In der Stille der Nacht


Brigitte Kemptner


Der Hof lag im Schein des Vollmondes friedlich da. Alles schien zu schlafen, Vater, Mutter, Oma Grete und die alte Lina, die das beste Essen weit und breit kochen konnte. Auch Jakob, der Mischlingshund schlummerte in seinem Körbchen und an ihn gekuschelt die schon recht alte Katze Susi.
Der kleine Junge warf einen letzten Blick auf die Beiden und ein Seufzer hob und senkte seine Brust. Er würde sie vermissen.
Dann sah er wieder hinaus auf den Hof, ging zu seinem Bett, bückte sich und kramte den Rucksack darunter hervor. Er hatte ihn schon am Mittag gepackt, als alle noch beschäftigt waren. Später versteckte er ihn, damit die Mutter nichts sah, wenn sie ihm eine gute Nacht wünschte. Vielleicht hätte sie ihn ja nicht einmal bemerkt, so wie sie ihn, Jonas, seit einiger Zeit nicht mehr recht wahrzunehmen schien. Und wer würde ihn schon vermissen, wenn er jetzt ginge? Ein paar Tränen kullerten ihm über die Wangen.

Mondlicht begleitete ihn auch noch, als er sich fort schlich. Er schaute nicht zurück, sonst würde er doch nur weinen müssen. Und vielleicht konnten die Erwachsenen vergessen, wenn ER nicht mehr da war, wenn sie IHN nicht ständig sehen mussten. Er hatte erst vor ein paar Tagen gelauscht, als Oma Grete Jessica erwähnt hatte, und Lina, die gerade wieder etwas Leckeres kochte, meinte, dass die Eltern ja täglich durch Jonas Anwesenheit an das schreckliche Unglück erinnert würden.

Jonas ging tapfer weiter und unterdrückte seine Angst, die ihn bei seinem nächtlichen Ausflug beschlich. Warum waren alle böse mit ihm? Er hatte das, was geschehen war, nicht gewollt. Er liebte sein Schwesterchen doch auch, zugegeben, ein wenig eifersüchtig, das war er schon. Aber warum hatte Mutti nicht selbst auf sie aufgepasst?
“Du bist unser großer Junge”, pflegte sie zu sagen “gib brav auf unser Engelchen Acht.” Bei diesen Worten streichelte sie ihm bloß über das weizenblonde Haar, dann beugte sie sich über Jessica, um sie zu küssen.

Er hatte immer gut aufgepasst bis auf den Sommertag vor ein paar Wochen. Ganz in der Nähe des Elternhauses war ein kleiner See, in dem er schon oft mit den Eltern gebadet hatte, auch Jessica war dabei gewesen, doch an diesem Tag - er musste wieder einmal aufpassen - ging er alleine mit ihr dort hin. Er hatte der Dreijährigen ganz ernsthaft erklärt, und die Rolle als Aufpasser auch sehr ernst genommen, dass sie nur am Rande ins Wasser gehen dürfe. Sie hatte den Rat des großen Bruders auch befolgt - nur kurz. Jonas wurde plötzlich durch laute Rufe abgelenkt. Es war Thomas, sein Freund, der auf ihn zueilte. Als sich beide umschauten in Richtung See erschrak Jonas fürchterlich, denn er sah plötzlich nur noch das blonde Lockenköpfchen seiner Schwester, wie es im Wasser verschwand.

Die nun folgende Zeit war schrecklich. Jonas kam sich wie ein Ausgestoßener vor. Ihm fehlte Jessica doch auch, die nun schwer krank in der Klinik lag und schlief, Koma - was immer das auch war - nannten sie es.
“Die Ärzte wissen nicht, ob sie jemals wieder aufwacht”, hatte die Mutter ihm gesagt und dabei geweint. Und alle behandelten ihn wie einen Bösewicht. Alles schien sich nur noch um die arme Jessica zu drehen. Mama war nun ständig traurig, weinte, wenn sie glaubte, dass niemand es sah. Oma Grete ging jetzt auch sehr oft mit ihr ins Krankenhaus. Jonas allerdings durfte niemals mit.

Er hörte noch genau Papas Worte in seinem Ohr:
“Warum hast du nicht aufgepasst, wie man es von dir verlangte?” Dabei war er doch erst Sieben und brauchte hin und wieder auch noch jemanden, der auf IHN aufpasste….

