Alexandras Weg


Brigitte Kemptner


Krachend fiel die schwere Eichentür hinter Alexandra ins Schloss. “Jetzt nur nicht umdrehen”, dachte sie. “Dieses Kapitel deines Lebens ist ein für allemal vorüber.” Sie konnte es dennoch nicht verhindern, dass sich mit der Erleichterung auch Wehmut vermischte. Immerhin hatte sie hier mit Jochen, ihrem Noch-Ehemann, viele gemeinsame Jahre ihres Lebens verbracht. Hier in diesem Haus steckte eine Menge Liebe und Herzblut, Arbeit, Freude, aber auch viele Tränen, die sie heimlich geweint hatte. Bitterkeit stieg in ihr hoch, als sie gerade an diese letzten Jahre dachte.

Mit jedem Schritt, den Alexandra sich weiter vom Haus entfernte, wollte sie auch den Abstand zwischen sich und der Vergangenheit vergrößern. Hätten sich nicht noch einige Dokumente von Jochen zwischen ihren Unterlagen befunden, wäre sie gar nicht erst auf die Idee gekommen, bei ihm vorbeizufahren.

An ihrem Auto angekommen, stieg sie rasch ein und fuhr davon. Sie verließ den regen Innenstadtverkehr, und als sie in eine verkehrsarme Gegend kam, hielt sie am Straßenrande an. Ihre Hände umfassten das Lenkrad plötzlich so fest, dass die Knöchel spitz hervortraten. “Verdammter Kerl, warum musste alles so kommen?”, presste sie zwischen den Lippen hervor, und sie hätte ihm diese Worte vorhin am liebsten ins Gesicht geschleudert, bevor sie gegangen war. Sie fühlte sich um die schönsten Jahre ihres Lebens betrogen und bis ins Innerste verletzt. So sah nun das Ende einer langjährigen Ehe aus. Sie atmete tief durch, und allmählich entspannte sie sich etwas. Viele Jahre hatte das “Sterben” dieser Gemeinschaft und ihrer Liebe gedauert, und immer mit einem Fünkchen Hoffnung begleitet, es würde sich alles wieder zum Besten wenden.

“Warum klammerst du dich an diese Ehe?”, hatte ihre Freundin Carmen, ein überzeugter Single, sie häufig gefragt. “Du weißt doch längst, dass es vorbei ist.”
Gabi, eine andere Freundin, hatte genau ihren wunden Punkt getroffen: “Du hast nur Angst vor dem Alleinsein, Alex, sonst wärst du längst gegangen.”
Und Gabi hatte Recht, sie war nicht geboren zum Alleinsein. Die beiden Frauen hatten darüber lange diskutiert. Alexandra jedoch keinen Mut gehabt, aus dieser Ehe letztendlich die Konsequenzen zu ziehen.

Alexandra drehte den Zündschlüssel um und fuhr weiter. Eine Viertelstunde später erreichte sie den Häuserblock, in dem sie sich eine Wohnung gemietet hatte. Seit vierzehn Tagen wohnte sie nun hier. Jochen war aus allen Wolken gefallen, als sie ihn mit ihrem bevorstehenden Auszug vor vollendete Tatsachen gestellt hatte. Sie sah seinen ungläubigen Gesichtsausdruck vor sich. Dachte er denn wirklich, dass sie dieses Leben so weiterführen würde? Er nahm doch von ihr kaum noch Notiz und hatte nicht einmal bemerkt, dass sein Verhalten sie krank machte, sie innerlich vereinsamen ließ. Sie wollte sich von ihm nicht im Bösen trennen, aber es musste sein, um ihren inneren Seelenfrieden wieder zu finden…

