Neubeginn


Anneliese Useldinger


Das Zur-Welt-Kommen bedeutet für jeden Erdenbürger den ersten Neubeginn, dem, wenn er am leben bleibt, noch etliche mehr folgen können. Vom Getragen- oder Gefahrenwerden muss das Menschlein erst mal auf die Füße kommen, stehen, gehen und sprechen lernen, mit der ersten Selbständigkeit neu beginnen, wenn auch noch im Bereich der Sorgepflichtigen.

Kindergarten, Schule eventuell Wohnungswechsel der Eltern, ein Neubeginn gefolgt vom nächsten. Wenn auch die meisten Menschen ihren Geburtsort während Kindheit und Jugend nicht verlassen, so gibt es doch gerade in unserer turbulenten Zeit viele, die umziehen, auswandern, ja sogar fliehen müssen unter dem Druck von Not, Hunger, Verfolgung usw. Oft ist das eine große Herausforderung, egal in welchem Alter, diesen Neubeginn beim Schopfe zu packen, die Vergangenheit hinter sich zu lassen und in die Zukunft zu schauen. Interessant ist es zu beobachten, wie bei einem solchen Neubeginn der Einzelne damit umgeht, besonders wenn es in ein fremdes Land geht, dessen Sprache und Gebräuche zu lernen sind, um eine Integration in die jeweilige Gesellschaft zu schaffen. Dabei erinnere ich mich an meinen Besuch in Florida bei einer Jugendfreundin, die mit ihrem Mann von Konz bei Trier nach Amerika umgezogen war. Beide hatten die neue Sprache erlernen müssen, allerdings mit starkem Heimatakzent; sie konnten besser verstehen, absprechen jedoch ihr notdürftig angelerntes Amerikanisch war kaum verständlich. Sie hatten ihre handwerklichen Berufe ausüben können, ein Haus gebaut und zwei Kinder aufgezogen. Aber dann zerbrach die Ehe, und ich war sehr traurig während meines Aufenthaltes bei den beiden mit nur noch dem jüngsten Kind, einem behinderten Sohn. Migrantenschicksale können sehr verschieden sein: die einen hören konzentriert zu, wenn die Einheimischen sprechen und lernen in kurzer Zeit die neue Sprache, auch ohne Lexikon und Grammatikbücher, andere, meistens sind es die Frauen, wie hier bei uns zu beobachten ist, die sich nicht trauen, die neue Sprache wirklich anzunehmen und ihre Beherrschung zu erlernen, da ist ja noch der Mann, der das kann, das reicht ihnen. Sie ziehen sich in ihre Familie zurück, werden manchmal misstrauisch gegen die Einheimischen, sie scheuen den Neubeginn.

Zu den vielleicht glücklichsten Erdenbürgern gehören diejenigen, denen es beschieden ist, an ein und demselben Standort auszuharren und in einer familiären Geborgenheit all den Strapazen, Einbußen, Umstellungen oder auch den Verlockungen eines Neubeginns zu entgehen. Aber da gibt es noch das Gegenteil: die Ruhelosen, die es nicht lange an einem Ort aushalten können und immer wieder einen Neubeginn wagen. Es gab die Zeit der Wandergesellen, deren Pflicht es war, bei mehreren Meistern und an verschiedenen Orten ihr Handwerk zu erlernen und zu erproben. Denken wir auch an die großen Völkerwanderungen in alter und neuer Zeit. Wieviel Mut müssen Flüchtlinge aufbringen, die geliebte Heimat zu verlassen und ein ungewisses Fortziehen zu einem neuen Ort durchzustehen? Das habe ich selbst am Anfang und gegen Ende des Zweiten Weltkrieges am eigenen Leib erfahren zweimal Evakuierung und kann mich leicht in die Lage und Gemütsverfassung von Flüchtlingen hineinversetzen.

Aber es blieb nicht bei diesen frühen schwierigen Reisen zu einem noch unbestimmten neuen Ort. Später habe ich gern größere Reisen freiwillig unternommen, wohl wissend, dass ich an meinen Wohnort zurückkehren konnte, habe zwar viel Neues erfahren, ohne neu beginnen zu müssen. Umzüge habe ich viele hinter mir. Aber selbst im Alter kocht manchmal noch mein Zigeunerblut und treibt mir die Sehnsucht nach einem Neubeginn irgendwo in dieser oder einer anderen Welt ins Herz. Gerade jetzt - nach zwei Jahren Unglück, Diebstahl an meinem Hausrat, Umzug, Justizopfer, wieder Wohnungseinbruch und erneut Handtaschenraub - flüchte ich mich hin und wieder in einen Neubeginntraum.

(c) Anneliese Useldinger / Bonn


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