Sein Weg führte ihn vorbei an dem Ort des Geschehens und er blieb stehen. Das Licht des Mondes spiegelte sich im Wasser und Jonas starrte auf den Fleck, an dem Jessica fast ertrunken wäre. Für einen Moment glaubte er, einen hellen Lockenkopf zu sehen und lief so schnell er konnte weiter. Irgendwann machte er eine Pause und hockte sich bei einem dicken Apfelbaum auf den harten Boden, den Rücken gegen den Stamm gelehnt. Es war still um ihn herum, nur das Schreien einer Eule war ab und zu hören. So grübelte er vor sich hin und stand erst wieder auf, als es in der Ferne hell wurde. Langsam ging Jonas dem Sonnenaufgang entgegen. Er wollte einfach nur weit weg von zu Hause, wo er landete war ihm egal.
Er steckte die Hände in seine Jackentasche. Gott sei dank! Seine Geldbörse war noch da. Er atmete auf, denn in ihr steckte sein ganzes Vermögen, ganze 16,50 Euro. Jetzt hatte er Hunger, doch weit und breit war nichts zu sehen außer der Straße und Feldern.
Immer weiter trugen ihn seine mittlerweile müden Füße, bis er am Mittag erschöpft am Waldrand ankam. Dort sank er im Schatten eines Baumes auf den Boden und schlief ein.

“He, du, aufwachen!” Was war das? Jonas öffnete die Augen und sah drei Jungen vor sich stehen, die etwas seltsam angezogen waren. Einer gab ihm einen leichten Tritt gegen das Bein.
“Faulpelz, los, steh auf!” Wieder war es dieselbe Stimme. Als Jonas sich erhoben hatte, musste er mit ansehen, wie die Jungs im nächsten Moment den ganzen Inhalt seines Rucksacks auf den Boden kippten.
“Los, wir wollen wissen, was du in deinen Taschen hast.”

Sie waren größer, älter und stärker als er. Sie hatten ihm sein ganzes Geld und noch ein paar Kleidungsstücke genommen, gaben ihm, bevor sie gingen, einen Stoß, dass er hinfiel, lachten und verschwanden. Dicke Tränen kullerten über Jonas Wangen, als er den Rest seiner Habseligkeiten einräumte und sich wieder auf den Weg machte. Geraume Zeit später kam er zu einer Wiese, auf der sehr viele Wohnwagen standen. Von Oma Grete wusste er, dass Zigeuner so wohnten; allerdings immer nur für “kurz”, da sie ständig weiter zogen, weshalb sie auch “Fahrendes Volk” genannt wurden. Er ging näher, erblickte auch sogleich zwei von den Dieben, die ihm sein Geld gestohlen hatten.
Jonas ging zielstrebig zu einem älteren Mann, der in der Nähe stand.
“Die Kinder dort, sie haben mir mein Geld geklaut”, rief Jonas ihm zu.
“So, du beschuldigst einfach fremde Kinder, dich bestohlen zu haben, denkst, weil wir Zigeuner sind, sind wir auch Diebe”, antwortete der Mann.
“Aber…. Es ist wahr, ich lüge nicht.” Jonas gab nicht auf.
“Ich glaube eher, dass du hergekommen bist, um uns zu bestehlen, so dreckig, wie du aussiehst und jetzt verschwindest du besser, sonst mach ich dir Beine. Und sage niemals wieder, wir hätten gestohlen.”
Mit hängendem Kopf trottete Jonas davon im Glauben, hinter sich das höhnische Lachen der Zigeunerkinder zu hören.

