Mimina und Pepe


Anneliese Useldinger


Es war einmal eine Elfenkönigin, sie hieß Esmira. In einer mondhellen Nacht gebar sie ein Mädchen, dem sie den Namen Mimina gab. Als es heranwuchs, verströmte es einen außergewöhnlichen Liebreiz, so dass alle am Elfenhof es bewunderten ob seiner großen Schönheit und Anmut. Mimina war der Stolz der Königin, und sie stellte sich vor, wie diese Mimina eines Tages nach ihr in den Elfenthron besteigen sollte. Da geschah das Unerhörte: An einem schönen Sonntag, als Mimina gerade mit ihren Gespielinnen am Ufer des klaren Sees weilte, stieß ein mächtiger schwarzer Raubvogel blitzschnell herab und packte ausgerechnet die Elfenprinzessin mit seinen bekrallten Fängen und riß sie mit sich in die Höhe. All ihr Flehen und Schreien half nichts, sie musste sich in dieses ihr erstes großes Leid schicken. Ihre Tränen flossen unaufhörlich, und sie war halb benommen durch Schmerz und Entsetzen. Nach einigen Stunden dieses erzwungenen peinigenden Fluges durch raue Luft ging es plötzlich jäh abwärts. Die Vogelkrallen lösten sich von ihrem geschundenen Körper, und sie viel unsanft auf eine Schütte Stroh, wo sie ohnmächtig liegen blieb. Nach einer Weile wurde sie hart an den Schultern gegriffen und auf den Rücken gedreht. Dabei kam sie wieder zu Bewusstsein. Die Hexe Menorma sprach sie an: “Da bist du ja, endlich habe ich dich! Schöne Prinzessin! Aus ist es mit der Elfenkönigin. Nie wirst du einen Thron besteigen. Das Reich der Elfen geht zu Ende, weil ich es so will!”

Die arme Mimina konnte die boshaften Worte kaum verstehen; ihr ganzer Leib schmerzte, und der Schrecken lähmte sie noch immer. Doch endlich fragte sie zaghaft: “Wo bin ich, und wer bist du?” “Das wirst du noch früh genug erfahren”, antwortete die Hexe und fuhr fort: “Dort ist eine Pfütze, worin du dich waschen kannst. Bring deine Kleider in Ordnung!”

Darauf traf Mimina einen Rippenstoß, so dass sie vom Stroh auf den harten Boden rollte. Ein Fußtritt folgte, und bevor der nächste kam, erhob sie sich mühsam und sah jetzt erst die groteske Gestalt, die zu ihr gesprochen hatte. Neuer Schrecken erfasste sie. Wieder sprach Nenorma: “Ja, schau nur und fürchte dich vor mir, wie es sich gehört. Deine Mutter hat mich vor 9 Jahren von ihrem Hofe verjagt, weil ich einen ihrer magischen Ringe geklaut hatte. Eine Zofe verriet es ihr. Und dann hat sie mich, die ich schön war wie der Mond und die Sterne, in diese hässliche Gestalt verzaubert und davon gejagt. Zuvor hetzte sie einen Gnom auf mich, der mir den Ring wegnahm, bevor ich seinen Zauber ausprobieren konnte. Dann wurde ich in die Nacht gestoßen und musste mir eine Bleibe suchen. Gegen Morgen fand ich diese Höhle, wo ich mein elendes Leben friste. Aber ich hatte Rache geschworen und werde sie bis zur Neige auskosten. Meine beste Idee war und ist es, dieser Königin ihr einziges schönes Kind zu rauben und... Mimina schrie auf: “Oh weh!” Ulerio, der Raubvogel gesellte sich krächzend zu den beiden und fauchte die Hexe an: “Wo ist mein Lohn für diesen großen Dienst, den ich dir erwiesen habe!” Mimina fragte weinend dazwischen: “Hast du mich vom Elfenhof geraubt und hierher gebracht?” Hämisch antwortete der Vogel: “O ja, mein schönes Kind!” Nun wurde Menorma ungeduldig, und sie fuhr das schwarze Ungetüm an: “Laß das! Jetzt gehört sie mir. Ich habe dir doch gesagt, dass du noch etwas warten musst, bis ich den Zauber herbeigeschafft habe, der dir helfen wird, dich wieder zurück zu verwandeln.” Da brauste Ulerio auf: “Genug! Das hast du mir schon oft gesagt. Meine Geduld ist zu Ende. Ich gebe dir noch ein letztes Mal drei Tage Zeit, und wenn du ihn danach nicht gefunden hast, dann werde ich auch dich entführen an einen Ort, an dem Du verrecken sollst!” Nach dieser Drohung änderte die Hexe ihren Tonfall und sagte mit geheuchelter Freundlichkeit: “Mein lieber Ulerio, sprich doch nicht so mit mir. Schließlich habe ich von den Ketten befreit und dich aufgepäppelt, als du fast verhungert warst.” Darauf Ulerio: “Und dann habe ich dir gedient und alle deine Befehle ausgeführt. Als du mir diesen letzten schwersten Auftrag gabst, hast du mir den Zauber versprochen, aber jetzt hälst du mich hin - wie lange noch?” Wieder in sanften Ton antwortete die Hexe: “Ja, glaub mir doch: Ich werde den Zauber finden, ehe die drei Tage verstrichen sind, du wirst es sehen!” Damit gab sich Ulerio zufrieden. Laut krächzend flog er davon und ließ sich verdrossen auf einem Stein nieder. Menorma nahm ihre täglichen Pflichten wieder auf, warf einen Eimer auf das kleine Mädchen zu und herrschte es an: “Hol Wasser vom Bach da unten, beeil dich!” Mimina, die ihr ganzes junges Leben nur bedient worden war, wusste nicht, was sie tun sollte. Ihr Herz jagte vor Angst. Da schmiss Menorma den Eimer den Hang hinunter und stieß das kleine Mädchen nach. Mimina fiel zu Boden und rollte den Eimer hinterher. Beinahe wäre sie im Bach gelandet, hätte nicht ein Strauch sie aufgehalten. Die Hexe schrie von oben ihre Befehle, die Mimina nicht verstehen konnte. Da flüsterte ihr ein mitleidiger Frosch zu: “Fülle den Eimer mit Wasser und trage ihn hinauf. Beeile dich, die Hexe kennt keine Gnade.” Mimina folgte dem guten Rat des Frosches und schleppte den vollen Eimer hinauf. Kaum oben angekommen, sprach Menorma wieder in ihrem barschen Ton: “Du wirst es lernen müssen, mir als Magd zu dienen, anstatt am Elfenhof zu spielen. Ja, ist das eine Augenweide für meine Schmach durch meine Mutter! Wie süß ist doch die Rache!” Mimina fühlte sich schwach und elend, sie musste sich von Kräutern, Pilzen, Beeren, Wurzeln und Wasser vom Bach ernähren, wobei ihr die klugen Naturgeister dieser Gegend behilflich waren. Am nächsten Morgen machte sich Minorma bereit, weg zu gehen. Zuvor hatte sie Mimina an einen Baum gefesselt und einen Becher Wasser neben sie hingestellt, den sie gerade