Der Bettler


Brigitte Kemptner


Einen Tag vor Heiligabend kam ich endlich zu meinem lang geplanten Stadtbummel. Außerdem brauchte ich dringend noch zwei Geschenke und konnte bei dieser Gelegenheit die neue Brille abholen.
Mein Mann hatte Urlaub genommen und kümmerte sich um unsere beiden Kinder. “Mach dir einen schönen Tag. Bist schließlich das ganze Jahr über für uns da”, hatte er gesagt und mich liebevoll geküsst.
So ging ich guter Dinge durch die Stadt und ließ die ganze weihnachtliche Atmosphäre auf mich wirken. Reichlich geschmückte Tannenbäume säumten die Fußgängerzone, die Schaufenster der Geschäfte waren bunt und üppig dekoriert und lockten die Passanten zum Kaufen an. Wo immer ich hinschaute, alles erstrahlte im Glanz des bevorstehenden Festes. Aus einigen Läden drang Weihnachtsmusik an mein Ohr und der Duft aromatischer Gewürze umnebelte meine Sinne. Es war jedes Jahr das Gleiche, und trotzdem stimmte mich diese Zeit stets wieder aufs Neue melancholisch.

So lange ich denken konnte, liebte ich diese Zeit der Besinnung und bedauerte es von Jahr zu Jahr mehr, dass Weihnachten längst zu einem Konsumrausch geworden war. Je näher der Heilige Abend rückte, umso unruhiger, nervöser und gestresster wurden die Menschen. Dass viele von ihnen deshalb kaum in der Lage waren, dem Zauber der Weihnachtszeit zu verfallen oder ihn einfach nur zu genießen, war mir klar. Mich störten diese Hektik und das Gedränge an diesem Tag nicht. Ich war guter Laune und der Blick zum grauen Himmel war vielversprechend. Schnee lag in der Luft.

Mit ausdrucksloser Miene hasteten etliche Leute an mir vorüber. Ich hatte das Gefühl, als würden sie überhaupt nichts von ihrer Umgebung wahrnehmen. Vor einem Spielwarenladen schimpfte eine - sicherlich gestresste - Mutter ziemlich laut mit ihrem Kleinkind und zerrte es dann an der Hand unsanft mit sich fort. Neben dem Eingang eines Kaufhauses hatten sich Passanten vor einem großen Verkaufsstand dicht zusammengedrängt und durchwühlten wie besessen die Bettwäsche und Handtücher, die dort preisreduziert angeboten wurden. Als ich vorüberging, stritten sich gerade zwei Frauen.

In einer kleinen Parfümerie kaufte ich ein Au de Toilette für meinen Vater und setzte mich anschließend in ein kleines, schummriges, nur von Kerzenlicht erhelltes Café. Aus einem Lautsprecher drang leise “Süßer die Glocken nie klingen …”, als die Kellnerin mir meinen bestellten Cappuccino brachte.
“Ein kleines Geschenk des Hauses. Das bekommt heute jeder Gast”, sagte sie freundlich, und legte eine kleine Tüte Spritzgebäck neben meine Tasse.
“Danke”, antwortete ich und aß die ganze Tüte mit großem Appetit leer. Die Plätzchen schmeckten köstlich.

Später bummelte ich weiter durch die Einkaufszone und schaute mir die dekorativen Auslagen der Geschäfte an. Ich brauchte noch ein Geschenk für Tante Hilde. Sie hatte recht kurzfristig für den ersten Feiertag ihren Besuch angekündigt. Wir waren darüber sehr erstaunt gewesen, denn die gute Tante hatte uns Weihnachten noch niemals beehrt. Nun musste ich mir überlegen, was man ihr schenken könnte.
Während ich vor einer Fotogalerie stand, wurde meine Aufmerksamkeit auf laute Stimmen gelenkt.
“Diese Penner sind ein Schandfleck für die ganze Stadt”, sagte die eine Stimme. “Lassen Sie den Mann in Frieden, der tut doch keinem was”, tönte eine Zweite. Dann wieder die Erste: “Die Kerle sollen arbeiten gehen, dann brauchen sie nicht zu betteln.”
Ich war unbemerkt nähergekommen. Mehrere Leute standen mittlerweile da und hörten dem Dialog der beiden Männer zu. Auf dem kalten Boden, an eine Laterne gelehnt, saß ein bärtiger Mann, dessen Alter schlecht zu schätzen war. Er trug einen zerlumpten und schmutzigen grauen Mantel und schaute starr geradeaus.
Ob er blind ist, weil sein Blick so leer wirkt, dachte ich und hatte großes Mitleid mit dem armen Kerl, vor dem ein Topf mit ein paar Münzen stand.
Die Stimmen der beiden diskutierenden Männer nahm ich kaum mehr wahr, weil sich meine Gedanken mit dem armen Kerl beschäftigten. Er tat mir leid und ich fragte mich, wo er wohl morgen sein mochte, wenn überall hinter unzähligen Fenstern das Fest der Liebe gefeiert wurde. Hatte er überhaupt einen warmen Platz zum schlafen? Oder gar eine warme Mahlzeit?

Ein Räuspern rief mich wieder in die Gegenwart zurück. Ich hatte gar nicht bemerkt, dass die anderen Passanten gegangen waren. Allein stand ich jetzt vor dem Bettler, der die wenigen Münzen aus dem Topf fischte. Schnell ließ er sie in seiner Manteltasche verschwinden. Ich wirkte plötzlich verlegen, holte meinen Geldbeutel hervor und legte ihm einen Fünfeuroschein in den leeren Topf. “Frohe Weihnachten”, wünschte ich ihm, bevor ich weiter ging. Sein “Danke” konnte ich jedoch noch hören.

