Grau in Blau


Dr. Daniela Preiß - 29.10.2019


5:30 Uhr, als der Wecker schrillte. Wie gewöhnlich viel zu früh, denn draußen regierten noch Kälte und Dunkelheit. Mirko überlief ein Frösteln und verärgert heulte er auf. So viel hätte er dafür gegeben, sich noch einmal umdrehen zu dürfen. Noch einmal den Kopf in seinem Daunenkissen zu vergraben, während die Bettdecke sich an ihn schmiegte; fast in echter Zärtlichkeit, wie der Körper einer Frau.
So sehr wünschte sich Mirko die Berührung, dass es beinahe weh tat, aber natürlich wusste er, dass ihm eine solche Wahl nicht blieb. Der Weg war anders vorgezeichnet und Mirko taumelte, noch immer schlaftrunken, ins Bad. Dort schnell aufs Klo und die Zähne putzen, wobei sein Blick in den Spiegel über dem Waschbecken fiel.
Jener Mann, den er da auf der Glasscheibe sah, kam ihm alles andere als glücklich vor. Dicke Ringe umrandeten seine Augen, die vor Müdigkeit dem Tag ganz schmal entgegenblinzelten. Und sein Gesicht sah doch irgendwie grau aus, als wäre jemand erkrankt.
Schon knäulte sich das Bedauern in Mirkos Brust zusammen. Doch anstatt sich näher mit dem Gegenüber zu befassen, schaute er weg. Seine Schultern fielen verräterisch herab, doch Mirko stieg in die Duschkabine und brauste sich mit kaltem Wasser ab.
Weil das nicht genügte, um den geist aus seinem schlummer zu lösen, machte er sich hinterher eine Tasse Kaffee. Nicht aufgebrüht im Filter, das hätte zu lange gedauert. Also warf Mirko einen Automaten an, drückte einen Knopf und prompt bekam er das Gebräu.
Aber sein frühstück musste warten, später würden es die Vitamine regeln. Dafür schleuderte er einen Apfel in den braunen Business-Koffer, überlegte kurz und wählte dazu noch eine Banane. Außerdem belegte Mirko ein Körnerbrot mit Schnittkäse.
Sieben nach sechs und er schloss seine Wohnungstür ab. Um ihn herum, in dem Mehrfamilienhaus, durften die meisten noch träumen, aber Mirko war schon aufgewacht. Mirko musste weiter.
Trotzdem nahm er sich ein paar Sekunden zeit, um frische Luft zu atmen. Sofort fühlte sich mirko besser, denn der Sauerstoff löste, was in seinem Kopf verklebt gewesen war.
‚Jawohl, du bist bereit!‘, feuerte Mirko sich in Gedanken an.
Bereit für den nächsten Tag, der ablaufen würde wie alle anderen. Deshalb setzte er sich hinter das Steuer und lenkte seinen Wagen vorwärts. Im Radio hörte er den letzten Rest der Nachrichten, gefolgt vom Wetterbericht. Ja, wohlig warm sollte es werden. Blauen Himmel stellten die Propheten vor, blauen Himmel und Sonnenschein. Sie mussten es wissen. Doch was nützte das Mirko?
Kaum hatte er seine Firma erreicht, umschloss ihn die vertraute Atmosphäre. Überall summte und brummte es, während die fleißigen Arbeiter ihr Bestes gaben und er, in seiner Position, fügte sich nahtlos ein.
“Mirko, könntest du mal …? - Würdest du kurz …?”
Ständig brauchten sie ihn, die Kollegen und die Sekretärin. Dauernd klingelte das Telefon oder eine E-Mail kam herein, die Mirko dringend beantworten musste.
Allmählich entglitt ihm der Gedanke an das wundervolle Wetter. Zwar stopfte Mirko, Als ihn der Hunger überholte, den mitgebrachten Apfel in sich hinein, aber er stand nicht von seinem Schreibtischstuhl auf. Ging nicht weg, um eine Zigarette zu rauchen, wie sich das einige erlaubten. Als hätten sie das Gesetz auf ihrer Seite.
Mirko schnaubte und begnügte sich mit einem großen Schluck Kaffee. Ohne Zucker, ohne Milch. In seinem Schädel pochte es, als er sich mit einer Hand übers Gesicht fuhr, um die Müdigkeit fortzuwischen. Aber sie wollte nicht weichen und übel gelaunt versuchte Mirko, sich erneut auf die Arbeit zu konzentrieren.
Davon war eine solche Menge aufgelaufen, dass es bis zur Mittagspause keine Unterbrechung mehr gab. Trotzdem schien der Aktenberg noch höher zu wachsen und drohte mit aller Kraft, er könnte Mirko überwältigen.
Mittlerweile hatten einige Kollegen abgesprochen, gemeinsam in die Kantine zu gehen, wo ein warmes Gericht ihrem Gaumen schmeicheln würde. Er dagegen blieb in seiner Kammer, obwohl der Kopf erbarmungslos dröhnte. Auch Mirkos Rücken schmerzte, so brutal hatten sich die Muskeln verspannt.
Bis die Buchstaben vor seinen Augen verschwammen, quälte er sich weiter. Sie führten einen merkwürdigen Tanz auf, den Mirko nicht begreifen konnte. Doch erhob er sich, schüttelte die Beine durch und ließ die Arme kreisen. Zwischendrin machte er das Fenster auf.
Richtig, die Sonnenstrahlen. Nicht nur der Mief verzog sich aus seinem Büro, sondern ein glühender Ball lachte Mirko sogar ins Gesicht. Kitzelte ihn an der Nasenspitze, wozu Goldammern und Feldlerchen sangen. Tulpen und Narzissen blühten, orange, lila oder blau, während sie ihre Frühlingsdüfte verströmten.
Auf einmal zog es ihn mit solcher Macht in die Freiheit, dass er nichts dagegen unternehmen konnte. Mirko fühlte sich nur noch von einem unsagbaren Glücksgefühl durchflutet, dabei wurde ihm warm und gleichzeitig ganz leicht im Bauch. Ungefähr so, als könnte er sich bald zurück in sein Bett kuscheln, nur dass meistens, wenn er abgespannt nach Hause kam, schon die Dämmerung eingesetzt hatte. Dann schlief er bis zum Morgen wie ein Stein und wieder graute ihm ein neuer Tag. Aber warum “blaute” er ihm nicht? Gab es denn für Mirko keine andere Erfüllung als das Arbeitsleben? Im moment verstörte ihn selbst dieses Wort, Arbeitsleben …
Die Realität durchzuckte ihn wie ein Elektroschock. Danach, ohne zu zögern, schaltete er seinen Computer aus. Während das System herunterfuhr, riss er ein Blatt Papier von einem Block. Und als es stillstand, hatte er längst seine Jacke übergeworfen und zog nun die Bürotür hinter sich ins Schloss. Am Rahmen befestigte er das Blatt Papier, worauf in seiner schönsten Schrift zu lesen war: ‚Ich nehme mir heute Nachmittag frei.‘

(c) Dr. Daniela Preiß / Wunsiedel (Bayern)


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