noch ergreifen und zum Munde führen konnte. Dann schritt sie rüstig aus und überließ das arme Kind seiner Angst und Einsamkeit. Als die Hexe außer Sichtweise war, hörte Minina ein leises Geräusch neben sich und erschrak. Ein Zwerg nahte sich ihr und flüsterte: “Hab keine Angst, kleine Prinzessin, du bist nicht allein, wir alle hier wollen dir helfen. Verhalte dich ruhig und weine nicht mehr. Ulerio ist noch nicht in der Nähe. Erst wenn der sich für ein paar Stunden von hier entfernt, kann ich dich befreien. Warte und vertraue mir!” Mimina schöpfte neuen Mut und sagte: “Ach, du guter Zwerg, ich danke dir wie all den andern, die mir in meinem Elend bis jetzt geholfen haben. Kannst du vielleicht jemanden finden, der meiner lieben Mutter eine Botschaft sendet?” Eifrig antwortete der Zwerg: “O ja, die Elster ist schon unterwegs. Für ein glänzendes Schmuckstück tut die doch alles, und davon wird am Hofe deiner lieben Mutter doch wohl genug vorhanden sein. Ich bin gespannt, ob und wann sie zurückkommt und welche Kunde sie bringt.” Mimina lächelte zum ersten Mal wieder nach all den bösen Erfahrungen, die sie gemacht hatte und sagte: “Danke, dass ihr daran gedacht habt. Ich habe so große Sehnsucht nach Mama und meinen Gespielinnen am Hof.” Der Zwerg beschwichtigte die verängstigte Prinzessin und sagte: “Sei klug und warte still auf deine Rückkehr. Sicher wird die Elfenkönigin alles in ihrer Macht stehende tun, um dich zu befreien.” Da meldete sich der Dompfaff und schimpfte kräftig drauf los: “Wann wird dieses Ungetüm von Ulerio endlich abhauen, ich guck mir noch die Augen aus, bin müde und hungrig, kann aber nicht weg, weil der immer noch da hockt und vor sich hinkrächzt. Die Hexe kommt doch frühestens morgen abend zurück, wenn überhaupt, und der Kerl weicht nicht von seinem Stein. Ach, dass ausgerechnet ich hier den Beobachter spielen muss! Ach was soll`s! Ich muss mal was trinken, der Ulerio sitzt ja doch länger da herum. Ich bin ja gleich wieder zurück.” Asch flog der Dompfaff zum nahen Bach, und als er wieder auf seinem Posten Platz nahm, staunte er nicht schlecht: “O, der Schwarze ist ja weg! Jetzt aber schnell zu den Zwergen.” Laut rief er durch den Wald: “Hallo, hallo, Ulerio ist weg, befreit die Prinzessin!” Gerade hatte der 1. Zwerg sein Messer geschärft, um die harten Fesseln Miminas zu durchtrennen, da schwebte ein dunkler Schatten heran, und der Zwerg sprang behände mit seinem Messer in eine Grube, um nicht entdeckt zu werden. Mimina ängstigte sich sehr und weinte leise vor sich hin. Ulerio sprach die Elfe an und heuchelte Freundlichkeit: “Na, kleine Elfe, wie geht es dir so nahe am Baum?” Aber Mimina antwortete nicht und hörte nicht auf die boshaften Lästerungen ihres grausamen Entführers. Nach einer Weile gab dieser auf und flog geräuschvoll davon. Sehr zum Ärger des lauernden Dompfaffs besetzte er wieder den verwitterten Stein. Die Naturgeister brachten der gefesselten Prinzessin köstliche Beeren und Kräuter, um ihren Hunger zu stillen und frisches Wasser vom Bach. So verging der erste Tag. Am Abend, als es schon dunkel war, schlich einer der Zwerge sich an den Baum heran, löste die Fesseln der Elfenprinzessin und führte sie zu einer moosbedeckten Stelle im Wald, wo er ganz vorsichtig ein paar Fichtenzweige über sie breitete. Kurz vor Sonnenaufgang pirschte ein anderer Zwerg an Miminas Lager und weckte sie sanft: “Mimina, schöne Prinzessin, wach auf und komm mit mir zu dem Baum vor der Höhle, an den ich dich leider wieder anbinden muss, damit Ulerio nichts bemerkt.” Im Nu hatte er die alten Fesseln wieder zurechtgebunden und sprach zu ihr: “So, nun musst du wieder tapfer sein und dem bösen Vogel keinen Grund geben, dich zu quälen. Wenn die Hexe wieder zurückkommen sollte, dann wird sie dich sicher befreien, damit du ihr als Magd dienen kannst.” Erfrischt und gestärkt durch die Frühgaben der Naturgeister und beruhigt durch die tröstlichen Worte des zweiten Zwerges, fand sie sich in ihr hartes Geschick und dachte an ihre so harmonische Vergangenheit am Elfenhof. Ulerio versuchte es immer wieder, sie zu schmähen und zu ärgern, aber sie blieb stumm und stellte sich schlafend. Die Zwerge warteten immer noch auf eine neue Botschaft des Dompfaffs, aber heute blieb die ganz aus. Der Schwarze entfernte sich nur kurz zur Nahrungsaufnahme, jedoch immer nur in Sichtweite der Höhle und des Baumes, an den Mimina angebunden war. So verging auch der zweite Tag. Als das kleine Mädchen nach einem erquickenden Schlaf auf weichem Moos wieder sanft geweckt und erneut an den Baum gefesselt worden war, rauschte Ulerio heran und begann erneut mit seinen boshaften Frotzeleien. Als er wiederum keine Antwort von der kleinen Prinzessin bekam, flog er zu seinem Stein und schimpfte vor sich hin. “Diese Menorma wollte doch schon vor Ablauf des dritten Tages zurück sein - Du wirst schon sehen! - Hahaha! Was werde ich sehen, ja was? Ach, da fällt mir etwas ein: “Da unten im Tal haust eine kluge Schlange, die werde ich aufsuchen und fragen.” Nach einer knappen Viertelstunde Flug schrie er laut: “Sofania, Sofania, höre mich, ich brauche deinen Rat! Hab keine Angst, ich werde dich nicht anrühren, aber komm und sprich mit mir!” Bedächtig richtete sich Sofania auf und sagte: “Wer ruft nach mir? Es ist lange her, dass einer meinen Rat suchte, und jetzt ausgerechnet du, Ulerio, was treibt dich denn zu mir her?” Mit gedämpfter Stimme erwiderte der mächtige Vogel: “Höre, Sofania, die alte Hexe Menorma ist schon am 3. Tag fort und hier, um ihr Versprechen einzulösen als Lohn für meinen großen Dienst, den ich ihr erwiesen habe. Kannst du mir sagen, ob und wann sie wiederkommt und ob sie den Zauber wirklich findet, den sie mir versprochen hat?” Einige Minuten lang war es ganz still, dann erhob Sofania ihre Stimme und gab Ulerio barsch den schlimmen Bescheid: “Sie