Reise in die Vergangenheit


Brigitte Kemptner


Eisiger Wind bläst mir entgegen, als ich aus dem Zug steige. Ich ziehe die Kapuze meiner dicken Jacke übers Haar und warte, bis die Bahn sich wieder in Bewegung setzt und die kleine Station verlässt. Weit und breit keine Menschenseele zu erblicken. Ich schaue mich um. Das alte Bahnhofsgebäude steht immer noch da, wie vor drei Jahrzehnten, als ich von hier fortging, nur die dunkelbraune Farbe der Fassade zeigt Spuren des Zerfalls und blättert überall ab. In einigen Fenstern fehlen die Scheiben. Schon damals war der Betrieb des einzigen Fahrkartenschalters eingestellt worden und nur der kleine Wartesaal bot Schutz vor Kälte und Regen.
Alles ist mir noch so vertraut, trotz der vergangenen Zeit. Langsam setzen sich meine Füße in Gang und ich stapfe durch den Schnee Richtung Dorf.

Es war vor zwei Wochen gewesen, als ich plötzlich das unbändige Verlangen verspürte, meine alte Heimat wieder einmal zu besuchen und alte Bekanntschaften aufzufrischen. Bei dieser Gelegenheit konnte ich dann endlich den immer noch ausstehenden Besuch bei der Familie meiner kürzlich verstorbenen Freundin Helga nachholen. Ich habe es sehr bedauert, an ihrem Begräbnis nicht teilnehmen zu können, da ich kurz zuvor krank gewesen war.

Der knöchelhohe Schnee lässt mich nur langsam vorankommen und der Rucksack mit meinen Kleidern und anderen Utensilien zum Übernachten wiegt beträchtlich. Zwanzig Minuten später habe ich den einzigen Gasthof meines alten Heimatortes erreicht, in dem ich für ein paar Tage wohne. Die Wirtsleute sind mir fremd und mein Name sagt ihnen nichts. Kein Wunder, denn ich hatte ja keinen Ortsansässigen geheiratet.
Ich mache mich etwas frisch und will anschließend einen Spaziergang machen. Den Besuch bei Helgas Mann und den Kindern, vor dem mir etwas bang ist, nehme ich mir für den nächsten Tag vor.

Einer inneren Eingebung folgend lenke ich meine Schritte zum Rande des Dorfes, zu dem alten Häuschen, in dem ich einst mit meiner berufstätigen Mutter und den Großeltern zur Miete lebte. Ob es noch existiert? Damals hieß es ja schon, dass die Gemeinde vorhatte, es bald abzureißen. Auf meinem Weg dorthin begegnen mir nur ein paar Kinder mit ihren Schlitten. Das Häuschen steht zu meiner großen Überraschung noch, aber in einem schlimmen Zustand und es wohnt niemand mehr drin.

Mir fallen die zwei Bäume ein: meine Bäume! Ich betrete das verlassene Anwesen und da, im hintersten Teil des Gartens, stehen sie in winterlicher Pracht, mit ineinander verschlungenen Ästen, wie früher. Ich trete näher. Gewachsen sind sie in all den Jahren. Im Frühjahr und im Sommer, manchmal sogar bis in den Oktober hinein, stand hier immer eine rote Gartenbank. Großvater las Helga und mir oft aus Büchern vor oder erzählte uns erfundene, tolle Geschichten und das dichte Laub der Bäume spendete kühlen Schatten. Auch an die Hängeschaukel kann ich mich gut erinnern und wenn ich die Augen schließe, höre ich im Geiste Opas raue Stimme: “Flieg nicht zu hoch, Engelchen!” Ich fühle einen Kloß im Hals und muss schlucken.

Mein Blick wandert hinauf zu den Baumkronen. “Die sind wie ein Liebespaar!” Wie oft hatte ich hier gestanden und dies zu meinem Großvater gesagt, mit dem mich eine innige Freundschaft verband.

Wie ein Liebespaar kommen sie mir auch heute noch vor und wenn man sie eines Tages fällen würde, dann nur gemeinsam. Bei diesem Gedanken wird mir wehmütig ums Herz. Es sind meine Bäume, denke ich erneut. Waren es schon immer gewesen, denn Oma mochte sie nicht, weil im Herbst überall die Blätter herumflogen. Dabei hatte Großvater die Bäume kurz nach seiner Hochzeit doch eigens für sie gepflanzt. Mit Einverständnis des Vermieters.

Obwohl meine Füße allmählich kalt werden, bleibe ich noch eine Weile bei den Bäumen. Fest verwurzelt stehen sie da, trotzen jeder Witterung. In einen ihrer Stämme hatte ich sogar mal ein Herz geritzt und die Anfangsbuchstaben meines Schulfreundes Martin und mir, damals waren wir zehn.
Die zwei Riesen waren im Laufe der Zeit zu meinen Beichtvätern geworden. Unter ihrem Blätterdach erzählte ich von meinem Kummer und meiner Freude, flossen viele Tränen, auch die um meine erste große Liebe. Doch es wurde auch gelacht und gesungen, wenn meine Freundinnen da waren.

Es fängt an zu schneien und das bringt mich wieder in die Gegenwart zurück. Ich denke an den Frühling, wenn die Bäume ihr neues Blätterkleid bekommen. Wenn Vögel ihre Nester bauen. Doch keine rote Bank wird mehr hier stehen, kein Opa wird seinen Enkeln hier Geschichten erzählen. Eine Krähe lässt sich auf einem kahlen Ast nieder und krächzt. Dieses letzte Bild nehme ich in mir auf und gehe lächelnd zurück zum Gasthof. Etwas Wehmut fühle ich schon durch diese Erinnerungen. Und trotzdem: Nun freue ich mich doch auf den morgigen Tag.

(c) Brigitte Kemptner / Brühl


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