Was sollte er nun machen? Erst als er weit weg von den Wohnwagen war, bemerkte er, dass er seinen Rucksack bei den Zigeunern vergessen hatte. Gegen Abend, als die Dunkelheit allmählich hereinbrach, wurde sein Hunger so groß, dass ihm der Magen wehtat. Da sah er in der Ferne die Umrisse eines Häuschens. Bei näherer Betrachtung entpuppte es sich allerdings eher als ein baufälliges Holzhaus.
Die Tür war nicht abgeschlossen und so trat Jonas ein. Zuerst mussten sich seine Augen an das Dunkel des Hausinneren gewöhnen, dann erblickte er einen Lichtstrahl, dem er folgte. Es war so eine Art Küche, in deren Mitte ein Holztisch mit zwei Stühlen stand. Auf dem Tisch stand eine Lampe, die mattes Licht spendete. Jonas blickte sich weiter um und sah einen Herd, auf dem ein Kochtopf stand. Dampf stieg daraus empor und ein nicht ganz unangenehmer Duft. Neben dem Ofen war ein Schrank, auf dem ein Teller mit Brot stand. Dem Jungen lief das Wasser im Munde zusammen, während seine Füße wie mechanisch weitergingen. Er durfte nichts stehlen, das hatte man ihn gelehrt. Er erinnerte sich, dass Lina ihm einmal sehr fest auf die Finger geschlagen hatte, als er sich letztes Jahr in der Küche mal ein Weihnachtsplätzchen nahm.

“Hast wohl Hunger, kleiner Junge.” Jonas fuhr herum und sah sich einem alten Mann gegenüber. Er fing an zu zittern und brachte keinen Ton heraus, hatte plötzlich nur den Wunsch, so schnell wie möglich das Weite zu suchen.
“Nun, hast du Hunger oder nicht?” Die Stimme war immer noch freundlich und Jonas nickte. Der alte Mann holte zwei tiefe Teller von einem Regal, ging zum Herd und füllte sie mit einer dicken Suppe, stellte diesen nebst einem Korb geschnittenem Brot auf den Tisch und legte einen Löffel dazu.
“Setz dich endlich, bevor es kalt wird.” Der alte Mann begann zu essen und Jonas ließ sich nun auch nieder. Er hätte nicht sagen können, was das für eine Suppe war, aber er verschlang sie mit Heißhunger, dazu zwei Scheiben Brot.
“Kann ich etwas Limonade haben?” fragte er zaghaft.
“Ei, schau an, der junge Herr kann also doch reden!” Der Mann lächelte und Jonas sah, dass er fast keine Zähne mehr hatte. Etwas später, nachdem er seine Limonade getrunken hatte und es draußen bereits dunkel geworden war, fielen Jonas fast die Augen zu. Als sein Kopf auf die Brust sank nahm ihn der alte Mann kurzerhand auf den Arm und trug ihn in den Raum nebenan, wo ein Bett stand und eine dicke Matratze auf dem Boden lag. Dort ließ er den Jungen ab und breitete eine Decke über ihm aus.

Die Sonne kitzelte an Jonas Nase als er erwachte. Zuerst dachte er, er läge in seinem weichen Bett, Zuhause, aber dann wurde ihm wieder bewusst, dass er fort gegangen war. Er stand auf und ging dem Duft von Rühreiern nach. In der Küche stand der alte Mann am Herd und schaute in die brutzelnde Pfanne.
“Ausgeschlafen, junger Herr?”, begrüßte er ihn. “Dort drüben sind Teller und Tassen, stell sie auf den Tisch, gleich gibt’s Frühstück!”
Jonas befolgte die Anweisungen und kurz darauf vertilgten sie Eier mit leckerem Butterbrot, nebst Kaffee und Milch.
Später fragte ihn der Mann nach seinem Namen, und warum er so mutterseelenallein unterwegs sei. Ob er denn keine Familie hätte, die sich sorgte.

“Jonas heiße ich”, sagte er. Er hatte längst Vertrauen zu dem Alten gefasst, der sich Fritz nannte. Und ihm erzählte er dann von den Geschehnissen und warum er von Zuhause fortgelaufen war.

Später saßen beide auf der Bank vor dem Häuschen. Jonas sah dem alten Fritz aufmerksam zu, und staunte, was der Mann aus einem Stück Holz zaubern konnte.
“Weißt du, was es ist?”, fragte der Alte.
“Oh ja, sieht aus wie ein Engelchen.”
“Gut erraten, mein Junge, es ist für dich, das heißt, für dein Schwesterchen, schenke es ihr, damit sie wieder gesund wird.” Er beendete seine Arbeit und gab das geschnitzte Engelchen dem Jungen.
“So, jetzt ist es aber höchste Zeit fürs Mittagessen, danach bringe ich dich zu deiner Familie zurück, und ich dulde keine Widerrede, einverstanden?”
Wie gerne wäre er ja jetzt wieder zu Hause, doch er hatte Angst, dass man ihn nun noch mehr bestrafen würde. Er sehnte sich nach seiner Mutter, die bis zu Jessicas Unfall ja immer so lieb zu ihm gewesen war, sehnte sich nach ihren Umarmungen, ihren streichelnden Händen. Und auch nach Oma Grete, die immer so gut duftete. Seinen Papa vermisste er ebenso, obwohl dieser in letzter Zeit seine Versprechen niemals hielt. Dann waren daheim immer noch die guten Puddings, die Lina kochte, und die es nirgendwo anders gab.