ist von Grunmd auf böse, deine Diebin, die vom Elfenhof vertrieben wurde und nun durch dich, du Tölpel, ihre Rache auskostet. Und du glaubst ihr? Wie konntest du nur so dumm sein? Den Zauber kann sie nicht finden, weil sie einmal einen magischen Ring gestohlen hat, der ihr nicht zustand. Sie kommt nicht mehr hierher zurück und sucht weiter in ihrer Verzweifelung. Wärest du doch früher zu mir gekommen, dann hätte ich dir eine List verraten, wie du wieder zu deiner ursprünglichen Gestalt hättest zurückfinden können. Aber jetzt ist es zu spät. Der weiße Rabe, der dort drüben in dem alten Haus seinem verstorbenen Herrn, einem Magier, nachtrauerte, ist nun selber vor drei Tagen gestorben, vielleicht hätte der dir helfen können. Schade, schade, Ulerio! Ich kann dir leider nicht helfen. Wenn Menorma nicht zurückkommt, und das wird sie nicht, dann flieg weg und suche sie. Etwas anderes kann ich dir nicht raten.” Diese Antwort gefiel Ulerio ganz und gar nicht, und so schimpfte er: “Du bist genau so falsch wie die Hexe, ihr seid alle nur Satansbrut und ohne Mitgefühl für andere!” Sofania ließ das nicht auf sich sitzen und gab zurück: “Und du gehörst vor alem anderen dazu. Schämen solltest du dich, ein Elfenkind so grausam zu rauben, nur weil du den Lügen der Hexe geglaubt hast, Schande über dich!” Der 1. Zwerg hatte bereits die Fesseln am Baum vor der Höhle durchtrennt, und Mimina atmete erleichtert auf. Aber dann packte sie das Entsetzen und sie rief voller Angst: “Oh weh, oh weh, Ulerio naht, was soll ich tun? Lieber Zwerg, hilf mir, vor ihm zu fliehen!” Der Zwerg antwortete: “Komm schnell in die Höhle, in die kann Ulerio nicht eindringen.” Ulerio brüllte wütend los: O du niederträchtiges Zwergenvolk, ihr habt euch also der kleinen Prinzessin erbarmt, aber das soll euch noch teuer zu stehen kommen. Wartet nur, bis die Hexe wieder zurück ist. Was mir die falsche Schlange da unten erzählt hat, davon glaube ich kein Wort. Also, heute abend, wenn Menorma kommt, dann sollst du, kleine Elfe, erleben, wie böse die werden kann. Und ihr verschlagenen Zwerge, auch ihr werdet ihre Rache zu spüren bekommen!” Der Abend kam. Mimina schlich mit dem Zwerg aus der Höhle der Hexe, nachdem Ulerio auf seinem Stein eingeschlafen war. Da kamen die Naturgeister und erquickten Mimina mit den Früchten des Waldes und mit dem klaren Wasser aus der Quelle des Baches. Mimina wäre am liebsten gleich geflohen, aber wohin? Leise fragte sie den Zwerg: “Sag mir, lieber Zwerg, ist die Elster noch nicht zurück?” Und dieser antwortete: “Nein, liebes Elfenkind, wir warten mit großer Spannung auf ihre Rückkehr. Aber wir müssen die Nacht abwarten, vielleicht bringt sie uns gute Nachricht am frühen Morgen.” Mimina gab sich damit zufrieden und sagte: “Verehrte Königin, nun weißt du, wo du suchen musst, um dein schönes Kind zu retten. Verzeih, dass ich so lange gebraucht habe, dich hier zu finden. Ich musste oft nach dem Elfenreich fragen, und ich hoffe, dass es noch nicht zu spät ist. Vielleicht braucht die Hexe auch länger, bis sie mit dem Zauber zurück ist.” Darauf antwortete die Königin erregt: “Den Zauber, den wird Menorma nie finden, das hat sie verwirkt. Also, liebe Elster, zeige meinem Rettungstrupp den Weg zur Höhle der Menorma und zu meinem Kind. Ich gebe dir von den kostbaren Perlen und dem Geschmeide, das ich besitze, soviel du tragen kannst, und du sollst noch mehr davon haben, wenn du mir mein Kind zurückbringst.” Die Elster lächzste insgeheim nach den glänzenden Juwelen und sagte ergeben: “Gern will ich mein Bestes tun, holde Königin, um dir dein geliebtes Kind wiederzubringen. Daher schlage ich vor, gleich morgen früh aufzubrechen und in Windeseile das sonnige Land im Süden anzusteuern, das die Menschen Tessin nennen.” Das gefiel der Elfenkönigin und sie antwortete begeistert: “Ja, liebe Elster, ich werde meine Kundschafter mit Waffen, magischen Kräften und Proviant ausstatten und bei Tagesanbruch mit dir auf die Reise schicken.” So geschah es. Die Elster, beladen mit funkelnden Edelsteinen, Perlen und schönen Armreifen, flog voraus und zeigte dem kleinen Trupp von wehrhaften Elfen, Gnomen und Sylphen den weiten Weg zur entführten Prinzessin Mimina. Die Reise war beschwerlich und ermüden Flüsse, ja sogar ein Meer und hohe Berge mussten überwunden werden. Am Abend gebot die Elster, einen Schlafplatz aufzusuchen. Dagegen protestierten die Abgesandten der Elfenkönigin, die keine Zeit verlieren wollten. Aber sie mussten sich beugen, da sie von der Wegweisung der Elster abhängig waren. Am nächsten Morgen ging es nach einer kurzen Stärkung wieder weiter. Die Elster hatte ihre glitzernden Schätze wieder eingesammelt und sich damit behängt, was natürlich ihren Flug behinderte und verlangsamte. Das gefiel dem von ihr geleiteten Suchtrupp gar nicht, jedoch wurde es zerknirscht hingenommen. Am zweiten Abend, die Sonne war schon untergegangen, erreichten die Retter endlich ihr Ziel. Die Zwerge jubelten klammheimlich, gaben der Elster Zeichen zur Vorsicht, und so mussten sich Elster und Suchtrupp zunächst im Unterholz versteckt halten. Einer der Zwerge flüsterte ihnen zu: “Da seid ihr ja endlich! Oh, wärest du, liebe Elster, doch einen Tag früher gekommen mit deinen Rettern! Die Hexe ist noch nicht zurück, aber Ulerio hat in seiner Enttäuschung und Wut die arme Mimina wieder entführt, und wir wissen nicht, wohin. Vermutlich sucht er Memorma, die ihm den Zauber versprochen hat, und will sie mit der Prinzessin in seiner Gewalt erpressen. Oh, dieser Bösewicht! Hätten wir sie doch nur fortlaufen lassen, als sie das wollte! Jetzt sind alle unsere Mühen vergebens!” Da brauste die Elster auf und machte ihrer Enttäuschung Luft: “Oh, ihr Dummköpfe! Konntet ihr nicht besser auf die Prinzessin aufpassen und sie verstecken vor diesem schrecklichen Ulerio! Und was sollen wir jetzt machen?”

