eis.
Sie bemühte sich ihre Gedanken zu ordnen, doch es gelang ihr nicht. Und das Schlimmste war, dass sie sich selbst nicht mehr verstand.
Sie schlief nur wenig in dieser Nacht und noch dazu sehr schlecht. Am nächsten Morgen beim Aufstehen fühlte sie sich gerädert. Noch immer hämmerten die Bauarbeiter in ihrem Schädel, in dem zugleich die Gedanken Karusell fuhren. Warum zögerte sie, wenn Tobi kam? Warum zweifelte sie auf einmal daran, dass ihre Beziehung mit Viktor so stark war, dass sie jedem Hurrican trotzen konnte?
“Wenn er sich wenigstens sicher wäre, dass er mich liebt”, sagte sie zu Carsten. Es war ein furchtbarer Alptraum, der an diesem Wochenende Wirklichkeit wurde. Denn die Chancen standen 50:50. Vielleicht verlor sie Viktor sowieso. Vielleicht. Vielleicht verlor sie aber auch Tobi, wenn sie beide feststellten, dass sie nicht zusammen passten. Sollte sie wirklich einen Schlussstrich unter all das ziehen, was Viktor und sie sich aufgebaut hatten, nur um später feststellen zu müssen, dass es mit Tobi und ihr auch nicht gut gehen konnte? Aber vielleicht ging es ja doch gut. Und vielleicht waren sie und Viktor doch stärker als jeder Hurrican.
Sie ging ins Bad, wo sie sich das Gesicht wusch und die Zähne putzte. Dann lief sie zu Tobi hinüber. Er lag noch unter der Decke.
“Guten Morgen.”
Er erwiderte den Gruß. “Hast du gut geschlafen?”
“Nein. Du?”
Sie redeten eine Weile über unverfängliches Zeug, lachten aber nicht. Dann tauchte auch Carsten im Wohnzimmer auf. Zu dritt bereiteten sie das Frühstück vor.
“Welchen Tee trinkst du am liebsten?”, fragte sie Tobi.
“Pfefferminztee.”
“Oh. Mir schmeckt Apfeltee besser.”
“Das kann doch nicht sein”, meinte Carsten und lachte, “dass ihr euch nicht einig seid.”
Das Frühstück verlief in angenehmer Atmosphäre. Es war beinahe so, als hätte sie Tobi am Abend zu vor nicht umarmt. Die drei Freunde unterhielten sich heiter. Sie waren nichts als Freunde. Aber wahrscheinlich lag das daran, dass sie erst einmal richtig wach werden mussten.
Als Tobi nach dem Duschen zu Carsten und ihr zurückkam, fiel ihr sofort auf, wie wunderbar verführerisch er duftete. Da konnte sie nicht anders als ihn wieder in den Arm zu nehmen. Und alles begann von Neuem. Manchmal, wenn er ihr zu nahe kam, rutschte sie von ihm weg. Und im nächsten Moment war sie selbst es, die nach seiner Hand griff. Sie lachten wieder miteinander. Und solange Carsten im Bad war, flirteten sie auch. Es knisterte wie in einer Stromleitung, als sie sich in den Armen hielten. Keiner von ihnen war bereit, den anderen wieder loszulassen. Sie schämte sich allerdings auch erneut wegen Viktor.
“Aber du willst es doch auch!”
Tobi hatte Recht. Sie konnte sich nicht dagegen wehren. Dennoch versuchte sie es. Und schließlich traf sie eine Entscheidung; im Stillen für sich, während sie weiterhin Tobis Hand suchte und fand. Wenn sie sich nicht umarmten, streichelten seine Finger ihre Hand. Hör auf, verlangte sie. Und sie machte weiter, bis ihr nicht mehr viel Zeit blieb, ehe sie zurück nach Hause fahren musste. Da erzählte sie Tobi von Viktor. “Zwischen uns beiden ist vieles so unsicher. Deswegen habe ich das hier mit dir angefangen. Aber ich will nicht, dass es weiter geht.”
“Warum denn nicht?”
“Weil ich Viktor liebe und er mich auch.” Sie starrte auf einen Punkt hinter Tobi an der Wand, als sie ihm das erklärte. Es war keine Lüge. Im Gegenteil, sie war davon überzeugt. Doch wie dachte Viktor darüber?
“Bitte”, hauchte Tobi.
Daraufhin umarmten sie sich zum letzten Mal. Es tat fast körperlich weh. In ein paar Minuten würde sie zum Bahnhof und von dort zurück nach Hause fahren. Es ist gut so, sagte sie sich. Wäre sie auch nur einen Tag länger geblieben, dann hätte sie wahrscheinlich alles verspielt, was Viktor ihr noch vor wenigen Stunden bedeutet hatte. Also musste sie gehen; ohne Tobi.
