In der Augenklinik


Christa Groth


Wir Patientinnen der Glaukomabteilung liegen mit ge­tropften Augen zum Druckmessen auf unseren Betten. Die Stationsärztin scheint sich heute Morgen etwas ver­spätet zu haben. Das Radio läuft, und wir unterhalten uns. Dann werden aber doch wohlbekannte Schritte auf dem Flur hörbar. Ich kenne sie mit ihren Stöckelschuhen schon immer am Gang, die von mir etwas gefürchtete Stations­ärztin Frau Dr. Wild. Ihren Namen trägt sie zu Recht, denke ich, denn da bei meinen gestörten Augen das Druckmessen nicht immer auf Anhieb gelingt, ist sie zuweilen schon etwas wild geworden. Ich habe bei ihr den Eindruck, dass sie nur ihr Können als Augenärztin sieht, und wenn dann etwas nicht läuft und man widerspricht ihr, scheint es ihr gegen die Ehre zu gehen.

Dreimal täglich muss der Augendruck gemessen werden, aber gerade der Morgendruck ist ausschlaggebend. Deshalb obliegt das Messen an Morgen meistens der Stations­ärztin. Am Vormittag gibt es dann für sie viel zu tun, und wenn OP-Tag ist, muss sie Ruhe bewahren und eine sichere Hand haben. Vielleicht erwartet sie deshalb, dass das Druckmessen am Schnürchen geht und es keinen Zeitverzug gibt. Da muss ich Verständnis haben, dass sie dann auch einmal ungeduldig ist. Die Tür öffnet sich. "Guten Morgen, meine Damen - Den Daumen in die Luft". Unter ihrem Arztkittel schaut ein hübscher grasgrüner Pullover hervor. Ihr Gesicht sehe ich, kann es aber nicht beschreiben. Auch an ihre Haarfarbe und Frisur erinnere ich mich nicht mehr und habe es vielleicht gar nicht richtig wahrgenommen, aber sie hat eine wohlklingende weibliche Stimme und eine gute Aussprache.

Der Augendruck wird nun bei allen Patientinnen nacheinander gemessen und der fiert notiert. Eigent­lich bin ich als zweite Patientin an der Reihe, aber da es bei mir so schwierig ist, komme ich immer erst als letzte dran.

"Guten Morgen, Frau Groth, wie geht es Ihnen? Ich hoffe gut: Und wirklich: heute Morgen klappt es auf Anhieb. Der Augendruck ist schön niedrig, und ich bin diesmal wie erlöst.

"Auf Wiedersehen, meine Damen" Frau Dr. Wild verlässt mit der Schwester den Raum. Wir können endlich zum Frühstück gehen.

(c) Christa Groth / Finsterwalde


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