Im Reich der Gnomen, tief in einem für Menschen unzugänglichen Wald, wurde ein großes Fest gefeiert. Der älteste Sohn des Gnomenkönigs mit Namen Pepe wurde 12 Jahre alt. Sein Vater Audon übertrug ihm die Würde und Last des Thronfolgers nach seinem Tod. Das erfüllte den jungen Prinzen mit Glück und Stolz. Er genoss das große Fest zu seiner Ehre, und das ganze Gnomenvolk freute sich mit ihm. Noch ahnte niemand, welches Unglück über den Thronfolger hereinbrechen würde. Drei Tage nach diesem Fest ging er allein gegen den Rat seiner Lehrer und Betreuer auf Erkundungsgang. Er wollte sein zukünftiges Reich kennen lernen bis zu seinen Grenzen. Als er kurz vor der Dickichtwand , die diesen Wald säumte, ankam, stürzte er in eine Falle, die ihn zu Boden warf und ihn fesselte. Er schrie laut auf vor Schmerz. Da hörte er eine raue dunkle Männerstimme, und die kam von Magier Tario: “Das ist die Stunde meiner Rache! Jetzt bist du mein, Pepe! Dein Vater hat vor Jahren meine schönste Tochter entführt, das ist deine Mutter. Lange habe ich darauf gewartet, dass sie zu mir zurück käme, vergebens! Nun hole ich mir ihren äötesten Sohn, gerade zum Thronfolger gekürt. Damit ist Schluss. Du sollst mein Sklave sein und ewig. Die gröbsten Schmutzarbeiten werde ich dir auftragen, in meinen Werkstätten sollst du den Zwergen in meiner Gewalt zur Hand gehen und mit ihnen das Gold und Silber aus den Bergschächten herausholen. Ich werde deine Haut schwärzen, so dass du aussiehst wie ein missratener Mohr. Und falls du einen Fluchtversuch wagen solltest, wird dich, wenn du das Gnomenreich jemals wieder erreichen würdest, niemand erkennen und keiner dir glauben, dass du wirklich Pepe, der Kronprinz bist.” Der gefesselte junge Prinz schrie auf: “Oh weh mir! Was kann ich denn dafür, dass meine liebe Mutter von meinem Vater aus deinem Haus entführt wurde? Laß mich frei, ich flehe dich an, denn ich habe dir doch nichts böses getan. Laß mich nicht für die Vergehen meiner Eltern büßen, hab Erbarmen mit einem Jungen von erst 12 Jahren!” Aber Tario blieb hart und herrschte in an: “Halt dein freches Maul und ergib dich in dein Schicksal, dessen Vollstrecker nur ich bin. Hatte dein Vater Erbarmen mit mir, als er mir mein liebtes Kind raubte, he? Mein Plan liegt fest, und ich werde kein Jota davon abweichen. Also spare deinen Atem für den schweren Dienst, der dir bevorsteht.” Ein Diener näherte sich unterwürfig und sprach zu Tario: “Erhabener Meister! Ich folge deinem Befehl und löse den Jungen aus der Falle, indem ich ihm neue Fesseln anlege, so kann er mir nicht entkommen.” Tario nickte zufrieden und erteilte weitere Befehle. “R_echt so! Bring ihn ins Verließ. Heute Abend stell ihm eine dünne Suppe mit einer Scheibe hartem Brot hin. Du weißt schon, denn das machst du ja nicht zum ersten Mal!” Pepe schrie auf`s neue, weinte und war sehr unglücklich. In der Gnomenburg fragte König Audon einen Lehrer: “Wo steckt denn mein Sohn Pepe? Wer weiß, wohin er gegangen ist?” Der Lehrer antwortete etwas zögerlich: “Erhabener König! Vor zwei Tagen wollte er sein zukünftiges Reich erkunden. Ich empfahl ihm, zwei Begleiter mitzunehmen, aber er lehnte eigensinnig ab und verschwand vom Hof. Audon brauste auf: “Wie konntest du das zulassen? Warum hast du mich nicht benachrichtigt? Du hättest wissen müssen, dass er in seinem kindlichen Alter noch zu unwissend und zu unerfahren ist, um sich allein in das Waldreich zu trauen. Geh und sende Boten, die besten und erprobtesten Gnomen nach ihrem verschollenen Kronprinzen, ohne Erfolg. Aber einer fand die umgestürzte Falle und ein paar Fetzen von Pepes Gewand. Da wusste der König, dass er seinen geliebten Sohn nie wieder zu sehen bekommen würde. Er hielt diese schlimme Botschaft geheim, die Königin sollte nichts davon erfahren. Er aber konnte sich denken, wer sein Kind in der Gewalt hatte und auch weshalb. Aber seine Reue kam zu spät. Er schlief kaum mehr, zermarterte sein Hirn nach einer Lösung des Problems, gab jedoch schon bald auf in der Gewissheit, dass er den Plänen des rachsüchtigen Tario nicht beikommen könne. Seine Königin Rosenmund hatte inzwischen ebenfalls ihren ältesten Sohn vermisst und so lange am Hofe nach ihm gefragt, bis schließlich ein Diener ihr die Wahrheit verriet. Der Gnomenkönig scholt ihn und wies ihn an, nicht mehr auf die Fragen der Königin zu antworten. Rosenmund ließ jedoch nicht locker, auch andere nach ihrem Sohn zu fragen. Aber sie konnte keine weiteren Nachrichten darüber erhalten und weinte bitterlich. In ihrer Verzweifelung wandte sie sich an den König: “Audon, mein lieber Mann, sag mir doch endlich, wo unser geliebter Sohn Pepe geblieben ist. Ich verlange Aufklärung, bitte, verheimliche mir nichts. Ich muss es wissen, denn ich bin doch seine Mutter, bitte...” Audon versuchte sie zu beruhigen: “Ich kann deinen großen Schmerz verstehen, bin ich doch als Vater ebenfalls in tiefstes Leid gestürzt über