Als Alexandra Jochen kennen lernte, war sie 19 Jahre alt gewesen, romantisch und hatte den Kopf voller Träume gehabt. Sie glaubte sich am Ziel ihrer Wünsche und war zum ersten Mal verliebt. Sie zogen zusammen und heirateten bald darauf.
Alexandra arbeitete als Sekretärin, Jochen bei einer Versicherung. Da sie beide gut verdienten, konnten sie sich bald ein Eigenheim bauen.
Die junge Frau war von der ersten Stunde an mit dem Herzen bei der Sache gewesen: Angefangen von der Planung bis hin zur Einrichtung. Sie hängte jede freie Minute in den Feierabendstunden und auch an den Wochenenden in das Haus. War mit Feuereifer und mit Liebe dabei, alles so schön wie nur irgend möglich zu gestalten. Noch bevor der Rohbau überhaupt begonnen wurde, versicherte ihr Jochen: “Wir wollen alles gemeinsam machen.” Doch die meiste Arbeit lastete auf ihren schmalen Schultern. Sie kümmerte sich darum, dass die Handwerker, die Installateure, die Maler und Elektriker alles zu ihrer Zufriedenheit herrichteten und um die zahlreichen Rechnungen, die pünktlich bezahlt werden wollten.
“Kommst du heute nach Büroschluss mit zum Grundstück?”, fragte sie ihn des Öfteren, und wusste doch schon die Antwort im Voraus: “Ich hab noch zu tun, Schatz. Aber du machst das alles doch viel besser, bist das geborene Organisationstalent.” Danach drückte er ihr einen Kuss auf die Wange und verschwand in seiner Büroecke, die er sich im Wohnzimmer eingerichtet hatte.
Er liebte seine Arbeit über alles und brachte sich davon immer reichlich mit nach Hause, um auch noch am Feierabend am Schreibtisch zu sitzen.
“Wenn wir erst in unserem neuen Heim wohnen, wird es bestimmt anders”, versuchte sie sich selbst einzureden. In der ersten Zeit nach dem Einzug schien es auch so, doch das war leider nur von kurzer Dauer.

Im Haus besaß Jochen nun sein “eigenes” Büro, in dem er viel Zeit verbrachte.
Gemeinsamkeiten wurden immer mehr zur Seltenheit, und Alexandra stellte erschreckend fest, dass auch seine Aufmerksamkeit ihr gegenüber stark nachgelassen hatte. Er nahm sie plötzlich kaum noch zur Kenntnis. Dass das Haus blitzblank geputzt war, täglich gutes Essen auf den Tisch kam, und dazu noch ein achtstündiger Arbeitstag hinter ihr lag, entlockte ihm keinerlei Lob und Anerkennung mehr, wie noch ganz am Anfang. All das prallte offensichtlich an ihm ab. Sie fühlte sich immer einsamer und ihre Seele litt darunter so stark, dass sie sogar an Gewicht verlor. Irgendwie rappelte sie sich wieder auf, das Leben musste ja weitergehen. Und noch hoffte sie, dass er sich ändern würde.

Eines Tages eröffnete Jochen Alexandra, dass er berufsbedingt zukünftig auch Außendienst machen musste. Bislang hatte er überwiegend Bürotätigkeiten verrichtet. Nun geschah es öfter, dass er sogar für einige Tage nicht nach Hause kam. Wie froh war sie in der Folgezeit gewesen, wenigstens ihre Arbeit zu haben, liebe Freundinnen und Kolleginnen. Mit Jochen lebte sie doch nur noch ein Nebeneinander.

Alexandra erinnerte sich an eine Gegebenheit besonders: Es war an einem ihrer letzten Geburtstage. Dazu hatte sie Freunde und Bekannte, darunter auch Mark, einen Kollegen, eingeladen. Mark war an diesem Abend besonders nett zu ihr gewesen, aufmerksam und zuvorkommend. Eigenschaften, die von Jochen schon seit langer Zeit nicht mehr zum Tragen kamen. Später, als die Gäste wieder gegangen waren, brach er einen Streit vom Zaun, bei dem die junge Frau nur staunen konnte. Er tat ja gerade so, als hätte sie ihn betrogen!
In den nächsten Tagen zeigte er sich launisch und sprach mit ihr kein Wort. Dann plötzlich schlug sein Verhalten ins krasse Gegenteil um: Er schenkte ihr plötzlich wieder mehr Aufmerksamkeit, und für eine kurze Zeit glaubte Alexandra, Jochen würde ihre Anwesenheit wieder wahrnehmen. Lange dauerte es allerdings nicht, bis er wieder in seinen alten Trott verfiel.

Eines Tages erfuhr sie dann durch Zufall, dass er sie betrog. Auf ihre Reaktion hin meinte er nur: “Das hat doch nichts mit uns zu tun, bedeutet nichts. Glaube mir, ich liebe nur dich, auch wenn ich es dich in letzter Zeit kaum habe fühlen lassen.” Das haute Alexandra glatt um, merkte er denn gar nicht, wie lächerlich er sich machte? Und von Liebe war schon lange nicht mehr gesprochen worden. Sie hätte nicht einmal mehr sagen können, wann er ihr zum letzten Male Ich liebe dich gesagt hatte. Außer gerade im Moment, doch das glaubte sie ihm nicht.