Nachdem ich endlich doch noch das Passende für Hilde gefunden und an einem kleinen Stand Popcorn für die Kinder gekauft hatte, wollte ich meine Brille abholen. Der Bettler kam mir wieder in den Sinn, der sicher noch in der Kälte auf dem harten Boden sitzen würde.

Auf dem Weg zum Optiker kam ich an einer Würstchenbude vorbei und bestellte mir eine Bratwurst mit reichlich Senf. Doch als ich bezahlen wollte merkte ich, dass meine Geldbörse fort war. Wie eine Verrückte durchsuchte ich meine Tasche, nichts. Die Börse war weg und ich den Tränen nahe, während der Würstchenverkäufer mit meiner Wurst in der Hand auf sein Geld wartete. Ich bekam die Panik. Wo hatte ich das Portemonnaie verloren? Ich lief den Weg zurück zu dem Laden, in dem ich das letzte Geschenk gekauft hatte und fragte die Verkäuferin, ob eine Geldbörse gefunden worden war. Sie verneinte, trotzdem schaute ich mich in dem Geschäft um. Aber ich fand nichts, weder drinnen noch draußen auf der Straße.

Meine zuvor noch so gute Laune war wie weggeblasen. Ich musste mich wohl oder übel mit dem Verlust meines Geldbeutels abfinden, was mir schwer fiel. Ade vierhundert Euro, ade neue Brille. Und mein Ausweis steckte auch in der Börse. Zum Glück hatte ich wenigstens meine Scheckkarten zu Hause gelassen.
Es war zwecklos, sich mit Selbstvorwürfen zu quälen, davon bekam ich mein Geld auch nicht wieder. Schweren Herzens machte ich mich auf den Heimweg. Wie erwartet, hatte es angefangen zu schneien, aber darüber konnte ich mich plötzlich auch nicht mehr freuen.

Mein Mann war von dem Missgeschick auch nicht sehr erfreut, sah die Sache aber wesentlich gelassener als ich.
Er versuchte mich zu trösten. “Schatz, das Geld ist weg und wenn du dich noch so sehr darüber ärgerst, so kommt es auch nicht wieder. Und auf einen ehrlichen Finder wirst du lange warten können.”
So endete dieser Tag, der doch so schön begonnen hatte.

Heiligabend. Ich trauerte immer noch dem verlorenen Geld nach. Zum Glück war ich den ganzen Vormittag ziemlich beschäftigt gewesen und auch die Kinder sorgten dafür, dass ich abgelenkt wurde.
Am Nachmittag schickte ich meinen Mann mit den Kindern spazieren, damit ich in aller Ruhe den Baum schmücken und das Wohnzimmer festlich für die Bescherung herrichten konnte. Der Kartoffelsalat war fertig und die Würstchen brauchte ich später nur heiß zu machen.
Da läutete es an der Tür. Wer mochte das sein? Ich erwartete niemanden und die Nachbarn waren schon am Vormittag kurz vorbeigekommen, um Frohe Weihnachten zu wünschen.

Ich öffnete und vor mir stand ein Mann mit grauem, schnuddeligem Mantel. Gerade wollte ich “Ich kaufe nichts an der Tür” sagen, da erkannte ich den Bettler aus der Einkaufszone.
“Was wollen Sie?”, fragte ich freundlich, obwohl ich über die Störung nicht besonders erfreut war.
“Ich will nicht lange stören”, antwortete er und griff in seine Manteltasche. Kurz darauf streckte er mir seine schmutzige Hand entgegen, in der meine verlorene Geldbörse lag. Mein Herzschlag setzte für einen Moment aus.
“Ich habe sie vor dem Popcornwagen gefunden”, sagte der Mann, während ich mein Eigentum mit leicht zittriger Hand entgegen nahm.
“Ihre Adresse habe ich auf dem Ausweis gelesen”, sprach er weiter, “Sie sind doch die Frau, die mir den Fünfeuroschein schenkte.”
“Ja, stimmt, ich erkenne Sie wieder”, entgegnete ich.
Ich öffnete die Börse, um nachzuschauen, ob alle Scheine noch vorhanden waren, da hörte ich ihn sagen: “Ich habe nichts von dem Geld genommen.”
Plötzlich schämte ich mich meines Misstrauens und wusste nicht recht, wie ich reagieren sollte.
Da wandte sich der Mann zum Gehen und wünschte mir “Frohe Weihnachten.”
“Halt, warten Sie!”, rief ich. “Ich habe mich ja noch gar nicht bedankt. Außerdem bekommen Sie noch einen Finderlohn.”
Ich holte einen Fünfzigeuroschein aus der Börse und gab ihn dem Bettler. Doch dann kam mir spontan die Idee: “Ich möchte Sie gerne einladen, den Heiligen Abend mit uns zu feiern.” Das jedoch lehnte er so energisch ab, dass ich ihn ziehen ließ, aber nicht, bevor ich ihm unsere Würstchen und ein paar Brötchen mit auf den Weg gegeben hatte.

Als ich meinem Mann später freudestrahlend von dem Besuch des Bettlers und der wiedergefundenen Geldbörse erzählte, war auch er mehr als erleichtert.
An diesem Heiligen Abend aßen wir nur den Kartoffelsalat.
Die Erkenntnis, dass es auch heute noch ehrliche Menschen gab, brachte uns Weihnachten wieder ein Stück näher und wir erkannten, dass es so einfach war, seine Mitmenschen zu beschenken.
Da fiel uns der Verlust unserer Würstchen wahrlich nicht schwer.

(c) Brigitte Kemptner / Brühl


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