das Verschwinden meines Thronfolgers. Ein Kundschafter hat in der Nähe unserer Reichsgrenze eine zerbrochene Falle und Kleiderfetzen von Pepe gefunden. Ich kann nur vermuten, dass Tario der Bösewicht ist, dein Vater, der es noch nicht verwunden hat, dass ich dich damals entführt habe. Aber du bist doch freiwillig mit mir fortgegangen, weil du die Heiratspläne deines Vaters nicht akzeptieren wolltest. War es nicht so, Rosenmund?” Die Königin erwiderte: “Ja, du hast recht. Mein Vater ist und bleibt hart, auch gegen seine eigenen Kinder, seinen Enkel wird er nicht besser behandeln. Oh, weh mir! Was kann ich nur tun, um Pepe wieder zurück zu holen? Sag mir, Audon, was wir noch tun können, strenge deinen Kopf an und suche eine Lösung, bitte!” Nach einigem Zögern sagte Audon: “Das hab ich Tag und Nacht getan, aber mir fällt nichts ein. Ich weiß nur zu gut, wie unerbittlich der alte Zauberer ist. Ich darf nicht daran denken, wie er seine Rache auskosten wird.” Rosenmund geriet immer mehr in Erregung und sagte: “Frag deine Astrologen und Wahrsager, es muss doch eine Möglichkeit geben! Ah, da fällt mir gerade ein, dass mein Vater auch Zwerge versklavt hat, die für ihn schuften müssen. Könntest du vielleicht einen Botschafter zu den Zwergen im Nachbarreich schicken? Möglicherweise wissen die einen Rat, schließlich sind auch ihre Brüder betroffen. Wer weiß, ob sie denen schon zu Hilfe kommen konnten oder auch nicht?” Da plötzlich hellte sich Audons Stimmung auf, als er sagte: “Du hast ja recht, ich muss nach Verbündeten suchen, allein kann ich die Lösung zur Rückkehr unseres Sohnes nicht finden.” Auf seinen Wink erschien ein Diener, und der König der Gnomen gab ihm den Befehl: “Höre Valento! Suche die Kundschafter, die schon seit Wochen nach dem Prinzen fahnden, besonders den, der die Falle und Kleiderfetzen von Pepe gefunden hat, und sende sie zum König der Zwerge Baradin mit einem Brief von mir, den ich sofort schreiben lasse. Geh zum Schatzmeister und erbitte einige der schönsten Karaffen, gefüllt mit köstlichen Essenzen und Beerenextrakten als Geschenk und Zeichen meiner Hochachtung.” Valento erwiderte: “Sehr wohl, mein König, ich eile und werde bald zurück sein mit den Geschenken.” Audon rief ihm noch nach: “Sag dem Schatzmeister, dass es sehr wichtig und sehr dringend ist.” König Audon diktierte seinem Sekretär einen höflich und bittend gehaltenen Brief an den König der Zwerge, verschloss und versiegelte ihn und schickte den schon bald wiederkehrenden Dieser mit einem kleinen Trupp seiner Höflinge zum Nachbarreich der Zwerge. Am Abend dieses Tages, den Audon und Rosenmund voll banger Erwartung nd auch neuer Hoffnung verbracht hatten, kehrte Valento zurück und übergab seinem König ein Antwortschreiben des Zwergenkönigs. Audom nahm dieses aufgeregt entgegen, öffnete es und las: “Mein sehr verehrter König der Gnomen, lieber Audon! Deine Nachricht vom Verschwinden deines geliebten Sohnes und Thronfolgers Pepe hat mich sehr betrübt und meinen Kummer um den Verlust von immer noch fünf Zwergen noch verstärkt. Ja, wir konnten mit vielerlei List und anstrengenden Rettungsaktionen inzwischen zwei unserer Brüder aus den Verließen des Zauberers zurückholen und sind weiter bemüht, auch die noch dort schmachtenden fünf wieder zu befreien. Ein kluger Luchs, der unser Kundschafter ist und bisher dem Einfluss des bösen Tario entgehen konnte, hat mir gestern seine Beobachtungen bei der Ankunft deines Sohnes in Tarios Reich überbracht, die ich zunächst für unmöglich gehalten hatte. Doch nach deinem Schreiben muss ich dem Luchs glauben. Hiermit spreche ich dir und deiner Königin mein tiefes Migefühl aus, gerade den Thronfolger in der Gewalt des Tario zu wissen, wo er sicher seines jungen Lebens nicht mehr froh werden kann. Ich werde alles tun, was in meiner Macht steht, um auch ihn, Pepe, beim nächsten Rettungsversuch mit meinen Zwergen herauszuholen und zunächst an meinem Hofe zu verstecken. Es dürfte dann ein Leichtes sein, von hier aus den Jungen von deinen Leuten abholen zu lassen. Aber fasse dich in Geduld, warte auf meine nächste Botschaft. Ich kann dir jedoch nicht fest versprechen, denn es ist sehr schwer, in das Reich des Zauberers einzudringen und auch wieder heil herauszukommen. Meine Anteilnahme und Hilfsbereitschaft sind dir sicher, aber frage nicht nach der Zeit und lass mir freie Hand. In brüderlicher Verbundenheit grüßt dich und deine Königin dein besorgter und mitfühlender Baradin!” Rosenmund brach in Freudentränen aus und sagte: “O wie gut ist es, dass Baradin unser Elend versteht und uns auch helfen will. Dank ihm und auch dir, lieber Audon, dass du diesen Gedanken ausführen konntest!” Weit ab vom Gnomenhof war gerade der schwarze Ulerio mit Mimina in den Fängen unsanft gelandet und knirschte: “So, das war wieder ein Stück harter Arbeit, dich so weit durch die Luft zu schleppen, aber das war das letzte Mal. Jetzt muss