“Warum bleibe ich eigentlich bei ihm?”, fragte sich Alexandra in der folgenden Zeit und verstand sich oft selbst nicht so ganz. Sie erinnerte sich an das Versprechen, das sie sich beide in der Kirche gegeben hatten, damals. Und für sie war dieser Schwur immer etwas Heiliges gewesen, etwas, das man nicht so leicht brach. Jochen war niemals handgreiflich ihr gegenüber geworden, das musste sie zugeben, doch die Schmerzen, die er ihr zufügte, hatten innerlich große Wunden geschlagen. Eines Tages brachte sie sogar in Erfahrung, dass er übers Internet mit anderen Frauen Kontakt aufnahm. Alexandra verlor nach und nach das Vertrauen in die Liebe und es blieben nur noch leere Träume und Illusionen übrig.

Ihre Freundinnen rieten ihr ständig, sich endlich von Jochen zu trennen, denn wenn sie so weiterlebte, würde sie bald in einer Nervenklinik enden. “Hör auf mich”, sagte Carmen. “Du gefällst mir seit langer Zeit nicht mehr, und du hast es nicht verdient, vor die Hunde zu gehen.”
Carmen hatte ja Recht, aber es war nicht so einfach, einen Schlussstrich zu ziehen. Es sollten noch mehrere Monate vergehen, bis sie sich endlich selbst einen Ruck gab und den entscheidenden Schritt tat. Von ihrem Arbeitsplatz aus suchte sie sich eine Wohnung und hatte auch schon nach vierzehn Tagen Glück.
Sie entschied sich spontan für die erste der vier ihr angebotenen Wohnungen. Eine kleine Einbauküche war bereits vorhanden, und von Gabi bekam sie das ein oder andere, gut erhaltene Möbelstück. Was sie sonst noch benötigte, würde sie sich nach und nach kaufen. Jochen versuchte vehement, sie von ihrem Auszug abzubringen, jedoch ohne Erfolg. Sie blieb standhaft.
Außer ihren persönlichen Dingen nahm sie nichts mit. Jochen sollte das Haus behalten, sie stellte an ihn keinerlei Ansprüche. Sie hatte sich im Laufe der Jahre Geld zusammen gespart, verdiente zudem gut, und würde keine Not leiden. Es sollte nichts geben, das sie an Jochen und die ungeliebten Jahre erinnerte.

In den ersten Wochen nach der Trennung vergrub sie sich in ihrer Arbeit und machte sogar Überstunden. Oft rief anfangs Jochen sogar im Büro an, bat sie, wieder zurück zu kommen. Er wolle sich ändern und versuchen, nur noch für sie da zu sein. Alexandra glaubte weder an das eine, noch an das andere.

Die Wochenenden in der neuen Wohnung waren besonders einsam, obwohl sie vorher, als sie noch bei Jochen lebte, auch diese arbeitsfreien Tage allein verbringen musste. Ablenkung boten ihr die Freundinnen und Kollegen.
Carmen war es zu verdanken, dass sie allmählich wieder etwas Freude am Leben fand. Die zwei Frauen gingen oft ins Kino, machten einen Stadtbummel oder saßen einfach nur zu Hause, hörten Musik und redeten miteinander. Ab und zu war auch Gabi dabei, doch sie hatte eine Familie und deshalb weniger Zeit. So vergingen wieder Wochen und eines Tages lud Carmen sie zu einer Singleparty ein. Alexandra hatte dafür wenig Begeisterung übrig, doch ihre Freundin gab nicht auf.
“Was soll ich dort?”, fragte sie. “Ich habe keine Lust auf eine neue Bekanntschaft.”
“Hat das etwa jemand gesagt?”, fragte Carmen und zwinkerte Alexandra zu. “Du sollst nur auf andere Gedanken kommen und ein bisschen Spaß haben, mehr nicht.” Mit gemischten Gefühlen ging sie mit der Freundin zu dieser Party, die sie allerdings schon nach einer knappen Stunde wieder verließ. Sie hoffte nur, dass Carmen über ihre “Flucht” nicht böse war. Draußen blieb sie erst einmal eine Weile stehen und holte tief Atem.