Fritz kannte den Gruber-Hof zwar nicht, jedoch das Dorf, wo Jonas in die Schule ging. Sie stärkten sich beide beim Mittagessen, der alte Mann rauchte noch eine Pfeife und dann gingen sie los.
“Glaubst du, sie bestrafen mich?” fragte der Junge zaghaft.
“Eltern bestrafen ihre Kinder niemals, wenn sie fortgelaufen sind, dafür sind sie viel zu froh, wenn sie gesund und munter wieder da sind.” Fritz war sich da zwar selbst nicht so sicher, aber er wollte dem Kleinen Mut machen.
“Sie haben sicher längst eingesehen, dass sie sich nicht richtig um dich gekümmert haben in letzter Zeit. Vielleicht war es die Sorge um deine Schwester, die sie so handeln ließ, aber bestimmt geben sie dir nicht die Schuld an dem Unfall.”

Man kann die große Freude gar nicht beschreiben, die ausbrach, als Jonas in Begleitung des alten Mannes auf dem Hof auftauchte. Mama weinte mal wieder, aber diesmal seinetwegen, als sie ihn in die Arme schloss. Auch der Vater, das konnte Jonas genau erkennen, hatte feuchte Augen und er drückte ihn liebevoll an seine Brust und fragte: “Warum bist du davongelaufen, Jonas?”
Und Jonas erzählte ihnen, warum er das getan hatte.
“Dass du nur wieder da bist, mein Sohn”, sprach Papa mit rauer Stimme, “das ist die Hauptsache. Wir waren ganz schön in Sorge um dich. Auch die Polizei wurde eingeschaltet, damit sie nach dir sucht.”
Papa schob ihn eine Armlänge von sich, und blickte ihm in die Augen.
“Ich verspreche dir, dass wir dich nicht mehr so vernachlässigen wie in den letzten Wochen und ich nehme mir in Zukunft auch wieder mehr Zeit für dich. Doch du musst uns versprechen, niemals wieder fortzulaufen, willst du das?”
Jonas wollte gerade nicken, da erklang Oma Gretes Stimme: “Natürlich will er. Möchtest du deine alte Oma nicht endlich auch begrüßen?” Alle waren also total aus dem Häuschen und froh, dass er wohlbehalten zurück war.
Natürlich musste er erzählen, wie es ihm ergangen war in den letzten beiden Tagen. Lina hatte ihm seinen Lieblingspudding gekocht und man saß im Wohnzimmer, Fritz musste selbstverständlich noch bleiben, und die Familie konnte sich bei ihm nicht oft genug bedanken.

Es war wieder ein schöner, sonniger Spätsommertag, als der Anruf kam.
“Jessica ist aufgewacht…” Und man machte sich auf den Weg ins Krankenhaus. Diesmal fuhr Jonas mit und in seiner Jackentasche hielt er das Engelchen verborgen.
Natürlich durften nicht alle auf einmal ins Krankenzimmer, denn es war noch nicht erkennbar, welchen Schaden das Koma bei dem Mädchen hinterlassen hatte. Momentan schlief sie. Sie waren sich alle einig: Jonas durfte zuerst hinein, zusammen mit seiner Mutter.

Zaghaft betraten sie das Krankenzimmer. Jonas sah zum Bett hinüber, in dem Jessica wie ein Engelchen lag. Heute war ihr vierter Geburtstag.
Jonas holte die geschnitzte Figur aus der Jackentasche und legte sie auf die Decke, direkt zwischen die Hände seiner Schwester. Es war mucksmäuschenstill im Raum, als das Mädchen die Augen öffnete und ein leises Stimmchen zu vernehmen war: “Jonas…..”

(c) Brigitte Kemptner / Brühl


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