ich mal sehen, was ich mit dieser Geisel erreichen kann.” Mimina schluchzte und flehte ihn an: “Oh weh! Wo hast du mich denn jetzt hingeflogen? Ach, lass mich doch frei, oder bring mich zum Elfenhof zurück; meine königliche Mutter wird dich hoch belohnen, ja vielleicht kann sie dich wieder in deine ursprüngliche Gestalt zurückverwandeln. Sie tut das bestimmt, wenn ich sie darum bitte.” Ulerio erwiderte barsch: “Quatsch nicht so kindisch daher. Deine Mutter, die würde mich umbringen lassen, nachdem ich dich bei ihr abgeliefert hätte. Nein, du bleibst bei mir. Zuerst muss ich das Biest Menorma finden und mit dir in meiner Gewalt von ihr den Zauber erpressen.” Mimina meinte dazu: “Weißt du denn überhaupt, wohin sie gegangen ist? Und wird sie überhaupt jemals den Zauber finden und bei wem?” Darauf fuhr Ulerio sie an: “Frag nicht so dummes Zeug! Was weißt du verwöhntes Plag denn schon vom Leben und seinen Tücken?” Da fuhr plötzlich ein Wolf dazwischen: “Ah, da bist du ja, du Räuber und Dummkopf! Na, jetzt erzähl ich dir erst einmal, wo die Hexe ist, darauf bist du doch gespannt, nicht wahr! Die Elfenkönigin ist sehr beliebt unter den Waldbewohnern, und sie besitzt große Zauberkraft. Wir alle lieben und verehren sie und helfen ihr nach besten Kräften. Gestern berichtete mir eine hübsche Sylphe die traurige Geschichte von dem bösen Hexenstreich und deiner Untat.” Ulerio schrie erzürnt: Wo ist Menorma, sag es mir, schnell! Ich darf keine Zeit verlieren. Verkneif dir dein dummes Geschwätz!” Der Wolf darauf: “Gemach! Du hast bereits alles verspielt und weder Gnade noch Hilfe zu erwarten. Und dir bleibt nichts anderes übrig, als mir zuzuhören!” Ulerio entgegnete sehr böse: “Scher dich weg, oder ich hack dir die Augen aus!” Der Wolf lachte schallend und sagte: “Du willst mich angreifen? Armer Irrer! Ah, ich höre die Sylphe, wie sie heranschwebt. Nur kurz zu deiner Information: Die Menorma hat es bereits erwischt: An einem verdorrten Baum gefesselt, wie sie es mit der jungen Elfe gemacht hatte, muss sie zusehen, was alles um sie herum geschieht, ohne sich rühren oder sprechen zu können. Und den guten Zwergen und dem anderen Waldvolk ist es verboten, ihr zu helfen.” Ulerio schrie noch wütender: “Du redest wie die Schlange Sofania nur dummes Zeug.” Ganz gelassen antwortete der Wolf: “Jetzt wirst du ganz müde und kannst dich kaum noch auf den Beinen halten, so ist es recht! Der Zauber, den die Sylphe soeben über dich ausgegossen hat, beginnt zu wirken. Auch dir wird dein böses Handwerk gelegt, deine Flügel versteifen sich, mit dem Fliegen ist es aus, und du wirst dich zu einem Stein verformen und keinen Ton mehr von dir geben.” Mit einem dumpfen Stöhnen hauchte Ulerio seinen letzten Atem aus, und der Wald gab ein schreckliches Echo zurück. Darauf erhob Mimina ihre Stimme: “Oh, ist das schrecklich, und dennoch muss ich dir, liebe Sylphe, danken, dass du mich von diesem grausamen Entführer befreit hast. Aber sagt mir, was kann ich nun tun, um wieder zum Elfenhof und zu meiner lieben Mutter zu gelangen?” Der Wolf näherte sich ihr und sagte gutherzig: “Komm, steig auf meinem Rücken, ich will dich tragen, solange meine Kräfte das aushalten. Doch so eine junge Elfe ist ja keine Last. Auf, befreite Mimina, lass uns weiterziehen!” Mimina stimmte freudig zu und stieg auf den Wolf, der sich mit ihr rasch entfernte.

In einem anderen Wald sagte Pepe mit heiserer Stimme: “Lass uns eine Pause machen, ich kann nicht mehr! Die harte Sklavenarbeit bei so magerer Kost, die schweren Fesseln, das alles und dann die anstrengende Flucht haben mir die Kraft meiner Jugend zerstört. Lasst mich hier liegen und sterben!” Sanft redete ihm einer der Zwerge zu: “Ja, lieber Pepe, ruh dich erst einmal aus und schlaf ein bisschen. Wir sind auch sehr müde. Aber du darfst nicht sterben, auf dich wartet der Gnomenthron, deine Eltern und Geschwister.” Da flüsterte Pepe aufgeregt: “Still, ich höre Schritte!” Der andere Zwerg mahnte: “Rasch, auf den Baum, das sind Tarios Verfolger. Pepe, nimm meinen Arm!” Als die drei sich in einer Baumkrone versteckt hatten, atmeten sie erleichtert auf. Das war mal wieder gut gegangen. Pepe hängte sich in eine Astgabel und fiel sofort in tiefen Schlaf. Einer der Zwerge tat das auch, und der andere bezog einen Wachtposten.

Weiter entfernt waren auch Flüchtlinge unterwegs und mussten andere Schwierigkeiten meistern. Der Wolf sagte zu Mimina: “Meine liebe Prinzessin, ich kann es dir nicht ersparen, wir müssen durch diesen Fluss schwimmen. Halte Dich gut fest, auf meinem Rücken bist du sicher, auch wenn du ganz nass wirst.” Darauf antwortete Mimina vertrauensvoll: “Ja, lieber Wolf, ich habe schon schlimmeres durchstehen müssen. Mit dir habe ich keine Angst. Du wirst mich sicher zurückbringen, auch wenn noch mehr Gefahren zu bewältigen sind.” Ganz durchnässt und erschöpft kamen beide am anderen Ufer an und ruhten sich erst einmal aus.