“Es hat Ihnen da drinnen auch nicht gefallen, stimmts?”, fragte plötzlich eine fremde Männerstimme neben ihr. Alexandra erschrak etwas und wandte sich um. Im Schein der Straßenlaterne sah sie sich einem gutaussehenden Mann gegenüber, der sie freundlich anlächelte. “Ich habe Sie auf der Party schon beobachtet. In der Regel mag ich diese Partys ja nicht, bin nur einem Freund zuliebe mitgekommen.”
“Dann geht es Ihnen wie mir. Meine Freundin schleppte mich auch mit. Sie meinte es ja nur gut und wollte, dass ich endlich auf andere Gedanken komme.”
“Dann haben wir ja schon etwas gemeinsam”, er lächelte erneut. “Hätten Sie nicht Lust, mit mir in das kleine Weinlokal zu kommen, gleich da vorne an der Ecke?”, fragte er. Obwohl von ihm eine wohltuende Wärme und Ruhe ausging, lehnte sie seine Einladung dankend ab. Er versuchte gar nicht erst, sie zu überreden, bat sie aber um ein Wiedersehen am nächsten Tag, einem Samstag. Als Treffpunkt schlug er den “Adler” vor, ein kleinen Feinschmeckerlokal. So gegen 18 Uhr. Sie willigte ein.
Er hieß Daniel Roth, und nachdem auch Alexandra sich vorgestellt hatte, ging jeder seiner Wege.

Carmen war am nächsten Tag schon etwas pikiert, als sie so gegen Mittag bei Alexandra aufkreuzte. Sie konnte die Freundin zwar schnell besänftigen, doch von Daniel Roth und dem Abendessen mit ihm wollte sie vorläufig noch nichts erzählen. Carmen schwärmte noch ein wenig von der Party und machte sich auf den Heimweg. Sie hatte für den Abend eine Verabredung.

Alexandra und Daniel Roth trafen zum vereinbarten Zeitpunkt fast gleichzeitig im “Adler” ein, und sie bekamen einen schönen Tisch auf der Gartenterrasse. Sie schienen sich beide genau zu beobachten. Er sah mit seinem Bart sehr gepflegt aus, und seine traurig blickenden Augen, in die sie wie in einen Spiegel sehen konnte, sprachen sie sogleich an. Etwas Vertrautes ging von ihm aus, sodass Alexandra das Gefühl hatte, ihn schon lange zu kennen.
Nachdem der Kellner ihnen die Getränke gebracht und die Bestellung fürs Essen aufgenommen hatte, begann er wie selbstverständlich ein wenig von sich zu erzählen. So erfuhr Alexandra, dass er von seiner Frau getrennt lebe und gerade damit begonnen hatte, wieder etwas Farbe in sein Dasein zu bringen.
Wir sind uns sehr ähnlich, dachte sie, als er kurz die Lieblosigkeit in seiner Ehe ansprach.
Sie saßen lange beisammen und unterhielten sich über viele Dinge. Immer wieder stellte sie Gemeinsamkeiten fest. Mit Jochen hatte sie sich niemals so unterhalten können, nicht einmal in der Zeit, als ihre Ehe noch in Ordnung war. Daniel gab ihr ein Gefühl der Sicherheit, es war ihm wichtig, was sie fühlte, und sie genoss die Stunden in seiner Gesellschaft. Sie nahm auch seine Einladung für den nächsten Tag, mit ihm einfach ins Grüne zu fahren, an.

Von nun an trafen sie sich sooft es ihre Zeit erlaubte. Obwohl Alexandra längst wusste, dass sie ihn mehr liebte, als sie Jochen jemals geliebt hatte, blieb sie anfänglich noch zurückhaltend. Die Jahre ihrer Ehe steckten noch zu tief in ihr, sie war vorsichtig geworden und übersensibel. Daniel hatte Ähnliches in seiner Beziehung durchlebt, und nicht nur das verband sie letztendlich miteinander, machte sie zu Seelenverwandte.

Als Daniel ihr eines Tages seine Liebe gestand, war Alexandra die glücklichste Frau der Welt. Und sollte man ihrem jungen Glück auch noch so viele Steine in den Weg legen, sie Beide würden sich selbst damit noch eine Zukunft aufbauen. Das schwuren sie sich.

(c) Brigitte Kemptner / Brühl


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