In seiner Umarmung lag all die Sehnsucht, die er nach ihr hatte. Sie hingegen war so verzweifelt wegen Tobi und Viktor, dass sie sich einfach irgendwo festklammern musste. Sie brauchte den Halt, den Tobi ihr nicht geben konnte und doch suchte sie ihn in ihrer Aussichtslosigkeit bei ihm.
Es war eine harte, beinahe grobe Umarmung und keiner wollte sie wieder lösen. Denn jeder befürchtete, dass es die letzte sein würde.
“Versprichst du mir, dass wir uns nie mehr wiedersehen?”
“Das kann ich nicht.”
“Versprichst du es?”, drängte sie. Nach einer Weile sagte er heiser: “Ja.”
Sie blickte ihm fest in die Augen, die voll waren von Wärme und Zuneigung. Ihr Herz zog sich krampfhaft zusammen. Sie hatten kaum Zeit gehabt sich kennen zu lernen, da nahm sie ihnen auch schon jede weitere Möglichkeit dazu.
“Ich hab dich lieb”, flüsterte Tobi. Sie schloss die Augen. Sie wünschte sich so sehr, dass die Zeit still stand. Ihr Herz raste. Und plötzlich spürte sie Tobis Lippen auf den ihren. Sanft zuerst, unsicher. Aber sie waren weich wie Samt und unendlich verheißungsvoll. In ihrem Inneren explodierte etwas und verströmte wohltuende Hitze in ihrem Körper. Obwohl sie gleichzeitig fast daran erstickte, konnte sie nicht anders als den Kuss zu erwidern. Viktor, dachte sie. Aber der Mann, den sie nun küsste, war nicht Viktor, sondern Tobi. Und sie fühlte sich dabei, als würde sie schweben.
Der Kuss wurde immer leidenschaftlicher. Sie hatte Tränen in den Augen, als sie sich völlig seiner Liebe überließ. Tobi zog sie eng an sich. Sein Atem ging schwer. Er wollte ihre Brüste berühren, aber sie wehrte ab. Es war wie in einem Rausch, doch jetzt kam sie allmählich wieder zu sich.
“Na ihr zwei?”
Als hätten sie etwas Verbotenes getan, ließen sie ruckartig voneinander ab. Carsten stand in der Tür und lächelte wissend. “Geht es euch gut?”
“Sehr”, meinte Tobi. Aber er lachte nicht mehr. Und sie spürte, wie ein Stück von ihrem Herzen abbrach.
Wieso sie dann auch noch zuließ, dass Tobi sie zum Bahnhof begleitete, war ihr selbst nicht ganz klar. Sie hatte sich doch für Viktor und gegen Tobi entschieden. Trotzdem war sie es, die immer wieder seine Hand in die ihre nahm, während sie im Bus und wenig später in der Straßenbahn saßen.
Endlich hatten sie das Gleis erreicht.
“Ich weiß nicht, was ich noch sagen soll”, begann sie.
“Ich auch nicht. Lass mich über Carsten wissen, ob es dir gut geht.”
“Du auch.” Sie senkte den Blick, weil sie es nicht länger ertragen konnte Tobi ins Gesicht zu sehen. Ein Teil von ihr hoffte, dass der Zug bald kam. Dann konnte sie einsteigen und alles war vorbei. Doch genau das war es auch, was sie andererseits nicht wollte.
Sie hatte Abschiede noch nie gemocht und dieser war besonders schwer. Minuten lang standen sie einfach nur da und sagten kein Wort. Sie schauten sich nicht an, aber sie hielten sich an den Händen und nahmen nicht mehr wahr, was um sie herum geschah.
Als der Zug einfuhr, suchte Tobi ein letztes Mal ihren Blick. “Pass auf dich auf.”
Sie holte tief Luft. Dann erklärte sie stockend: “Es tut mir Leid. Ich wollte dir nicht weh tun.”
“Das hast du nicht”, behauptete er. Sie wusste es besser, schwieg aber.
“Es ist das Beste so”, meinte er mit gesenkter Stimme. Sie rang sich ein Lächeln ab. “Such dir ein nettes Mädchen. Ich will, dass du glücklich wirst.”
Während die Menschenmasse in den Zug strömte und die Abteile füllte, zog Tobi sie noch ein letztes Mal an sich.
“Ich muss gehen. Der Zug fährt gleich ab.”
Aber sie ließ seine Hand noch nicht los. Solange sie konnte, hielt sie sie fest. Dann wandte sie sich ruckartig ab. Natürlich wusste sie, dass er noch da war. Aber sie drehte sich nicht mehr zu ihm um. Es war ein Abschied für immer; das wussten sie beide. Und tief in ihrem Inneren war sie erleichtert darüber.

(c) Daniela Preiß / Wunsiedel


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