Als der Suchtrupp vom Elefanten unter Führung der mit Klunkern behangenen Fenster vor der Höhle der Menorma landeten, war die Bestürzung groß, nachdem die Zwerge über das Verschwinden der Prinzessin in den Fängen Ulerios berichtet hatten. Der Abend brach herein, und ale ließen sich mit bangen Gefühlen und großer Besorgnis um die Erreichung ihres Zieles zur Ruhe nieder. Eine Elfe hielt Wache und gab sich viel Mühe, die Augen offen zu halten, tapfer kämpfte sie gegen die Müdigkeit nach der langen Reise an. Die Sonne war noch nicht aufgegangen, da nahte sich ihr eine Sylphe und flüsterte: “Wecke deine Schwestern und Brüder. Mimina lebt! Sie ist mit einem Wolf unterwegs zurück zum Elfenreich.Eine Flussnymphe hat die beiden erkannt und ihnen beim Durchqueren des Wassers gehlfen. Laßt uns schnell aufbrechen, damit wir sie noch erreichen. Der Weg ist weit.” Die Elfe, die Wache gehalten hatte, sagte: “Ja, das müssen wir tun. Aber schnell weg von hier, bevor die Elster aufwacht, die brauchen wir nicht mehr, denn die ist mit ihrer Schmucklast viel zu langsam. Bitte, liebe Zwerge, verratet uns nicht!” Behutsam weckte sie jeden einzelnen ihres Trupps und ließ die Elster schlafen. Im Nu waren alle reisefertig, und nun vertrauten sie sich der Führung der freundlichen Sylphe an.

In dem anderen Wald, der Zufluchtsort des Gnomenprinzen und seiner beiden Zwergenbegleiter geworden war, schüttelte ein Zwerg seinen Schützling Pepe und redete auf ihn ein: “Pepe, lieber Pepe, wach auf! Die Sonne steht schon sehr hoch, wir könnten hier entdeckt werden. Lasst uns weiterziehen und unter den Büschen wandern!” Pepe gähnte und fragte schlaftrunken, wo er sich denn befinde. Der Zwerg antwortet: “Frag nicht so viel, runter vom Baum und hinein in den Schatten des Waldes!” Pepe rappelt sich auf und rutschte am Stamm des Baumes hinab. Unten angekommen, sagte er: “Nun gut, ich verlasse mich weiter ganz auf euch. Ein Glück, dass sein Seil von euren Brüdern auch mich gehalten hat. Aber wo sind denn unsere Retter geblieben?” Einer der Zwerge antwortete: “Die mussten ihr Leben in Sicherheit bringen, nachdem sie das unsere gerettet hatten. Es war nicht leicht, den Wächtern des Tario zu entkommen. Nun müssen wir uns allein durchschlagen, was auch nicht leicht ist.” Der andere Zwerg mahnte zur Vorsicht und sagte: “Bald kommen wir auf eine Lichtung, aufpassen! Vielleicht finden wir einen Kundschafter unter den Waldbewohnern, der uns verrät, ob wir den freien Platz noch bei Tageslicht überqueren können oder nicht.” Pepe schaute nach oben und meinte: “Da oben schläft eine Eule, soll ich sie wecken?” Einer der Zwerge wurde ungehalten und wies ihn zurecht: “So etwas tut man nicht, es gibt genug andere, die wach sind. Wartet hier!” Er lief ein paar Schritte und rief mit verhaltener Stimme: “Hallo, lieber Zaunkönig. Darf ich dich um Hilfe bitten? Wir werden verfolgt von Taios Häschern, siehst du solche herumschleichen?” Der Zaunkönig antwortete: “Ja, ja, haltet euch bedeckt! Da hinten suchen 5 oder 6 von ihnen nach Spuren.” Der Zwerg bedankte sich und fragte: “Bewegen sie sich in unsere Richtung?” Der Zaunkönig spähte erneut nach unten und sagte: “Sie laufen hin und her, bleibt in eurem Versteck, bis ich euch ihr Verschwinden melden kann.” Alsder Zwerg den beiden alles berichtet hatte, bot Pepe seinen Begleitern an, Wache zu halten, damit sie schlafen konnten. Nach einigen Stunden kam der Zaunkönig zu Pepe und verriet ihm, dass die Verfolger in eine andere Richtung, die er ihm angab, abgezogen waren. Sofort weckte Pepe die beiden Zwerge, und sie brachen schleunigst auf, um bald wieder ein dichtes Waldstück zu erreichen. Erfrischt durch den Schlaf und die Ruhepause, wanderten sie die ganze Nacht hindurch, bis sie am frühen Morgen an einen See kamen. Das kühle Wasser zu trinken und sich darin zu waschen, das tat ihnen gut, und sie schöpften neuen Mut, den Verfolgern endgültig zu entkommen. Da tauchte eine schöne Nymphe vor ihnen auf und begann kokett mit ihren langen Haaren zu spielen, sie auszufragen nach Herkunft und Ziel. In der Hoffnung auf deren Hilfe, die sie dringend brauchten, erzählten sie ihr von ihrem bösen Geschick und baten artig und ihren Rat. Aber die Wasserjungfrau war noch zu jung und unerfahren und konnte ihnen nun einen sicheren Weg um diesen großen See beschreiben. So machten sie sich wieder auf und hielten sich vorsichtig und angespannt lauschend an die neue Route. Am Nachmittag unterbrachen sie ihren Marsch, um am Rande eines stillen Steinbruchs nach Kräutern und Beeren zu suchen und nach einer Stärkung bis zum Anbruch der Nacht zu schlafen. Diesmal glaubten sie sich so sicher, dass keiner Wache hielt. Aber dieser Fehler wurde ihnen zum Verhängnis. Aus dem tiefen Schlaf gerissen, schrie Pepe plötzlich auf: “Au, au, mein Fuß, au!” Der Magier Zaurus griff hart nach dem Jungen und sagte: “Ja, dein Fuß hat dich verraten, den hast du zu weit vorgestreckt. Jetzt gehörst du mir! Dem Tario, meinem Bruder, dem bist du zwar entkommen, das kann ich gut verstehen, denn der ist eine Bestie! Er hasst alles, was ihm nicht pariert. Hab keine Angst, mein Junge, ich will an dir nur einen Zauber ausprobieren.” Die beiden Zwerge hatten sich rasch aufgerappelt und aus dem Staub gemacht. Zaurus rief ihnen nach: “Lauft nur, ihr Zwerglein, an euch hab ich kein Interesse, aber der hier, den Tario geschwärzt hat, ja mit dem habe ich etwas Besonderes vor.” Im Herrschaftsbereich des Zaurus befanden sich auch Mimina und der Wolf. Die Elfenprinzessin war sehr erschöpft nach all den Strapazen, und sie war sofort eingeschlafen, als der Wolf mit ihr Halt machte und sie absteigen ließ. Da hörte der Wolf Stimmen aus seinem Rudel, nach dem er so lange gesucht hatte, seit seine Mutter ihn durch den Tod entrissen worden war. Diesen Rufen konnte er nicht widerstehen, rannte über Stock und Stein zu seinen Artgenossen und vergaß die schlafende Elfenprinzessin, die seiner Obhut anvertraut war. Ein Waldkauz entdeckte das kleine Mädchen und machte sich einen Spaß daraus, das dem Zaurus zu verraten. Schon bald war er zur Stelle und griff auch nach ihr. Mimina schrie auf: “Oh, was ist denn los? Lasst mich noch ein wenig schlafen, ich bin so schrecklich müde.” Zaurus antwortete barsch: “Das kannst du auf meiner Burg auf einem besseren Lager. Ich trage dich dorthin, schönes Elfenkind. Hab keine Angst!” Mimina fragte ängstlich: “Wer bist du? Ich fürchte mich vor dir. Was hast du mit mir vor?” Mit ruhiger Stimme erklärte Zaurus: Ich will dir nicht wehtun, Kleines, aber verzaubern will ich dich und dir auch einen Gefährten geben.” Mimina jammerte und flehte ihn an: “Oh nein, lass mich frei, damit ich mit den Wolf - wo ist er? - zu meiner Mutter, der Elfenkönigin, zurückfinden kann.” Darauf erwiderte Zaurus: “Deine Mutter wirst du nie mehr sehen. Aber eine andere aus dem Menschenreich wird dich aufnehmen in deiner veränderten Gestalt und dich liebevoll hegen und pflegen.” Mimina weinte bitterlich und begehrte auf: “Oh weh, ich bin eine junge Elfe und will es bleiben und nicht zu den Menschen gehen.” Darauf sagte Zaurus fest und bestimmt: “Darüber kannst du jetzt nicht mehr bestimmen, sondern nur ich. Und ich meine es gut mit dir, auch wenn ich einen Zauber an dir ausprobiere.” Da flehte Mimina erneut unter Tränen: “Hast du denn kein Herz für ein Kind, das ich noch bin, das nur zu seiner Mutter zurück will und all dem Schlimmen, das es erlebt hat?” Zaurus antwortete belustigt: “Ein Herz? Zauberer können kein weiches Herz haben, sonst geht ihnen die magische Kraft verloren. Aber die Menschen, besonders die Frauen, die haben oft ein gutes und weiches Herz - und zu so einer werde ich dich bringen - später - jetzt musst du erst ausschlafen und wieder zu Kräften kommen. Nachdem die kleine Prinzessin nach langem und tiefem Schlaf aufgewacht war, entdeckte sie ihre Verwandlung und klagte: “Pah, so ein fahles Fell, Schnurrhaare, Pah! Einen langen, geringelten Schwanz! Sehen so Katzen aus? Wenn meine arme Mutter mich so sehen könnte, sicher würde ihr Herz brechen vor Entsetzen darüber, was aus mir, einstmals einer jungen schönen Elfe geworden ist! Aber...” Darauf bekam sie Antwort von Pape: “Miau! Bist du meine neue Gefährtin? Du bist eine sehr zierliche hübsche Katze mit einem ganz hellen Fellkleid! Wie gut, dass ich nicht allein in dieses Elend der Zauberei gestoßen bin! Ich bin, - ich meine ich war -, Pepe, der älteste Prinz und Thronfolger des Gnomenkönigs Audon und der Königin Rosemund! Ach, all mein Stolz ist dahin, und ich muss nicht als schwarzer Kater fortan durchs Leben schlagen. Mimina horchte erstaunt auf und sprach erfreut zu dem neuen Gefährten und Schicksalskameraden: “Sei nicht traurig, lieber Pepe, ich darf mein schlimmes Schicksal mit dir teilen. Auch ich - ja war - Mimina und sollte meiner Mutter auf dem Elfentron folgen. Ich war schön und wurde von allen bewundert und geliebt. Aber ach, das ist vorbei. Jetzt bin ich nur noch eine kleine Katze, und ich fühle mich gar nicht wohl in meiner neuen Gestalt. Hätte mich der Wolf doch nicht so verantwortungslos einfach verlassen, aber, aber - es ist geschehen und vermutlich entgültig.” Pepe stimmte ihr zu und sagte: “Liebe Mimina, jetzt muss ich dich trösten. Wollen wir zusammen unseren neuen schweren Weg gehen, du und ich?” Mimina erwiderte: “O ja, lieber Prinz Pepe, ich will mich gern mit dir zusammentun, sei mein großer Bruder, und ich will deine kleine Schwester sein. Miau!” Da stand plötzlich Zaurus vor ihnen und sagte: “Nun, sieh mal an! Wie schnell habt ihr euch gefunden und beschlosen, als Kater und Katze euren Weg zusammen zu gehen! Darum will ich euch zu einem neuen Lebensraum bringen.”

Am Waldrand einer Stadt im Tessin wunderte sich eine Menschenfrau: “O, was treibt sich denn da auf meiner Wiese herum? Gestern erst habe ich das zierliche Kätzchen von der Straße aufgehoben, wo es leicht verletzt worden war. Ich habe es versorgt und auf ein weiches Kissen gebettet. Und heute taucht ein großer schwarzer Kater auf und wirkt ganz zutraulich. Den nehme ich gern noch dazu. Dann sind die beiden nicht so allein.” Die Katze Mimina erholte sich schon bald und schloss sich dem kräftigen Kater Pepe vertrauensvoll an. Sie durchstreiften den nahen Wald, jagten hin und wieder eine Maus oder einen Jungvogel, wie das die Katzen so tun. Nach und nach gewannen sie ihrem neuen Leben Freude und Zufriedenheit ab und vergaßen mehr und mehr ihre Herkunft, ihre Eltern, ihre königlichen Ziele und alles, was ihnen in ihrem früheren Leben wichtig war. Das Ehepaar, das ihnen ein schönes Zuhause eingerichtet hatte, geizte nicht mit Streicheleinheiten und liebevoller Pflege und gutem Futter. So wurden sie glücklich und genossen ihre innige Freundschaft, eine ungewöhnliche Freundschaft, wie sie nur echte Königskinder zu pflegen wissen.

(c) Anneliese Useldinger / Bonn


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Mimina und Pepe

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